Ärzte Zeitung, 21.12.2015

Prävention

Ab wann hochallergenes Essen füttern?

Um das Allergierisiko zu senken, wird empfohlen, Säuglinge vier Monate lang voll zu stillen und dann nach und nach Beikost einzuführen. Wann ein Kind potente Nahrungsmittelallergene erhalten sollte, ist allerdings strittig.

Von Angelika Bauer-Delto

Ab wann hochallergenes Essen füttern?

Das Zufüttern von Hühnerei ab dem vierten Lebensmonat ist offenbar zu spät für die Allergieprävention.

© atlang / Fotolia.com

KÖLN. Die aktuelle Leitlinie zur Allergieprävention empfiehlt, Beikost nach Vollendung des vierten Lebensmonats einzuführen.

Eine vorsorgliche Meidung potenter Nahrungsmittelallergene im ersten Lebensjahr sollte nicht erfolgen, da der präventive Effekt einer solchen Restriktion nicht gesichert sei (Allergo J Int 2014; 23: 186-199).

Die Leitlinie nimmt jedoch keine Stellung zu der Frage, ob das Füttern hochallergener Speisen vor einem Alter von zwölf Monaten sogar dazu beitragen könnte, Allergien vorzubeugen, sagte Professor Kirsten Beyer vom Kinderallergologischen Studienzentrum an der Charité Berlin beim 10. Deutschen Allergiekongress in Köln.

Studie zu Erdnussallergie

Viel Aufmerksamkeit erhielt eine kürzlich publizierte Interventionsstudie aus Großbritannien, die dies für die Erdnussallergie untersuchte: Die Studie belegt, dass bei Kindern mit schwerer Neurodermitis und/oder Hühnereiweißallergie die Gabe von Erdnuss ab einem Alter von vier bis elf Monaten das Risiko, später eine Erdnussallergie zu entwickeln, signifikant reduziert (N Engl J Med 2015; 26; 372(9): 803-813).

Zumindest in Ländern mit einer hohen Erdnussallergie-Prävalenz könne daher für Kinder mit hohem Allergierisiko die frühzeitige Einführung von Erdnuss in die Beikost angeraten werden, so Beyer.

Derzeit wird in einer kontrollierten Studie überprüft, ob eine solche Empfehlung auch für Deutschland sinnvoll sein könnte.

Beikost schon vor dem 4. Monat?

In einer placebokontrollierten Studie an der Charité Berlin wurde überprüft, ob ein solcher präventiver Effekt auch bei der Gabe von Hühnerei ab dem Alter von vier bis sechs Lebensmonaten zu erwarten ist.

Testungen vor Beginn der Intervention zeigten, dass bereits in diesem Alter 23 der 406 Kinder gegen Hühnerei sensibilisiert waren, berichtete Beyer.

Die nicht-sensibilisierten Kinder erhielten randomisiert entweder eine Hühnerei-freie Ernährung oder dreimal pro Woche Hühnereipulver. In der Placebogruppe entwickelten vier, in der Verumgruppe acht Kinder bis zum Alter von zwölf Monaten eine Sensibilisierung gegen Hühnerei.

Die Einführung von Hühnerei in die Beikost im ersten Lebensjahr war somit keine erfolgreiche Präventionsstrategie, so Beyer. Die Prävention müsse hier möglicherweise schon vor Ende des vierten Lebensmonats ansetzen.

Der aktuellen Leitlinie zur Allergieprävention zufolge gibt es bisher keine gesicherten Belege, dass die gezielte Einführung potenter Nahrungsmittelallergene vor dem vollendeten vierten Lebensmonat einen präventiven Effekt hat.

Mit Spannung erwartet werden nun die Ergebnisse der EAT (Enquiring About Tolerance)-Studie, die der Frage nachgeht, ob das Zufüttern von Kuhmilch, Hühnerei, Fisch, Weizen, Sesam und Erdnuss schon ab einem Alter von drei Monaten die spätere Prävalenz von Nahrungsmittelallergien senken kann.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Immuntherapie gewinnt an Stellenwert in der MS-Therapie

Die Therapieoptionen bei Multipler Sklerose (MS) haben sich erweitert. Neue Substanzen werden daher auch in die aktualisierten Leitlinien Einzug halten. mehr »

Polarisierung – Chance für das Parlament

Gesundheitspolitik in Zeiten der großen Koalition – das stand für die fehlende Konkurrenz der Ideen. Der Souverän hat die Polarisierung gewollt. Das ist eine Chance für die Demokratie. mehr »