Ärzte Zeitung, 20.12.2004

HINTERGRUND

Neue internationale Initiativen bringen Bewegung in die festgefahrene Forschung bei Tropenkrankheiten

Von Wolfgang Geissel

Von Infektionskrankheiten sind heute vor allem die Menschen in den Entwicklungsländern bedroht. Millionen von Patienten sterben jedes Jahr an Krankheiten wie Malaria, Aids und Tuberkulose oder auch Leishmaniose oder Schlafkrankheit, weil wirksame Medikamente für sie nicht verfügbar sind. Hinzukommt, daß neue Therapien gegen die meisten Infektionskrankheiten kaum erforscht werden, weil sich Neuentwicklungen für pharmazeutische Unternehmen nicht rechnen.

Schon vor zehn Jahren war festgestellt worden, daß für die Krankheiten, unter denen 90 Prozent der Menschen weltweit hauptsächlich leiden, damals nur zehn Prozent der weltweit ausgegebenen Forschungsgelder im Bereich Gesundheit und Medizin zur Verfügung standen.

Kaum neue Medikamente gegen Tropenkrankheiten

Diese als "10/90-gap" bezeichnete Kluft ist inzwischen stark gewachsen. So werden nach Angaben des Global Forum for Health Research in Genf heute 106 Milliarden US-Dollar im Jahr für Gesundheitsforschung ausgegeben. Für Krankheiten der Entwicklungsländer stünden davon nur etwa 3,5 Milliarden US-Dollar zur Verfügung.

"Die Pipeline neuer Medikamente gegen Tropenkrankheiten ist praktisch leer", hat Professor Simon Croft von der London School of Hygiene and Tropical Diseases gewarnt. Nach seinen Angaben sind zwischen 1975 und 1999 weltweit 1393 Medikamente neu auf den Markt gekommen. Darunter waren nur 13 neue Mittel gegen Tropenkrankheiten und nur drei gegen Tuberkulose, sagte er beim Jahrestreffen der "American Society of Tropical Medicine and Hygiene" in Miami in Florida.

Neue Medikamente und Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten in den Entwicklungsländern können nach den bisherigen Erfahrungen also kaum von privaten Unternehmen oder von öffentlichen Institutionen allein entwickelt werden. In den letzten Jahren haben sich deshalb
- meist in Kooperation mit UNO oder WHO - Allianzen aus beiden Sektoren gebildet, die die Erforschung neuer Therapien vorantreiben oder den Menschen in Entwicklungsländern den Zugang für Medikamente ermöglichen wollen.

Fortschritte durch Public Private Partnerships

In eine solche Public Private Partnership (PPP) kann zum Beispiel ein pharmazeutisches Unternehmen eine vielversprechende Substanz einbringen, die dann in Kooperation mit öffentlichen Instituten weiter erforscht und mit Fördermitteln aus privaten Stiftungen oder öffentlichen Haushalten dann zu einem Medikament weiterentwickelt wird.

Fast 20 solcher PPPs haben sich in den vergangenen Jahren gebildet, wie Dr. Roy Widdus von der Initiative on Public Private Partnerships for Health (IPPPH) in Miami berichtet hat. Die in Genf ansässige Organisation wird unter anderem von der Weltbank und der Rockefeller-Stiftung unterstützt und berät die Initiativen etwa in Fragen der Koordination und Finanzierung von Projekten. "In den vergangenen Jahren hat es gute Fortschritte gegeben", so Widdus. Mehrere von PPPs entwickelte Präparate sind in der klinischen Prüfung etwa von der Medicine for Malaria Venture oder der AIDS Vaccine Initiative.

Wie sehr das Interesse auch von der pharmazeutischen Industrie an PPPs in den vergangenen Jahren gewachsen ist, zeigt das Beispiel GlaxoSmithKline (GSK). "PPPs sind eine ideale Basis für die Forschung und Entwicklung von Medikamenten für die Krankheiten der Entwicklungsländer", heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. In Tres Cantos in Spanien unterhält GSK ein Forschungszentrum für Medikamente gegen Tropenkrankheiten.

Das Unternehmen ist zudem an 13 PPPs beteiligt: vom Action TB-Programme (ATBP) zur Entwicklung neuer Tuberkulose-Medikamente und -Impfstoffe über die International AIDS Vaccine Initiative (GIVI) und mehrere Initiativen zu Malaria bis hin zur Global Alliance to Eliminate Lymphatic Filariasis (GAELF).

Mit Hilfe von GAELF soll zum Beispiel die Lymphatische Filariose (besser bekannt als Elefantiasis) bis 2020 eliminiert werden. Hierzu haben sich vor vier Jahren unter dem Dach von WHO und UNICEF 40 Organisationen aus dem öffentlichen und privaten Sektor - wie Pharmaunternehmen, Hilfsorganisationen, Stiftungen und Universitäten - zusammengeschlossen.

Die Bekämpfung der Infektionskrankheit - an der 120 Millionen Menschen weltweit leiden - ist dabei einfach: In Endemieländern müssen die Menschen über fünf Jahre jeweils einmal im Jahr eine Kombination aus Albendazol und einem weiteren Medikament (Mectizan oder Diethylcarbamazin) einnehmen, um die Infektionsketten zu durchbrechen.

Spende von sechs Milliarden Tabletten gegen Elefantiasis

GSK hat sich dazu bereit erklärt, in den kommenden Jahren sechs Milliarden Tabletten Albendazol für das Programm zu spenden. Das Unternehmen Merck Sharp & Dohme spendet zudem das Medikament Mectizan. Bis 2003 seien bereits 80 Millionen Menschen in 34 Ländern behandelt worden, so die GAELF.

Sehr erfolgreich verlaufen ist auch eine Kooperation von GSK mit dem WHO Forschungsprogramm für Tropenkrankheiten (WHO/TDR) sowie britischen Gesundheitsbehörden. Ziel der 2001 gegründeten Initiative war die Entwicklung eines kostengünstigen Medikaments zur Behandlung von Patienten mit unkomplizierter Malaria tropica in Afrika. Als Ergebnis ist 2003 die Kombination Chlorproguanil-Dapsone unter dem Handelsnamen Lapdap® auf den Markt gekommen.

"Public Private Partnerships haben in den vergangenen fünf Jahren als Katalysatoren die Forschung bei Tropenkrankheiten enorm ausgedehnt", sagte Widdus bei der von GSK unterstützten Veranstaltung in Miami. Er hofft, daß die Initiativen vor allem bei der Entwicklung neuer Medikamente einen langen Atem haben werden. "Denn es braucht zehn Jahre und mehr, bis aus einer guten Idee ein neues Präparat werden kann."

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