Ärzte Zeitung online, 22.11.2013
 

Hypoallergene Katzen und Co.

Die sechs größten Allergie-Irrtümer

Über Allergien kursieren im Internet viele falsche Informationen. Ein US-Experte hat jetzt Fakten zu den meistverbreiteten Allergie-Irrtümern zusammengestellt.

Von Elke Oberhofer

Die sieben größten Allergie-Irrtümer

Allergie gegen Katzenhaare: Hypoallergene Tiere, die Allergiker trotz ihrer Sensibilisierung halten können, gehören ins Reich der Fantasie.

© Evgenia Tubol / fotolia.com

BALTIMORE. Viele Menschen sind durch fehlerhafte Berichte in den Medien zum Thema "Allergie" sensibilisiert. Sie neigen dann oft zu übertriebenen oder sogar schädlichen Maßnahmen.

Zum Beispiel wähnen sie sich als "Lebensmittelallergiker" und schränken ihren Speiseplan unnötig ein.

Katzenhaar-Allergiker lassen sich "hypoallergene" Tiere andrehen und Patienten mit einer Unverträglichkeit gegen Meeresfrüchte verweigern dem Arzt die Röntgenuntersuchung mit Jodkontrastmittel.

Von Hühnereiern bis hypoallergene Katzen

Wie der US-Allergologe Dr. David Stukus auf der Jahrestagung der Fachgesellschaft American College of Allergy, Asthma and Immunology (ACAAI) berichtet hat, kursieren vor allem im Internet viele vermeintliche Tatsachen zu Allergien, die von der Wissenschaft längst widerlegt sind.

In einer Mitteilung der ACAAI stellt er sechs verbreitete Mythen zum Thema "Allergie" vor und erklärt, was daran falsch ist.

"Ich habe eine Hühnereiweißallergie und darf mich deswegen nicht impfen lassen": Tatsächlich werden zum Beispiel Vakzine gegen Influenza oder Gelbfieber in der Regel immer noch auf der Basis von Hühnerembryonen hergestellt. In diesem Fall besteht für Eiweißallergiker eine echte Kontraindikation.

Es gibt jedoch Grippeimpfstoffe, die sicher sind, betonte Sukus. In Deutschland steht seit der Saison 2007/2008 ein Impfstoff zur Verfügung, der auf der Basis von Zellkulturen produziert wird und damit frei von Hühnereiweiß ist.

"Mit einem Allergietest für zu Hause kann man leicht herausfinden, gegen was man allergisch ist": Diese Art von kommerziellen Bluttests für den Hausgebrauch kann zwar eine Sensibilisierung aufdecken; das heißt aber noch lange nicht, dass eine echte Allergie vorliegt. Die Tests sind nach Stukus wenig verlässlich und können dazu führen, dass Menschen ihren Speiseplan unnötig einschränken.

"Hochallergene Nahrungsmittel sollte man bei Kindern bis zum Alter von einem Jahr vermeiden": Für einen Verzicht auf entsprechende Nahrungsmittel über die ersten vier bis sechs Lebensmonate hinaus gibt es für die meisten Kinder kein wissenschaftliches Argument. Im Gegenteil, man vermutet sogar, dass eine frühzeitige Einführung die Toleranz fördert.

"Mit meiner Katzen- oder Hundehaarallergie kann ich eine hypoallergene Rasse halten": Leider, bedauert Stukus, gebe es so etwas wie hypoallergene Katzen oder Hunde nicht. Es seien auch gar nicht die Haare selbst, auf die manche Menschen allergisch reagieren; die Allergene würden vielmehr über den Speichel, die Schweißdrüsen oder Drüsen rund um den After freigesetzt.

"Ich reagiere allergisch auf Meeresfrüchte, deshalb kommt eine Röntgen- oder CT-Untersuchung mit jodhaltigem Kontrastmittel für mich nicht infrage": Auch von Ärzten wird bisweilen ein Zusammenhang zwischen Reaktionen auf Kontrastmittel und einer Meeresfrüchteallergie gesehen. Das ist nach Stukus jedoch falsch. Jod sei definitiv kein Allergen.

"Ich darf kein Brot essen, weil ich gegen Gluten allergisch bin": Eine echte Glutenallergie ist extrem selten. Die meisten Reaktionen sind auf Unverträglichkeiten gegen Weizen zurückzuführen. Viele Betroffene sind selbst ernannte "Allergiker" und meiden Gluten, obwohl hierfür keine medizinische Indikation besteht.

Für alle diejenigen, die glauben, an einer Allergie zu leiden, hat Stukus einen einfachen Rat: "Statt im Internet nach Antworten zu suchen, sollten Sie zu einem Allergologen gehen. Nur der kann Ihre Beschwerden richtig einschätzen, testen, diagnostizieren und behandeln."

