Kongress, 02.05.2011

"Internisten werden zu Grenzgängern"

WIESBADEN (mal). Für die Weiterentwicklung der Inneren Medizin ist Kommunikation ein wichtiges Thema, sagt Professor Hendrik Lehnert. Kollegen unterschiedlicher internistischer Schwerpunkte müssen verstärkt das Gespräch suchen.

"Die Fülle der Informationen, die wir heute für das Verständnis einer Erkrankung und die richtige Auswahl der Therapie benötigen, und das notwendige Rekurrieren auf genetische, biochemische und psychosoziale Prozesse macht sehr klar: Wir als Internisten und eben auch als spezialisierte Internisten werden zu Grenzgängern", schreibt Kongresspräsident Professor Hendrik Lehnert im Manuskript seiner Festrede zum Internistenkongress.

Niemand solle und dürfe seine spezielle Expertise und Kompetenz vernachlässigen, "zum klassischen Generalisten können wir nicht mehr werden. Wir benötigen aber das Verständnis für die gesamte Innere Medizin und müssen in einem transdisziplinären und interdisziplinären Ansatz das Gespräch mit den anderen Schwerpunkten suchen."

Für das Verständnis einer Erkrankung und die richtige Auswahl der Therapie ist es für Lehnert im Rahmen des konsequenten interdisziplinären Austauschs wichtig, dass das "Lebensphasen"-Konzept berücksichtigt wird, das ja auch besagt, dass Grundlagen späterer internistischer Krankheiten schon in der Pränatalphase gelegt werden. Stichwort: fetale Programmierung.

Epidemiologische Beobachtungen, dass niedriges Geburtsgewicht eng mit dem Anstieg der Prävalenz von koronarer Herzkrankheit, Schlaganfall, Adipositas, metabolischem Syndrom oder Typ-2-Diabetes im späteren Lebensalter verbunden ist, seien mehrfach bestätigt worden, schreibt Lehnert in seinem Manuskript.

Ursprünglich als "developmental origin"-Hypothese formuliert, gehe es hier vordergründig um die Anpassung des Fetus an Informationen, die über die mütterliche Umgebung vermittelt werden. Solche Anpassungsvorgänge könnten aber eben auch zu überdauernden Veränderungen der physiologischen Homöostase und letztlich zur Manifestation chronischer Krankheiten führen.

Diese Vorgänge ließen sich im Zusammenhang mit Erkenntnissen der Epigenetik erklären, also durch Vorgänge, die die Genexpression kontrollieren, ohne die DNA-Sequenz zu verändern. Einfluss nehmen könnten hier etwa Stress und Ernährung in der Embryogenese oder traumatische Erlebnisse in frühem Lebensalter.

Die meisten Erkrankungen, so Lehnert, aber auch psychologische Merkmale, würden von hunderten weit verbreiter Genvarianten beeinflusst. Viele Untersuchungen zeigten das Vorhandensein bestimmter Mutationen, die aber bei entsprechender Lebensführung keineswegs zur Ausbildung einer phänotypischen Problematik führen müssten. "Ich bin überzeugt, dass ein ganzheitlicher Ansatz der Genomik - und dies schließt Proteomik, Metabolomik, Genetik und Epigenetik ein - für das Verständnis der Krankheitsentstehung notwendig ist", schreibt Lehnert. Notwendig sei dieser Ansatz auch zur Entwicklung von Bio-Markern für die individuelle Disposition, das Verständnis der sogenannten Programmierung und für die Erfolgsaussichten therapeutischer Maßnahmen.

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