Praxisführung

Österreichischen Arzt zog's in den Oberharz

Seit zwei Jahren praktiziert der Wiener Hausarzt Dr. Norbert Mair in Schierke, einem Erholungsort im Oberharz. Die Zusammenarbeit zwischen den Ärztekammern in Österreich und Sachsen-Anhalt machte es möglich.

Von Petra Zieler Veröffentlicht:

"Ich bin hier sehr zufrieden und hätte nie gedacht, dass es so schön wird", sagt der 57-Jährige Arzt über seine Arbeit am Fuße des Brockens. Und Vergleichsmöglichkeiten hat er genug: Nach Studium und Promotion hatte Mair zunächst in eigener Niederlassung in Österreich gearbeitet, war später im Bereich der pharmazeutischen Medizin tätig, hat geforscht und dabei gleichzeitig die ganze Welt kennengelernt. 1999 ging der Hausarzt nach England - sechs lange Jahre. "Ein hartes Stück Arbeit, besonders wenn man sich als Sozialmediziner versteht. Es zog mich wieder in Heimatnähe."

Mitte 50 war Norbert Mair damals. Eine eigene Praxis aufzubauen, schloss er für sich aus. Er war aber durchaus bereit, auch außerhalb Österreichs zu arbeiten. "Ein neues Standbein wollte ich über meine Ärztekammer suchen."

Und das funktionierte. Bei dem Arzt meldete sich Martin Montowski, Geschäftsführer des Medizinischen Versorgungszentrums Harz (MVZ), der einen Hausarzt für Schierke suchte. Der Ort war dem Mittfünfziger nicht unbekannt. "Schierker Feuerstein trinkt man auch bei uns zu Hause, meine Mutter hatte Bekannte in Ilsenburg, und über den Harz hatte ich bereits viel gelesen, nicht nur in Goethes Faust."

Da die Konditionen schnell geklärt waren, zog der Österreicher in den Oberharz und übernahm als angestellter Arzt beim MVZ die Hausarztpraxis. Die meisten seiner Patienten sind alt. Jüngere kehren dem bekannten Urlaubsort den Rücken. Außer Tourismus läuft hier kaum noch was. "Ich hatte noch nie so schwerkranke Patienten."

Deutschland nähert sich englischen Verhältnissen an

Diesen Patienten fühlt sich Mair verpflichtet: "Ich glaube an Sozialmedizin. Hier kann ich sie praktizieren, kann es mir erlauben, ethisch zu sein." Dafür ist er dankbar. "Das ist mir wichtiger als das deutlich höhere Honorar in England."

Leider aber würden einige Tendenzen in Deutschland in Richtung englisches Gesundheitswesen deuten. Mair macht das fest an langen Wartezeiten bei Fachärzten oder auf Termine. "Wenn ich meine Herzpatienten einmal im Jahr zum Kardiologen schicke, muss ich ganz schön kämpfen, sie möglichst zeitnah unterzubekommen." Das gebe es in Österreich nicht. "In der Beziehung sind wir noch eine Insel der Glückseligen."

Beim Vergleich beider Gesundheitssysteme kommt Mair schnell auf die Direktverträge zu sprechen, um die sich in Österreich jeder einzelne Arzt selbst kümmern muss. "Ich höre aus Bayern, dass viele Ärzte dorthin streben wollen. Das kann schief gehen. Wer Kassenärztliche Vereinigungen abschaffen will, sollte sich das vorher gut überlegen, zumal es in Deutschland unendlich viel mehr Kassen als bei uns gibt. Da ist nicht nur alles überschaubarer, da spielt sich vor allem alles innerhalb der einzelnen Bundesländer ab." Nachteile seien oft sehr lange Wartezeiten auf einen Kassenvertrag, zudem gebe es im Nachbarland nur wenig angestellte Ärzte im ambulanten Bereich, und MVZ seien völlig unbekannt.

"Zentren dieser Art geben nicht nur älteren Ärzten wie mir die Chance zu einem Neuanfang, gerade für junge Ärzte, die sich nicht gleich verschulden wollen, sind sie eine gute Alternative zur eigenen Praxis."

Norbert Mair genießt vor allem, die bürokratischen Hürden weitgehend umschiffen zu können. "Ich bin einfach Arzt." In Schierke will er mindestens bis zu seinem 60. Lebensjahr bleiben, vielleicht auch länger - dann aber möglichst mit verkürzter Arbeitszeit. Er freut sich darauf, dass seine Frau - eine OP-Schwester - voraussichtlich in diesem Jahr in Pension geht. "Wenn sie dann öfter in Schierke sein kann, bin ich noch glücklicher."

Kammer setzt auf Ärzte aus dem Nachbarland

Bereits seit drei Jahren ist die Ärztekammer Sachsen-Anhalt mit der Ärztekammer in Österreich im Gespräch, berichtet Dr. Rüdiger Schöning, Ärztlicher Geschäftsführer der Ärztekammer. Initiator der Zusammenarbeit sei die Landeskrankenhausgesellschaft gewesen. Dabei sei das Ziel gewesen, Weiterbildungsassistenten für Sachsen-Anhalt zu gewinnen. "In Österreich müssen Medizinabsolventen oft sehr lange auf einen Ausbildungsplatz warten. Wir bieten ihnen an, bei uns ihre Weiterbildung zu machen", sagt Schöning. Die Prüfung könne dann in Sachsen-Anhalt oder in Österreich abgelegt werden. "Wenn einige auch danach in Sachsen-Anhalt bleiben wollen, würde uns das sehr freuen."

Aber wie das Beispiel von Dr. Mair zeigt, sind nicht nur junge Ärzte gekommen, und das ist auch so gewollt. "Aufgrund der demografischen Entwicklung suchen wir natürlich auch Fachärzte. Immerhin haben wir derzeit in Sachsen-Anhalt 230 freie Hausarztsitze und 175 zu besetzende Stellen in Krankenhäusern", erklärt Schöning.

Bislang sind 18 Ärzte aus dem Nachbarland gekommen. Schöning: "Und ich bin optimistisch, dass es künftig noch mehr werden." Für Mitte März habe man alle österreichischen Ärzte, die in Sachsen-Anhalt praktizieren, eingeladen. Um von ihnen zu hören, wie es ihnen in ihrer neuen Heimat gefalle, und um zu erfahren, was die Ärztekammer künftig berücksichtigen sollte.

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