[23.11.2013, 12:40:53]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Allergologische Mythen – Neu gegen alt?
Die Präsentation des US-amerikanischen Allergologen und ACAAI-Mitglieds David Stukus, MD, mit alten Allergie-Mythen aufräumen zu wollen, gibt Rätsel auf.

Auf dem wissenschaftlichen Jahrestreffen des „American College of Allergy, Asthma and Immunology“ (ACAAI) in Baltimore, Maryland, USA, läuft seine Darstellung einiger der größten allergologischen Mythen mit dem Titel „Defining Allergy Fact from Fiction“ und seine Erklärung, warum diese fasch seien, teilweise völlig aus dem Ruder [„In his presentation, Dr. Stukus outlined some of the greatest allergy myths, and explained why they are false“].

Schon der erste Mythos, mit dem aufgeräumt werden soll, gerät zum Chemie-Industrie freundlichen Desaster mit einer Mischung aus wissenschaftlichen Widersprüchen und Halbwahrheiten. Der Allergologe behauptet allen Ernstes, zum Ausspruch: „Ich bin allergisch gegen künstliche Farbstoffe“ gebe es keine wissenschaftliche Evidenz einer Verbindung zwischen der Exposition gegenüber künstlichen Farbstoffen und Allergien. Es gäbe lediglich Kontroversen bei der Evidenz zwischen künstlichen Farbstoffen und Verhaltensänderungen bei Kindern. Ebenso könnten Farbstoffe allgemein chronische Urtikaria und Asthma (bronchiale) auslösen [„1. I’m Allergic to Artificial Dyes – There is no scientific evidence to support a link between exposure to artificial coloring and allergies. Controversy exists regarding evidence for artificial coloring and behavioral changes in children, as well as dyes causing chronic urticaria and asthma.”]. Dass ein extrinsisches Asthma bronchiale als Reaktion auf künstliche Farbstoffe geradezu der Beweis einer Allergieauslösung sein kann, verschweigt der Allergiespezialist. Auf diesen ersten Punkt geht übrigens Ärzte-Zeitung-Autorin Elke Oberhofer gar nicht ein.

Die zweite Aussage über Hühnereiweißallergie und Impfproblematik gerät zur „try and error“-Empfehlung [„2. I Cannot Have Vaccines Due to an Egg Allergy“]. Der Autor behauptet einfach ohne Spezifikation der Impstoffherstellung und o h n e Verweis auf moderne, azelluläre Impfstoffe, die Grippeimpfung sei sicher und schütze vor schwerer Krankheit [„However, it’s now safe to get the flu shot, which can help prevent serious illness.“]. Die ÄZ-Autorin schafft hier erfreulicherweise detailliertere Aufklärung.

In Punkt 6 der Stukus-Liste langt der Autor heftig daneben. Sein Statement: „In fact, iodine is not and cannot be an allergen as it found in the human body”, ist nicht mal Mythos, sondern eine klare Falschaussage. Die Tatsache, dass Jodid im menschlichen Körper vorkommt, schließt doch eine Jodallergie nicht aus. Deshalb sind gerade Polyvinylpyrrolidon-Iod (PVP-Iod) Präparate entwickelt worden, und Kalium jodatum als Expektorans sollte strikt gemieden werden. Auch Autoimmunerkrankungen sind klassische Allergien auf körpereigene Substanzen. Zu Recht wird allerdings darauf hingewiesen, dass eine Schalen- und Krustentier(„shellfisch“)-Eiweißallergie nosologisch n i c h t s mit Jodallergie zu tun hat. Aber das wussten aufgeklärte Zeitgenossen schon vorher.

Punkt 7 entlarvt krasses Unwissen des Allergologie-Referenten: Brotunverträglichkeiten bei „Glutenallergie“ sind viel häufiger als gedacht. In Deutschland (D) und Dänemark (DK) beträgt die Prävalenz von Zöliakie/Sprue 1:500. In den USA, GB, IRL liegt sie bis zu 1 Gluten-Intoleranz : 110 Personen. Und zwar auf die Getreidearten Gerste, Hafer, Roggen u n d Weizen - und keinesfalls nur auf Weizenmehlprodukte! [„7. I Can’t have Bread, I’m Allergic to Gluten – You can have a gluten intolerance, but it’s extremely rare to have a true allergy. Most allergic reactions to these foods stem from wheat. Many people self-label as having gluten allergy and avoid gluten without any medical indication.”].

Die Zöliakie/Sprue bzw. Gluten-induzierte Enteropathie kann man übrigens neben der gezielten Dünndarmbiopsie ganz einfach diagnostizieren: Zöliakie-AK werden über Gliadin IgA-AK, IgG-AK, Endomysium IgA-AK, Gewebetranglutaminase-IgA-AK bzw. Molekulargenetische Untersuchungen detektiert.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Quelle: http://www.acaai.org/allergist/news/New/Pages/DefiningAllergyFactfromFiction.aspx
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