Digitalisierung

Warum der Arzt immer nur noch Zweitmeinung ist

Im Zeitalter der Digitalisierung informieren sich immer mehr Patienten vor ihrem Arztbesuch im Web. Werden in Zukunft chronisch Kranke teils mehr Expertise zu ihrer Erkrankung haben als Ärzte?

Von Christian Bellmann Veröffentlicht: 18.12.2019, 15:04 Uhr
Warum der Arzt immer nur noch Zweitmeinung ist

Gespräch auf Augenhöhe? Immer mehr Patienten machen sich vor dem Arztbesuch über ihr Krankheitsbild schlau.

© Alexander Raths / iStock / Think

Bochum. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen wird die tägliche Arbeit von Ärzten künftig grundlegend verändern, glaubt der Gesundheitsökonom David Matusiewicz, Professor an der FOM Hochschule in Essen. „Der Patient wird durch den digitalen Wandel im Gesundheitsbereich immer mehr befähigt, als Kunde selbst Entscheidungen zu treffen“, sagte er auf dem Ärzte- und Mediziner-Forum „StartUp-Praxis“ in Bochum. Zu den Partnern der Konferenz zählten Springer Fachmedien, die Beratungsfirmen Businessdoc und A.S.I. Wirtschaftsberatung sowie die Deutsche Apotheker- und Ärztebank.

Ärzte würden künftig zunehmend mit sogenannten „engaged patients“ und „expert patients“ konfrontiert, also Patienten, die sich intensiv mit ihrer Erkrankung auseinandersetzen und über ein fundiertes Fachwissen verfügen. „Meine These ist, dass schon heute fast jede Meinung des Arztes eigentlich eine Zweitmeinung ist“, sagte Matusiewicz.

Health-Apps als sinnvolle Helfer

Insbesondere chronisch Kranke dürften künftig in der Lage sein, sich so tief in ihre Krankheit einzuarbeiten, dass sie sich möglicherweise besser mit ihrer Erkrankung auskennen als ein darauf nicht spezialisierter Arzt. „Die Informations-Asymmetrien werden sich verschieben“, erwartet Matusiewicz.

Meine These ist, dass schon heute fast jede Meinung des Arztes eigentlich eine Zweitmeinung ist.

Professor David Matusiewicz Gesundheitsökonom an der FOM Hochschule in Essen

Zwar werde es auch künftig immer noch Patienten geben, die mit falschem Wikipedia-Wissen zum Arzt kommen. „Aber der Anteil derer wird steigen, die Entscheidungsunterstützungssysteme nutzen und dann mit gutem Wissen und vielleicht auch mit ihren Gendaten und einer Familienanamnese in die Praxis kommen.“

Matusiewicz verwies auf die Gesundheits-App Ada, die nach Angaben der Betreiber inzwischen durchschnittlich alle drei Sekunden von Patienten verwendet wird, um online eine Diagnose auf Grundlage ihrer Symptome zu erhalten. „Vor allem bei seltenen Erkrankungen können solche Apps einen großen Erfolg bedeuten.“ Ärzte sollten sich dieser Entwicklung nicht verschließen, schließlich könnten digitale Anwendungen auch ihnen dabei helfen, schneller und effizienter die richtige Diagnose zu stellen.

Matusiewicz verwies auf die USA. Dort würden viele Ärzte von ihren Patienten verklagt, weil sie nicht die richtigen Diagnosen stellen. „Das ist eine Entwicklung, die das Gesundheitswesen ziemlich stark beeinflussen wird.“

„Revolutionäres“ DVG

Das Digitale-Versorgung-Gesetz“ (DVG) wertet der Gesundheitsökonom positiv. Es biete eine Grundlage für Telemedizin, und das nicht nur zum Nutzen der Patienten, sondern auch für den Austausch von Ärzten untereinander. „Das Wort revolutionär ist hier nicht übertrieben“, sagte er. Deutschland sei in der Vergangenheit in Studien regelmäßig das Schlusslicht gewesen, wenn es um digitale Gesundheit ging. „Wir haben mit dem Gesetz jetzt etwas geschaffen, das uns auf Platz eins katapultiert hat, und zwar weltweit“, betonte Matusiewicz. „Kein anderes Land schafft es derzeit, Technologien direkt über eine Verordnung in die Versorgungsrealität zu bringen.“

In vielen Bereichen des Gesundheitswesens bestehe allerdings noch erheblicher Handlungsbedarf. „Wir sind auf dem Weg in ein digitales System, oft aber noch ziemlich analog unterwegs“, kritisierte er. Das zeige auch der Alltag in der Pflege. „Im Moment entfällt dort ein Drittel der Zeit auf Pflege, ein Drittel auf Verwaltung und ein Drittel auf pflegenahe Prozesse, also bestehen zwei Drittel aus Bürokratie und Tätigkeiten wie Bring- und Holdiensten“, erläuterte Matusiewicz. Das sei nicht nur ineffizient, sondern vor allem auch teuer. „Es könnten Millionen umgewälzt werden, wenn wir digitale Technik entsprechend nutzen würden.“

Und ewig grüßt das Faxgerät...

Auch in der Kommunikation sieht Matusiewicz großen Verbesserungsbedarf. So komme noch viel zu oft das Faxgerät zum Einsatz. „Das hat zum Beispiel zur Folge, dass Patientenakten nicht ankommen, weil sich die Leute vertippen oder das Faxgerät auf der anderen Seite nicht angeschaltet ist“, monierte er. Vor allem bei Notfällen sei das folgenschwer.

Außerdem könnten digitale Kommunikationswege viele Briefe an Ärzte und Krankenkassen überflüssig machen, und ebenso Praxisbesuche, bei denen es nur um das Abgeben oder Abholen von Dokumenten geht.

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