Geld und Vermögen

Ölkatastrophe kratzt am sauberen Ethik-Image

Der Untergang der Ölbohrplattform Deepwater Horizon setzt den Fonds zu, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben. Zieht Ethik damit bei Anlegern nicht mehr?

Von Richard Haimann Veröffentlicht:
Kein Bild der ökologischen Nachhaltigkeit: Auf seiner Website zeigt BP LiveVideos zur Situation am Leck des Bohrloches im Golf von Mexiko.

Kein Bild der ökologischen Nachhaltigkeit: Auf seiner Website zeigt BP LiveVideos zur Situation am Leck des Bohrloches im Golf von Mexiko.

© dpa

FRANKFURT / MAIN. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat nachhaltigen Investmentfonds einen massiven Imageschaden beschert. Denn viele Ethik-Fonds haben die BP-Aktie in ihrem Portfolio. Wind- und Wasserkraft, Solarenergie, Bio-Kraftstoffe - in den vergangenen Jahren hatte BP alles getan, um sich als Vorreiter bei der Erschließung alternativer Energiequellen zu präsentieren. Selbst einen neuen Namen hatte sich der Konzern gegeben: Das Kürzel stand nicht länger für British Petroleum, sondern für Beyond Petroleum - frei übersetzt: nach dem Öl-Zeitalter.

Tatsächlich aber macht das in London ansässige Unternehmen mit seinen weltweit 80 300 Mitarbeitern den Großteil seines Umsatzes von umgerechnet rund 170 Milliarden Euro im Jahr unverändert mit dem fossilen Brennstoff. Der Schutz der Umwelt spielte bei dessen Förderung offenbar keine große Rolle, wie der Untergang der Ölbohrplattform Deepwater Horizon im April zeigt.

Der Imageschaden durch die größte Umweltkatastrophe der jüngeren Geschichte ließ nicht nur den Kurs der BP-Aktie seither um über 22 Prozent einbrechen. Auch der Ruf der Öko- und Ethik-Fonds ist seither schwer angekratzt. "Nicht wenige nachhaltige Fonds haben auf das Katastrophen-Unternehmen BP gesetzt", weiß der Branchendienst Ecoreporter.de. Auch im Dow-Jones-Index Sustainable World, der die Kursentwicklung der Aktien der weltweit größten umweltgerecht wirtschaftenden Unternehmen widerspiegelt, ist das Papier vertreten. Für Pascal Schuler, Fondsmanager bei Swisscanto, ist das ein klarer Fehler: "Der Raubbau fossiler Ressourcen ist nicht nachhaltig."

Ethik-Fonds



(hai)

"Die Investmentfondsanbieter müssen die Begriffe Nachhaltigkeit und Ethik neu und schärfer definieren", sagt Dieter Thomaschowski, Analyst bei Investment Research in Change IC (IRICIC). Die BP-Aktie sei nicht der einzige umstrittene Wert in den Portfolios vieler nachhaltiger Fonds. "Viele Manager halten auch Papiere von Energiekonzernen mit Kohle- und Kernkraftwerken sowie von Nahrungsmittelherstellern, die auch ungesundes Fast Food produzieren", sagt Thomaschowski.

Ursache sei der hohe Anlagedruck, der auf den Fonds laste. Nach einer Studie von Deutsche Bank Research wuchs das Volumen der Ethik-Fonds bislang jährlich um fast 50 Prozent. Weltweit sind insgesamt 6800 Milliarden Euro in den Produkten investiert. Damit ließ sich der ursprüngliche Anlagegrundsatz nicht mehr halten. "Früher waren Aktien von Unternehmen tabu, die ihr Geld mit Alkohol, Atomkraft, Gen-Technik, Öl, Rüstungsgütern, Sex und Tabak verdienen", erläutert Thomaschowski.

Als immer mehr Geld in die Fonds strömte, suchten die Manager nach neuen Anlagegrundsätzen, um das Kapital ihrer Anleger breiter streuen und damit die Risiken reduzieren zu können.Viele Fonds gaben sich einen neuen ethischen Grundsatz: das Prinzip des Klassenbesten. Thomaschowski: "Manager, die diesem Prinzip folgen, können auch Aktien von Konzernen erwerben, die umstrittene Produkte herstellen - solange diese Unternehmen dabei ethisch weniger schlimm handeln als ihre Mitbewerber."

Pensionskassen und Versicherungen sehen Ethik-Fonds deshalb inzwischen kritisch. Nach einer Umfrage von Union Investment, dem Fondsanbieter der Volks- und Raiffeisenbanken, wollen institutionelle Investoren künftig weniger stark in nachhaltige Aktien investieren als bislang. "Profiinvestoren haben ein zwiespältiges Verhältnis zur nachhaltigen Kapitalanlage", sagt Union-Investment-Vorstandsmitglied Alexander Schindler.

Es stellt sich die Frage, was eigentlich ein nachhaltig agierendes Unternehmen ist. Thomaschowski bringt das Dilemma auf den Punkt: "Bei einem Gentechnik-Konzern lässt sich einerseits ins Feld führen, dass er massiv in die Natur eingreift und seine Aktie deshalb nicht in einen nachhaltigen Fonds gehört - andererseits könnte argumentiert werden, dass gentechnisch veränderte Pflanzen resistenter gegen Schädlinge sind und deshalb weniger Pestizide ausgebracht werden müssen."

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