Therapietreue

Stellschraube mit Potenzial

In Sachen Compliance ließe sich bei Typ-2-Diabetikern noch einiges herausholen, sind Berater von IMS Health überzeugt.

Von Christoph WinnatChristoph Winnat Veröffentlicht:
Es ist nicht immer einfach, Patienten in Sachen Compliance zu überzeugen.

Es ist nicht immer einfach, Patienten in Sachen Compliance zu überzeugen.

© Alexander Raths / Fotolia

NEU-ISENBURG. Welche Effekte auf die Versorgungsausgaben für Typ-2-Diabetiker hätte eine höhere Therapietreue? IMS Health gibt darauf in einem neuen Report Antwort: Von den jährlich rund 21,9 Milliarden Euro, die das Gesundheitssystem den Analysten zufolge hierzulande für die Behandlung der Folgeerkrankungen eines Typ-2-Diabetes aufwenden muss, entfallen rund 800 Millionen auf suboptimale Therapietreue. Das entspräche immerhin 40 Prozent der jährlichen Ausgaben für Antidiabetika, verdeutlicht IMS die Größenordnung des Einsparpotenzials.

Für die Studie ("Improving Typ 2 Diabetes: Therapy Adherence and Persistence in Germany") wurden Marktberichte und wissenschaftliche Veröffentlichungen der zurückliegenden Jahre ausgewertet. Demnach erwartet IMS, dass in Deutschland bis 2030 um die acht Millionen Patienten an Altersdiabetes leiden. Jährlich würden bis dahin rund 270.000 Fälle neu diagnostiziert. Das Quellenmaterial, das Auskunft über die Quote der Patienten geben könnte, die non-compliant sind, sei überaus heterogen, heißt es. Die Angaben schwankten von sieben bis 60 Prozent.

Daraus leiten die Autoren die Einschätzung ab, dass knapp 47 Prozent der Diabetiker, was Therapietreue betrifft, hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben und 15 Prozent sogar als "primär nicht adhärent" einzustufen seien. Damit sind diejenigen gemeint, bei denen zwar ein Diabetes diagnostiziert wurde, die anschließend aber keinerlei eigene Therapieanstrengungen unternehmen.

Die Berater konzedieren, durch DMP (Disease-Management-Programme) seien sowohl hinsichtlich Versorgungsqualität als auch Ausgabeneffizienz Fortschritte gemacht worden. Handlungsbedarf gebe es gleichwohl bei Prävention und Diabetes-Selbstmanagement. Als Hürden bei der Implementierung neuer Bausteine der Versorgung werden insbesondere datenschutzrechtliche Restriktionen sowie tradierte Einstellungen identifiziert. So sprächen beispielsweise Patienten in den USA oder Großbritannien offen über ihre Zuckerprobleme und den Umgang damit. In Deutschland hingegen scheue man solche Freimütigkeit. Hier herrsche eine, so wörtlich, "soziale Stigmatisierung" des Altersdiabetes.

Was man machen könnte

Zur Verbesserung der Therapiertreue schlagen die Berater mehrere Maßnahmen vor:

  • Mit Hilfe psychometrischer Persönlichkeitstests könnten individuelle und realistische Ziele auf dem Weg zu mehr Compliance formuliert werden. Vor allem neu diagnostizierte Diabetiker und Patienten mit komplexem Medikationsschema seien hierfür prädestiniert.
  • Apotheker sollten stärker in das Diabetes-Management eingebunden werden. Zwar gebe es dazu schon vereinzelt Pilotprojekte. Doch an einer systematischen Beteiligung der Pharmazeuten fehle es. Um die Aufgabenverteilung im Behandlungsprozess besser zu koordinieren, sollten Apotheker an lokalen ärztlichen Qualitätszirkeln teilnehmen.
  • Diabetikerschulungen sollten praxisfreundlicher werden. Statt umfassend angelegter Block-Trainings sollte der Lernstoff modular vermittelt werden. Das habe auch den Vorteil, heißt es, dass die Inhalte der patientenindividuellen Motivationslage angepasst werden könnten.
  • Ärzte sollten klare Anweisungen aber auch Anreize erhalten, Diabetikerschulungen zu verordnen. Apps und soziale Medien sollten als Distributionskanäle für Diabetikerschulungen mehr Gewicht erhalten, um insbesondere diejenigen zu erreichen, die nicht in der Lage oder nicht willens seien, Präsenzveranstaltungen aufzusuchen.
  • Bezugspersonen und soziales Umfeld der Patienten sollten nach Möglichkeit in das Therapiemanagement eingebunden werden. Die Initiative dazu könnte von Selbsthilfegruppen, Kostenträgern oder Schulungs-Anbietern ausgehen. Als Vorbild wird in diesem Zusammenhang Großbritannien genannt, wo Lebenspartner, Freunde und Verwandte die Patienten beim Besuch von Schulungen begleiten dürfen.
  • Da Therapietreue erfahrungsgemäß mit dem Krankheitsverlauf variiere, sei über ein Monitoring nachzudenken, mit dem sich nachlassende Anstrengungen erkennen lassen– etwa anhand des HbA1c, hypoglykämischer Ereignisse oder Hospitalisierungsraten. Patienten mit hoher Motivation bedürften dagegen regelmäßiger Bestätigung.
  • Und schließlich sollte es auch nicht an digitaler Unterstützung in Form von Apps, Websites und Chats fehlen, um die Patienten bei der Stange, vulgo auf Therapiekurs zu halten.
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