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Eine Krebspatientin erzählt

„Meine Kinder? Klar sind die geimpft!“

Es ist das Jahr 2007, die HPV-Impfung wurde gerade in Deutschland eingeführt. Viel zu spät für Michaela Biermann, mit gerade mal 29 Jahren erkrankt sie an ­Gebärmutterhalskrebs. Es ist ein Adenokarzinom, das als besonders aggressiv gilt. Fünf Monate soll sie nach der Prognose des Arztes noch zu leben haben. Zum Glück kommt alles anders...

Von Günter Löffelmann Veröffentlicht:

Günter Löffelmann: Frau Biermann, wie geht es Ihnen heute?

Michaela Biermann: Ich habe die Krebserkrankung überstanden, bin verheiratet, habe zwei gesunde Kinder und arbeite in meinem neuen Beruf als Kauffrau für Groß- und Außenhandel im Innendienst eines Hamburger Unternehmens. Es geht mir gut.

Vor 14 Jahren sah Ihre Welt anders aus.

Das kann man wohl sagen, sie ist damals für mich zusammengebrochen. Ich hatte gerade meinen Mann kennengelernt, war auch schon in der elften Woche schwanger, als es bei der Früherkennungsuntersuchung für Gebärmutterhalskrebs einen auffälligen Befund gab. Die Frauenärztin hat den Abstrich dann wiederholt und in ein anderes Labor geschickt – selbes Ergebnis. Nach der Biopsie war dann klar: Ich habe Krebs, ein Adenokarzinom. Der Arzt saß mir gegenüber, hatte selber Tränen in den Augen, und sagte: ‚Der Krebs hat wahrscheinlich schon in die Gebärmutter gestreut, ich gebe Ihnen noch fünf Monate.‘ Das saß. Ich war seit dem 16. Geburtstag immer bei der Vorsorgeuntersuchung. Warum also ich? Mit 29! Warum in der Schwangerschaft?

Wie ging es dann weiter?

Zunächst hieß es: Schwangerschaftsabbruch und Gebärmutter raus. Aber ich bin eine Kämpferin, ich sagte mir, das kann nicht alles sein. Und wir haben dann auch eine andere Lösung gefunden. In der 13. Schwangerschaftswoche wurde eine Konisation gemacht, der Tumor und 23 Lymphknoten entfernt. Zum Glück waren alle frei von Tumorzellen. Danach haben wir engmaschige Kontrollen gemacht und meine Tochter in der 34. Woche als Frühchen zur Welt gebracht. Der nächste Schock war, dass sie auf der Intensivstation mehrmals intubiert werden musste, eine Überdruckbeatmung brauchte usw., das ganze Programm. Was mich anbelangt, so sollte sechs Wochen später eigentlich die Gebärmutter entfernt werden. Wir entschieden uns aber zu einer Trachelektomie, einer Teilentfernung des Gebärmutterhalses, bei der die Fertilität erhalten bleibt.

Michaela Biermann

Michaela Biermann

© Privat

Sie wollten noch ein Kind?


Ein Vierteljahr später war ich wieder schwanger, dieses Mal mit einem Jungen. Er kam dann per Kaiserschnitt zur Welt, und dieses Mal war ich einverstanden damit, die Gebärmutter zu entfernen. Dann entschied sich aber der Arzt dagegen, und sagte: ‚Übertherapien wollen wir Sie auch nicht.‘ Operiert werden musste ich trotzdem nochmal, da ich postoperativ ein Lymphödem im linken Bein hatte.

Wie haben Sie das alles geschafft?

Wir waren damals zwar erst sehr kurze Zeit zusammen, aber mein Mann hat mich sehr unterstützt und mir Kraft gegeben. Und ich dachte mir, wenn ich in Selbstmitleid verfalle und die ganze Zeit heule, dann hilft das auch nicht. Ich habe mir dann die positiven Sachen gesucht. Wir wollten heiraten, also habe ich mich in die Hochzeitsvorbereitungen gestürzt. Ich kam gar nicht dazu, mich mit dem Krebs zu beschäftigen. Sechs Monate nachdem wir uns kennengelernt hatten, haben wir standesamtlich geheiratet, genau an unserem Jahrestag auch noch kirchlich. Da habe ich auch wieder die ganze Organisation übernommen, das hat mir sehr gutgetan. Und ich wusste, ich schaffe es.

Was denken Sie, hätten Sie sich als Jugendliche ­impfen lassen, wenn es diese Möglichkeit schon gegeben hätte?

