Viele Neurologen tun sich schwer mit der Telemedizin bei Schlaganfallpatienten

Wegweisende Innovation oder Marketing-Gag? Viele Neurologen beäugen nach wie vor die Telemedizin skeptisch, wenn es um die akute Behandlung von Schlaganfallpatienten geht. Dabei sind die Erfolge der Schlaganfallnetze unstrittig. Nur: Welchen Anteil hat die Kamera?

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Auf dem PC-Schirm befunden die TEMPIS-Experten in den Universitäten Regensburg und München Bilder aus anderen Kliniken in Bayern online. i

Auf dem PC-Schirm befunden die TEMPIS-Experten in den Universitäten Regensburg und München Bilder aus anderen Kliniken in Bayern online. i

© Foto: TEMPiS

In einem auf Kontroverse angelegten Symposium bei der Arbeitstagung Neurologische Intensivmedizin in Leipzig wurde das Thema Telemedizin jetzt abermals aufs Tablett gebracht. Dr. Johannes Schenkel, Projektleiter des bayerischen TEMPIS-Netzwerks, berichtete über die großen Erfolge der IT-gestützten Vernetzung zweier Schlaganfallzentren in München-Harlaching und Regensburg mit 15 kleineren Krankenhäusern im Oberbayerischen (siehe Kasten).

"Die Telemedizinprojekte dürfen nicht auf die Kamera reduziert werden", betonte Schenkel. Der Erfolg komme durch die Kombination aus Telemedizin und kontinuierlicher Fortbildung und durch den Aufbau kleiner internistischer Schlaganfallteams vor Ort. "Wir wissen nicht, welche dieser drei Komponenten das Outcome verbessern", so Schenkel. Klar ist: Das Gesamtkonzept funktioniert. Das von Dr. Heinrich Audebert ins Leben gerufenen TEMPIS-Netz wurde zur Blaupause für eine ganze Reihe ähnlicher Projekte in Deutschland und international.

Ein paar Zahlen: Seit 2003 wurden allein im TEMPIS-Netz über 15 000 Telekonsile gemacht. Pro Jahr werden im Netzwerk 6000 Schlaganfallpatienten versorgt. Von nahe Null konnte die Rate lysierter Patienten auf das in großen Kliniken übliche Niveau angehoben werden. Und auch die klinischen Resultate nach drei und sechs Monaten erreichen jenes Level, das in Schlaganfallstudien als Standard angesehen wird. Welcher Parameter auch immer ausgewertet wurde, ob Sterblichkeit, Rate der Patienten mit schwerer Behinderung oder Pflegebedürftigkeit, immer erreichen die kleinen Häuser das Niveau der Zentren.

Trotzdem äußerte sich Professor Martin Grond, 2. Vorsitzender der Deutschen Schlaganfallgesellschaft, in Leipzig kritisch: "Der Erfolg ist unstrittig, aber ich zweifele daran, dass die Kamera wesentlich dazu beiträgt." TEMPIS belege, dass kooperative Modelle beim Schlaganfall sinnvoll seien, nicht aber, dass Telemedizin nutze. "Das Outcome entscheidet sich nicht bei einem einmaligen Telekonsil, sondern in den Tagen danach, wenn Komplikationen erkannt oder nicht erkannt werden", so Grond.

Ein Problem sei auch, dass per Telemedizin nur jene Patienten vorgestellt werden könnten, bei denen an einen Schlaganfall gedacht wird. Und: Die Projekte verführten dazu, dass sich Kliniken eine Kamera zulegen und damit werben, ohne die Fortbildung ernst zu nehmen. Audebert und Schenkel wollten das so nicht stehen lassen. So sei die Zahl der Schlaganfallpatienten pro Einwohner in den TEMPIS-Häusern ähnlich hoch wie in Kliniken mit Stroke Units. Das spreche dagegen, dass in großer Zahl Patienten übersehen würden. Auch sei die Kamera durch die ständige Möglichkeit des patientenbezogenen Kontakts zum Spezialisten ein integraler Bestandteil der Fortbildung, der nicht einfach weggelassen werden könne.

TEMPIS

Im TEMPIS-Netz werden Kreiskrankenhäuser ohne eigene Neurologie mit Kameras und Monitoren ausgestattet, die über eine DSL-Leitung mit Schlaganfallzentren in Regensburg und München verbunden sind. Dort ist jeweils ein Neurologe im Dienst, der sich ausschließlich um TEMPIS-Patienten kümmert. Die Kriterien für ein Telekonsil sind genau festgelegt. Durch die Kamera kann der Spezialist dem Internisten bei der klinischen Untersuchung "über die Schulter schauen" und ihm helfen. Er hat außerdem Zugriff auf CT- oder MRT-Bilder. Bevor sie das System nutzen können, werden die Internisten geschult. Regelmäßige Fortbildungen, bei denen die beteiligten Ärzte sich persönlich begegnen, sind auch später noch Pflicht. Zur Finanzierung der Telemedizin existieren Vereinbarungen mit den Krankenkassen. (gvg)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Um die Kamera geht es gar nicht

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Hybrid-DRG Plus: Ambulante Operationen per Mausklick abrechnen

© KVNO

Schnell und sicher

Hybrid-DRG Plus: Ambulante Operationen per Mausklick abrechnen

Anzeige | Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

© Oleh / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Lilly Deutschland GmbH, Bad Homburg v.d.H.
Abb. 2: ADA und nAb unter AVT05 und Referenz-Golimumab bis Woche 16

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Colitis ulcerosa

Das erste Golimumab-Biosimilar erweitert die Therapieoption bei entzündlichen Erkrankungen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Abb. 2: Infusionsschema der REGENCY-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Neue Therapieoption bei Lupus-Nephritis verfügbar

Obinutuzumab verbessert Nierenoutcomes bei Lupus-Nephritis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Vernarbung und Fibrosierung

Interstitielle Lungenerkrankung: Die Nachwehen von COVID-19

Infektionsgeschehen

Höhepunkt der Grippewelle wohl überschritten

Lesetipps
Ein Mann im Krankenhaus beim Essen.

© fresnel6 / stock.adobe.com

Neue S3-Leitlinie

Ernährungs-Screening bei Menschen mit Krebs sollte Routine werden

Kooperation | In Kooperation mit: Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe