Ärzte Zeitung, 13.03.2006

Erstes Festival der Nierentransplantation

Über 100 Spender und Empfänger einer Niere kamen in Heidelberg zusammen

Von Ingeborg Bördlein

"Ich freue mich, daß Sie so reichlich spenden", sagte Zauberer Christian, und fügte verschmitzt hinzu: "Ich meine diesmal den Beifall". Die Doppeldeutigkeit seiner Aussage wurde vom Publikum sehr gut verstanden, denn auf Einladung des Transplantationszentrums an der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg waren viele Spender und Empfänger einer Niere zum "Festival der Nierentransplantation" aus ganz Deutschland nach Heidelberg gekommen.

Beim Nierenfestival (von links): Professor Jan Schmidt, Professor Martin Zeier, die Schwestern Stefanie Eiswirth (Empfängerin) und Gabriele Seibert (Spenderin) sowie Jürgen Best (Empfänger) und seine Frau Petra (Spenderin). Foto: Uniklinikum Heidelberg

"Sonst stehen immer die anderen im Mittelpunkt - Transplantations-Patienten und ihre Ärzte. Diesmal sollen die Spender gefeiert werden, die Risiken einer für sie unnötigen Operation bewußt auf sich nehmen, um ihren Nächsten ein Leben ohne Dialyse zu ermöglichen", sagte der Leiter des Transplantationszentrums Professor Jan Schmidt vor den 400 Gästen, darunter über hundert Spenderpaaren.

Man wolle mit diesem Fest, dem ersten seiner Art in Heidelberg und wohl auch in Deutschland, den Dank und die tiefe Anerkennung für die Spender ausdrücken, so Schmidt zur "Ärzte Zeitung", denn sie hätten ein Defizit der Gesellschaft, nämlich den Mangel an Organen von toten Spendern, mit ihrer Lebendspende ausgeglichen.

Die älteste Organspenderin in Heidelberg war 73

Unter den vielen Gästen war auch die älteste Organspenderin in Heidelberg. Die heute 80jährige Anna Auer aus Salem am Bodensee hat ihrer Tochter, die eine terminale Niereninsuffizienz hatte und dialysepflichtig war, vor sieben Jahren eine Niere gespendet. Die rüstige und beherzte Frau genoß die Veranstaltung sichtlich.

Die Spende sei damals doch eine Selbstverständlichkeit gewesen, aber jetzt freue sie sich doch, daß ihr und allen anderen mit einem großen Fest noch einmal gedankt werde. Gut fühle sie sich wie eh und je, und sie habe die Spende keine Minute bereut, denn der Tochter gehe es seitdem sehr gut. Anna Auer sei das beste Beispiel dafür, daß das kalendarische Alter als Spenderkriterium nicht allein ausschlaggebend sei, erklärte Schmidt.

Ein buntes Spektakel hat Privatdozent Bruno Schmied zusammengestellt: Zauberer Christian verblüffte die Zuschauer mit Magie und Illusion, ihr Wissen zum Thema "Nierentransplantation" konnten die Gäste in einem Gewinnspiel anbringen und einen Reisegutschein im Wert von 500 Euro gewinnen, Torwandschießen und Tischfußball lockten die Sportlicheren an, und viele nutzten die Gelegenheit zum gegenseitigen Austausch und zum Gespräch mit "ihren Ärzten".

"Ich würde es jederzeit wieder tun", sagt die 45jährige Krankenschwester Gabriele Seibert aus Ludwigshafen, die ihrer 47jährigen Schwester Stefanie Eiswirth, einer Mutter von vier Kindern, vor einigen Monaten eine Niere gespendet hat. Nach mehreren größeren Befragungen sind über 95 Prozent der Spender dieser Meinung.

Oft sind sie es auch, die aktiv werden, sich Informationen holen, um die Spende vorzubereiten. So war es auch bei Michael Baas aus Pirmasens, der seinem 59jährigen Vater eine Niere spendete. Er hatte sich im Internet schlau gemacht und seinem Vater das Angebot gemacht.

Betroffene wollen so ein Geschenk oft nicht annehmen

Oft wollen die Betroffenen ein Geschenk von solcher Tragweite zunächst nicht annehmen, wie Stefanie Eiswirth berichtete: " Ich hatte Angst, meiner Schwester zu schaden." Erst die zunehmenden Qualen der Dialyse und das " Drängen der Schwester", das Angebot anzunehmen, habe sie umgestimmt. Jetzt sind beide froh, diesen Entschluß nach reiflicher Überlegung und umfassender medizinischer Untersuchung und medizinisch-psychologischer Beratung in Heidelberg getroffen zu haben.

Letztlich habe auch sie ihre Lebensqualität mit der Nierenspende an ihren Mann erhöht, sagt Petra Best aus Schwaigern bei Heilbronn, die ihrem Mann Jürgen vor gut einem Jahr eine Niere gespendet hat. Das Ehepaar hat sich für eine Transplantation entschieden, bevor dem Mann die Dialyse drohte, weil seine Nierenfunktion wegen beidseitiger Zystennieren nicht mehr ausreichend war.

Spenderpaare haben eine besonders innige Beziehung

Die in der Reisebranche tätige Frau ist froh, daß sich das Familienleben normalisiert hat, gemeinsame Reisen wieder möglich sind und sie vor allem aktiv einen Beitrag leisten konnte, um ihrem Mann zu helfen. Natürlich habe sie manchmal Angst, daß sie mit ihrer einen noch übrigen Niere selbst Probleme bekommen könnte, räumt sie ein. Befürchtungen vor dem eigentlichen Eingriff habe sie nach ausführlichen und informativen Gesprächen mit dem Heidelberger Team nicht gehabt.

Alle Spenderpaare bestätigten, sie hätten seit der Operation in Heidelberg eine besonders innige gegenseitige Bindung. Eine tiefe Dankbarkeit spüren die Empfänger, eine große Genugtuung die Spender, wenn das geschenkte Organ dann gut funktioniert und ein normales Leben wieder möglich ist.

Sehr gute Erfolge mit Lebendspenden

Fast 300 Nieren-Lebendspenden wurden in Heidelberg, einem der führenden deutschen Transplantationszentren, seit Ende der 60er Jahre vorgenommen. Der Anteil der Lebendspenden hat sich hier in den letzten zehn Jahren auf mehr als ein Drittel aller Nierentransplantationen nahezu verdoppelt. Komplikationen für die Spender seien äußerst gering und lägen im Promillebereich, so Professor Martin Zeier, der Leiter des Nierenzentrums Heidelberg. Die Überlebensrate der Empfänger nach Lebendspende liegt am dortigen Zentrum nach einem Jahr bei 99 Prozent, die Nierenfunktionsrate bei 98 Prozent, vor allem wegen der Planbarkeit des Eingriffs und der kurzen Ischämiezeit des Organs. Trotz der sehr guten Ergebnisse sei die Lebendspende eine Notlösung, weil es an Organen toter Spender erheblich mangele. Besonders spendefreudig sind Frauen, wie die Statistik auch in Heidelberg belegt. Der Anteil der Mütter liegt hier bei 27,5 Prozent (Väter 18,1 Prozent), der Ehefrauen bei 16,7 Prozent verglichen mit 4,3 Prozent der Ehemänner, der Schwestern bei 11,6 Prozent und der Brüder bei 10,9 Prozent. (bd)

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