Auf jeden Fall, ich habe alle Impfungen, mein Impfpass ist lückenlos. Auch unsere beiden Kinder – die Tochter ist jetzt dreizehneinhalb, der Sohn zwölfeinhalb – sind gegen HPV geimpft, beide im Alter von zehn Jahren. Wir haben sie damals gefragt, ob sie die Impfung machen lassen wollten. Sie kannten ja die ganzen Hintergründe, und unsere Tochter sagte sofort: ‚Klar, mache ich!‘ Lediglich unser Sohn hatte anfänglich Zweifel, der meinte, er könne das doch gar nicht kriegen. Dann haben wir ihm erklärt, dass er auch HPV-Träger sein kann und einmal seine Freundin oder Frau anstecken kann und die dann möglicherweise Krebs kriegt. Dann war auch er einverstanden und sagte: ‚Komm Mama, die zwei Pikser tun nicht weh, ich mach das auch.‘

Raten Sie Ihren Bekannten zur HPV-Impfung?

Im engeren Freundeskreis schon, gerade als die Kinder in dem Alter damals waren. Da habe ich schon gesagt, dass man sich ja schützen kann. Einige haben die HPV-Impfung machen lassen, andere auf Durchzug geschaltet.

In Deutschland sind im internationalen Vergleich ­relativ wenige Mädchen geimpft, Jungen sowieso nur seltenst. Was glauben Sie, woran das liegt?

Das Thema wird, glaube ich, nicht ernst genug genommen. Es wird auch wenig Werbung dafür gemacht. Man muss da im Grunde genommen selber draufkommen, auf dem Tablett wird es einem nicht gerade serviert.

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, dass mehr Jugendliche gegen HPV geimpft werden?

Also, ich würde sagen, die Ärzte müssten mehr aufklären. Das sollte beim Kinderarzt schon anfangen. Der Kinderarzt stellt ja das Impfbuch aus, informiert über Tetanus und Diphtherie usw., und wenn man nach Bayern fährt, heißt es: ‚Da sollten Sie Ihre Kinder aber gegen FSME impfen lassen‘. Aber über die HPV-Impfung habe ich bei unserem Kinderarzt nie etwas gehört. Bei mir war es der Frauenarzt, der mich auf das Thema ansprach. Der sagte irgendwann: ‚Die Kinder sind soweit, wollen Sie sie impfen lassen?‘ Die Frauenärzte wissen ja, wann ihre Patientinnen entbunden haben. Dann können sie auf das Alter der Kinder schließen und das Thema beispielsweise bei der Vorsorgeuntersuchung ansprechen.

Was halten Sie von Aktionen an Schulen?

Meines Erachtens müsste man das schon in der Grundschule machen, da sind die Eltern noch sehr präsent. In den weiterführenden Schulen kommen die Eltern immer seltener zu den Elternabenden. Daher, glaube ich, ist es vergebene Liebesmüh das Thema auf einem Elternabend an einer weiterführenden Schule noch groß anzubringen. Aber in dem Alter kann man auch auf die Jugendlichen selber zugehen, in Sportvereinen, in Schwimmbädern, in der Tanzschule usw., dort Flyer auslegen oder auch Veranstaltungen anbieten.

Was sagt eigentlich der Arzt, der Sie damals betreut hat, zu Ihrer Geschichte?

Dass der Weg, den ich gegangen bin, schon ziemlich einmalig ist; mit einer Konisation und Lymphknotenentfernung in der Schwangerschaft, hinterher mit einer Trachelektomie und dann noch einer Schwangerschaft. Ich fahre normalerweise immer noch jährlich zur Vorsorgeuntersuchung zu ihm in die Klinik und nehme meinen Mann und die Kinder mit. Er hat sie ja zur Welt gebracht, und nun sind sie schon fast so groß wie er. Ich glaube, das ist auch für einen Arzt ein ganz tolles Erlebnis.

IMPRESSUM

Springer Medizin Verlag GmbH,

Am Forsthaus Gravenbruch 5–7,

63263 Neu-Isenburg

Geschäftsführer: Fabian Kaufmann, Dr. Cécile Mack, Dr. Hendrik Pugge

V.i.S.d.P.: Denis Nößler

Redaktion: Hauke Gerlof, Kathrin Handschuh, Günter Löffelmann

© Springer Medizin Verlag GmbH

Mit freundlicher Unterstützung von Vision Zero e.V., Berlin

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