Ärzte Zeitung, 02.08.2006

HINTERGRUND

Jeder fünfte Libanese ist auf der Flucht - ohne Lebensmittel, ohne Wasser und ohne Medikamente

Von Anja Krüger

Hunderte von Menschen haben seit Beginn des Krieges im Nahen Osten ihr Leben verloren, Tausende wurden verletzt, Hunderttausende sind auf der Flucht. Israel ist in der Lage, die Opfer von Raketenangriffen selbst zu versorgen, ohne auf Hilfslieferungen aus anderen Ländern angewiesen zu sein. Im Libanon dagegen spitzt sich die Lage für die Bevölkerung immer mehr zu.

Flüchtlinge im Südlibanon. Viele haben die kurze Feuerpause genutzt, um sich in Sicherheit zu bringen. Doch ihnen fehlt es an allem. Foto: dpa

In den von der Außenwelt abgeschnittenen Gebieten im Süden des Landes fehlen Wasser und Nahrungsmittel. Außerdem mangelt es an medizinischem Verbrauchsmaterial und Arzneimitteln zur Versorgung von Verletzten. Chronisch kranke Patienten leiden unter fehlenden Medikamenten.

Die meisten Flüchtlinge sind privat untergekommen

"Etwa ein Fünftel der libanesischen Bevölkerung ist auf der Flucht", sagt Stefan Telöken, Sprecher des UNHCR Deutschland, der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen. Die meisten der schätzungsweise 700 000 Flüchtlinge haben Unterschlupf bei Privatpersonen gefunden. Nach Angaben der libanesischen Regierung sind 122 000 Flüchtlinge in einer der 652 Notunterkünfte in Schulen und Turnhallen untergekommen.

"Sie befinden sich in einer sehr bedrängten Lage", berichtet Telöken. Die hygienischen Bedingungen sind prekär. "Wie immer in solchen Situationen trifft es die sozial Schwächsten am stärksten." In der libanesischen Hauptstadt Beirut, in die Zehntausende geflohen sind, gibt es zwar noch gut gefüllte Supermärkte. "Aber die Preise für Nahrungsmittel und Benzin sind in die Höhe geschnellt", so Telöken.

Verteilung der Hilfsgüter ist derzeit schwierig

Die UN-Hilfsorganisation hat an die etwa 67 000 Menschen, die im Bergland nördlich von Beirut Schutz suchen, Matratzen und Decken verteilt. Weitere 500 Tonnen mit Hilfsgütern wie Zelte und Kleidung stehen bereit. "Aber aufgrund der Sicherheitslage ist die Verteilung schwierig", erklärt Telöken.

Das gilt vor allem für den Süden. Die Menschen dort sind für die Hilfsorganisationen auch aufgrund der zerstörten Zufahrtswege kaum erreichbar. "Im Südlibanon fehlen Wasser, Lebensmittel und medizinisches Material", berichtet Monika Kleck von der Hilfsorganisation "Ärzte der Welt".

Nicht nur im Süden, auch in Beirut mangelt es nach Angaben der Organisation an medizinischen Materialien wie Verbänden und Spritzen sowie Desinfektionsmitteln für Wunden. Die "Ärzte der Welt" betreiben in Beirut fünf mobile Kliniken, davon zwei in Zusammenarbeit mit der libanesischen Partnerorganisation Amel.

    Viele Patienten können noch nicht einmal zu ihrem Arzt.
   

In diesen Einrichtungen werden Patienten mit kriegsbedingten Verletzungen behandelt. "Die Kliniken versorgen auch chronisch Kranke, die unter Bluthochdruck, Diabetes oder Hepatitis leiden", berichtet Kleck. Viele Patienten können ihren Arzt nicht aufsuchen, andere haben auf der Flucht keine Medikamente mitnehmen können.

Die Organisation sucht Allgemeinmediziner, Krankenschwestern und eine Hebamme, die zu einem Einsatz im Libanon bereit sind. "Wir wollen außerhalb Beiruts tätig werden." Die "Ärzte der Welt" sind auch im Gaza-Streifen aktiv, in Israel nicht. "Das hat keine ideologischen Gründe, man muß alle Opfer sehen", sagt Kleck. Israel habe ein gutes medizinisches System.

Das Rote Kreuz hat der libanesischen und der israelischen Partnerorganisation Hilfe angeboten. "Wir wollen der Zivilbevölkerung helfen. Sie leidet auf beiden Seiten", sagt Roya Rönck vom Deutschen Roten Kreuz. Die israelische Organisation Magen-David-Adom habe das Angebot aber bislang nicht in Anspruch genommen.

Das internationale Rote Kreuz hat aus Logistikzentren in Jordanien, Syrien und Zypern Nahrungsmittel, Kochuntensilien und medizinisches Verbrauchsmaterial in den Libanon geliefert. Medizinisches Personal hat das libanesische Rote Kreuz bislang nicht angefordert. Trotzdem ist das DRK auf die Entsendung von Ärzten und Pflegekräften vorbereitet. "Es ist nicht absehbar, ob die Hilfe vor Ort ausreichen wird", sagt Rönck.

40 000 Flüchtlinge suchen in Sidon Schutz

Für die internationale Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" sind Teams aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz und Spanien im Libanon und in Syrien aktiv. "Wir hören von den Teams, daß die medizinische Versorgung vor Ort nicht schlecht ist", berichtet Sprecher Matthias Bertsch. Die "Ärzte ohne Grenzen" sind außer in Beirut unter anderem im 40 Kilometer südlich gelegenen Sidon tätig. Hier suchen mehr als 40 000 Flüchtlinge Schutz.

Nach Angaben der Organisation sind die fünf Krankenhäuser der Stadt nicht überlastet, allerdings fehlen Arzneimittel.

Auch in anderen Städten des Landes hätten libanesische Ärzte und Pfleger die medizinischen Probleme zur Zeit noch unter Kontrolle, so die Organisation. Aber es mangele an Sanitätsgütern und Medikamenten für Operationen und chronisch kranke Patienten.

FAZIT

m Libanon sind schätzungsweise 700 000 Menschen auf der Flucht. Zur Zeit haben die libanesischen Ärzte und Pflegekräfte nach Angaben von Hilfsorganisationen die medizinische Versorgung der Bevölkerung zumindest in Beirut und im Norden des Landes noch unter Kontrolle. Epidemien sind bislang nicht aufgetreten, die Menschen leiden vor allem unter kriegsbedingten Verletzungen wie Wunden durch herabstürzende Gebäudeteile und Splitter.

Ungewiß ist die Lage der Menschen in den Städten und Dörfern des Südlibanons, die von der Außenwelt abgeschnitten sind. Hier fehlen Wasser, Nahrungsmittel und medizinisches Material. (hf)

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