Jung und adipös

Sind Ärzte bei dicken Kindern zu tolerant?

Die Datenlage ist klar: Fettleibige Kinder und Jugendliche haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Wie bewältigt die Gesellschaft diese Herausforderung?

Von Ellen Jahn Veröffentlicht:
Adipöse Kinder haben oft Herzprobleme. Wie gehen Ärzte damit um?

Adipöse Kinder haben oft Herzprobleme. Wie gehen Ärzte damit um?

© Waltraud Grubitzsch / dpa

Übergewicht und Adipositas sind zu keiner Lebenszeit harmlos. Bei Kindern und Jugendlichen wird vermutlich zu häufig ein Auge zugedrückt. Dabei werden in jungen Jahren vielfach die Weichen für die Gesundheit im Laufe des Lebens gestellt.

Die Situation ist problematisch: Erstmals gibt es weltweit mehr übergewichtige (BMI 25 < 30kg/m2) als normalgewichtige Menschen, heißt es in einem aktuellen Artikel in "The Lancet" (2016; 387:1377-1396).

Diese Entwicklung beschleunigt sich sogar, weil immer mehr Kinder zu viele Pfunde auf die Waage bringen. So sind in Deutschland bereits 19,8 Prozent aller 11-bis 17-Jährigen übergewichtig, 10 Prozent sind adipös, wobei die Jungen noch deutlich schwerer sind als die Mädchen.

Hypertonie schon im Kindesalter

Leider ist Adipositas selbst in jungen Jahren nicht nur ein kosmetisches Problem. "Sie verursacht bereits deutliche Schädigungen an kardiovaskulären Strukturen und birgt ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Erwachsenenalter", erklärte Professor Renate Oberhoffer vom Lehrstuhl Präventive Pädiatrie der Technischen Universität München.

Auch im Hinblick auf den Bluthochdruck gibt es laut einer Untersuchung in Deutschland, Österreich und der Schweiz alarmierende Entwicklungen: Von fast 58.000 adipösen Personen zwischen 6 und 18 Jahren hatten 22 Prozent der Untersuchten bereits einen Hypertonus (Am J Cardiol 2015; 115: 1587-1594).

"Vielleicht tolerieren wir in dieser Altersgruppe zu hohe Werte"

Auch die Deutsche Hochdruckliga berichtete 2013 von arterieller Hypertonie bei 6,4 Prozent der Kinder. "Vielleicht tolerieren wir in dieser Altersgruppe zu hohe Werte", so Oberhoffer beim Kongress für Sportmedizin und kardiovaskuläre Prävention und Rehabilitation in Frankfurt am Main.

Wenig verwunderlich ist es, dass neben der Hypertonie weitere Parameter wie Dyslipidämie und Hyperglykämie mit der Adipositas im Kindes- und Jugendalter einhergehen. Sie sind Teil des metabolischen Syndroms und ebenso ernst zu nehmen wie bei Erwachsenen.

Fassbar wird dies in Störungen des kardialen Remodelling, das bereits bei jugendlichen Adipösen zu Kontraktions- und Funktionsstörungen führen kann. Zudem zeigen Karotis-Intima-Media-Dicken-Messungen in 22 von 26 Studien signifikante Zunahmen bei adipösen Kindern.

Nicht eindeutig ist die Datenlage, ob die erhöhte Gefäßdicke im Jugendalter bereits die Gefäßelastizität beeinträchtigt. Obwohl diese Schlussfolgerung naheliegt, muss sie durch Langzeitbeobachtungen noch belegt werden.

Ein aktiver gesunder Lebensstil ist das A und O

Der "sitzende Lebensstil" ist neben ungesundem Essen eine Hauptursache des stetig steigenden Körpergewichts. Mit jeder Stunde TV und Computer steigt gleichzeitig das kardiovaskuläre Risiko.

Dies zu ändern, ist zweifellos eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Gilt es doch, Kinder und Jugendliche in Bewegungs- und Sportprogramme zu bringen und zu einem gesünderen Lebens- und Ernährungsstil zu motivieren.

"Gesundes Frühstücks- und Essverhalten wird nicht nur Zuhause, sondern auch in Kindergarten und Schule geprägt", sagte Professor Jürgen Steinacker, Leiter der Sport- und Rehabilitationsmedizin am Universitätsklinikum Ulm.

Ein aktiver Schulweg, regelmäßiger Sportunterricht und Bewegungspausen aktivieren Kinder und senken ihre Krankheitstage. Deshalb sind auch Ärzte aufgefordert, sich stärker zu engagieren. Ihr Wort zählt. Angesichts der vorgelegten Daten zur den bereits messbaren kardiovaskulären Veränderungen bei Jugendlichen scheint es fünf vor Zwölf zu sein.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Leopoldina

Adipositas-Epidemie: Diese Strategien braucht es jetzt

Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1-- Zeit bis zum ersten Ereignis (Tod durch jegliche Ursache oder kardiovaskuläres Ereignisb) in der Gesamtpopulation (a) bzw. in der Monotherapie-Population (b).

© Springer Medizin Verlag

Mit Vutrisiran früh kausal behandeln

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kasuistik

Massiv erhöhter CA-19-9-Wert weckt falschen Krebsverdacht

Umbrella-Review

Welcher Sport bei Depression und Angststörung am besten hilft

Lesetipps
Das Zusammenspiel zwischen Vermögensverwalter und Anlegerin oder Anleger läuft am besten, wenn die Schritte der Geldanlage anschaulich erklärt werden.

© M+Isolation+Photo / stock.adobe.com

Geldanlage

Was einen guten Vermögensverwalter ausmacht

Person mit weißer Pille in der rechten Hand und Glas Wasser in der linken Hand

© fizkes - stock.adobe.com

Acetylsalicylsäure in der Onkologie

ASS schützt Senioren langfristig wohl nicht vor Krebs