Finanzmärkte

Nachhaltigkeit: Das Chamäleon für Anleger

Unternehmen buhlen mit dem Modewort Nachhaltigkeit um das Kapital von Anlegern. Doch je nach Branche hat der Begriff eine andere Bedeutung. Was heißt das für Unternehmen im Gesundheitsbereich?

Von Richard Haimann Veröffentlicht:
Grüner Fußabdruck; Nachhaltigkeit spielt für für Anlegerinnen und Anleger eine immer größere Rolle.

Grüner Fußabdruck; Nachhaltigkeit spielt für für Anlegerinnen und Anleger eine immer größere Rolle.

© RuslanDashinsky / Getty Images /

Neu-Isenburg. Nachhaltigkeit ist derzeit das große Investmentthema. Börsennotierte Unternehmen überbieten einander mit Angaben, wie sehr sie auf eine „umwelt- und sozialgerechte Unternehmensführung“ achten. Im englischsprachigen Finanzjargon Environmental Social Governance genannt, kurz: ESG. „Die Integration dieser drei Faktoren in die Analyse von Unternehmen wird für Anleger immer wichtiger“, sagt Ryan Oden, ESG-Aktienanalyst bei der New Yorker Investmentgesellschaft AllianceBernstein.

Dabei müssen Anleger jedoch unterscheiden, welche ESG-Kriterien für welche Branche entscheidend sind. Bei Energieversorgern kommt es primär auf die Reduktion von Kohlendioxid-Emissionen und damit den Klimaschutz an. „Die Europäische Union investiert in den kommenden Jahren 1000 Milliarden Euro in den Green-Deal“, sagt Uwe Wiesner, Anlagestratege bei der Berliner Vermögensverwaltung Hansen & Heinrich. 4000 Milliarden US-Dollar, umgerechnet rund 4680 Milliarden Euro, wollen die USA aufwenden, um die CO2-neutrale Energieversorgung zu fördern, intelligente Stromnetze zu schaffen und die Verkehrsinfrastruktur zu modernisieren.

Von Staatsseite gepampert

„Von den staatlichen Programmen profitieren viele Unternehmen“, sagt Wiesner. Ein Beispiel dafür sind Energieversorger wie die deutsche RWE, die italienische Enel und die auch in Lateinamerika aktive spanische Endesa. Alle drei wollen in den kommenden Jahren massiv Solar-, Wasser- und Windkraftwerke errichten und im Gegenzug die Verfeuerung fossiler Brennstoffe wie Gas und Kohle zurückfahren.

Ein weiteres Beispiel seien der Essener Stromnetzbetreiber E.ON, der französische Wasser- und Abwassernetzbetreiber Veolia und sein US-Pendant American Water Works. Sie alle dürften durch den staatlichen Geldregen in die Lage versetzt werden, ihre Leitungssysteme so zu modernisieren, dass weniger Transportverluste anfallen. Dadurch könnten sie Umsatz und Gewinn steigern. „Die Aktien dieser Unternehmen sind damit langfristig attraktiv“, sagt Wiesner.

Patientenwohl befeuert Aktienkurs

Hingegen seien bei Pharmaunternehmen soziale Faktoren sehr viel wichtiger – insbesondere der Behandlungserfolg, sagt AllianceBernstein-Analyst Oden. Entscheidend unter den drei ESG-Kriterien sei hier nicht das E für Environmental, der Umwelt- und Klimaschutz, sondern das S für Social, für die soziale Entwicklung der Gesellschaft. „Unternehmen, die die Qualität der Gesundheitsversorgung verbessern, haben einen positiven Einfluss auf das gesamte soziale System“, sagt der Analyst. „Dadurch sind sie in einer Zeit steigender Gesundheitskosten und verstärkter staatlicher Eingriffe gut für weiteres Wachstum positioniert.“

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Der Aktienkurs eines börsennotierten Gesundheitsunternehmens werde kaum steigen, wenn es seine Fahrzeugflotte auf Elektromobile umstellt. Sehr wohl aber, wenn es ihm gelinge, durch neue Produkte oder eine bessere Patientenversorgung Marktanteile zu gewinnen. Ein Beispiel dafür sei der, wie alle anderen im Text genannten ausländischen Unternehmen, auch an deutschen Börsen gelistete US-Krankenversicherungskonzern UnitedHealth, sagt Oden. „Das Unternehmen hat sich auf wertschöpfende Ergebnisse spezialisiert“, die sowohl seinen Versicherten, wie seinen Aktionären zugutekämen.

Neue Produkte & bessere Patientenversorgung können rentieren

Die Krankenversicherung mit Sitz in Minnetonka im US-Bundesstaat Minnesota hat mit angestellten Medizinern und Datenspezialisten eine Researchabteilung aufgebaut, die langfristig analysiert, welche Operations- und Behandlungsmethoden die besten Ergebnisse für den Heilerfolg der Patienten bieten. Anschließend verpflichtet UnitedHealth Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte, mit denen es zusammenarbeitet, diese Therapien einzusetzen. „Dadurch konnte in den vergangenen Jahren die Dauer der Krankenhausaufenthalte pro Fall um 40 Prozent verkürzt und die Sterblichkeitsrate bei Patienten mit angeborenen Herzerkrankungen um 41 Prozent gesenkt werden“, sagt der Analyst.

Als Folge steigen Umsatz und Gewinn kontinuierlich seit Jahren. Im jüngsten Quartal wuchs der Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um weitere 16 Prozent auf 71,3 Milliarden US-Dollar. Die Dividende wurde dieses Frühjahr um 16 Prozent auf 5,8 US-Dollar je Aktie angehoben. Der Aktienkurs ist in den vergangenen zwölf Monaten um 25 Prozent gestiegen. Ein weiteres Beispiel sei Edwards Lifesciences, sagt Oden. „Das Medizintechnikunternehmen aus Irvine in Kalifornien hat Herzklappen entwickelt und auf den Markt gebracht, die viel preiswerter sind als jene der Konkurrenz.“

Dadurch können in den USA nun auch Patienten Herzklappen erhalten, denen die teureren Produkte anderer Anbieter bislang von ihren Krankenkassen versagt worden waren. Zudem seien die Klappen von Edwards Lifesciences robuster und leichter zu implantieren. „Das begünstigt kürzere Genesungszeiten und hilft den Patienten länger zu leben“, sagt der Analyst. Ein Gedanke, den auch Anleger goutieren. Der Aktienkurs ist in den vergangenen zwölf Monaten um 42 Prozent gestiegen.

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