Ärzte Zeitung online, 27.12.2018

Diagnostik verbessert

Wenn das Steak zur Gefahr wird

Menschen mit alpha-Gal-Syndrom zeigen allergische Reaktionen, nachdem sie rotes Fleisch gegessen haben. Ein neuer Test soll helfen, die Allergie besser zu diagnostizieren.

Wenn das Steak zur Gefahr wird

Bereits 2009 haben US-amerikanische Forscher festgestellt, dass Menschen gegen Fleisch von Säugetieren eine Allergie entwickeln können. Deren Diagnose ist bislang jedoch nicht einfach.

© bit24 / stock.adobe.com

ESCH-SUR-ALZETTE. Ein deutsch-luxemburgisches Forscherteam hat einen neuen Test für eine seltene Allergie entwickelt: das alpha-Gal-Syndrom.

Betroffene entwickeln zwei bis sechs Stunden nach dem Verzehr roten Fleischs – zum Beispiel von Rind, Schwein, Lamm oder Wild – allergische Symptome, erinnert das Luxembourg Institute of Health (LIH) in einer Mitteilung zur Veröffentlichung der wissenschaftlichen Arbeit (Journal of Allergy and Clinical Immunology 2018; pii: S0091-6749(18)31143-6).

Erhöhtes Risiko nach Zeckenstich

2009 haben US-amerikanische Forscher festgestellt, dass Menschen gegen Fleisch von Säugetieren eine Allergie entwickeln können. Insbesondere wenn sie zuvor von einer Zecke gestichen wurden und darauf starke Entzündungsreaktionen zeigten, haben sie dafür ein erhöhtes Risiko. Symptome wie Hautrötungen, Atemnot oder allergische Schockzustände sind dann mögliche Folgen von Fleischverzehr.

Unmittelbarer Auslöser für diese seltenen, als alpha-Gal-Syndrom bezeichneten Reaktionen ist die Galaktose-alpha-1,3-Galaktose, kurz alpha-Gal, erinnert das LIH. Alpha-Gal sitzt auf der Oberfläche von Zellen von Säugetieren wie Rind, Schwein, Lamm oder Wild. Menschliche Zellen besitzen den Zuckerstoff hingegen nicht.

Fleischverzehr als Ursache?

Gelangt alpha-Gal nach einer Fleischmahlzeit in das Blut, kann es zu einer allergischen Reaktion kommen. Allerdings nicht – wie etwa bei Apfel-Allergikern – sofort beim Kauen der Nahrung, sondern meist mit einer Zeitverzögerung von zwei bis sechs Stunden. Deshalb sind die Allergie-Symptome nicht immer leicht mit dem Fleischverzehr in Verbindung zu bringen.

Das Team von Wissenschaftlern und Klinikern aus Luxemburg und Deutschland hat nun einen Test weiterentwickelt, mit dem das alpha-Gal-Syndrom deutlich besser als bisher diagnostiziert werden kann, berichtet das LIH. Durch den Nachweis von speziellen Antikörpern gegen alpha-Gal könne man zwar eine Sensibilisierung auf alpha-Gal zeigen; das tatsächliche Risiko einer allergischen Reaktion habe so allerdings bisher nicht erfasst werden können.

Aufwändiger und riskanter Provokationstest

„Bislang musste ein Provokationstest durchgeführt werden: Die Betroffenen aßen unter ärztlicher Überwachung Fleisch in immer größeren Mengen, bis es zur allergischen Reaktion kam“, wird LIH-Wissenschaftlerin Dr. Christiane Hilger, Projekt-Leiterin der Abteilung Molekulare und Translationale Allergologie, zitiert: „Wegen der Zeitverzögerung war der Test sehr aufwändig und nicht ohne Risiken.“

Für ihre Arbeit analysierten die Forscher das Verhalten einer bestimmten Art menschlicher Immunzellen, der Basophilen. Sie reagieren stark auf verschiedene Allergene, auch auf alpha-Gal, wenn eine Allergie vorliegt.

Test weiterentwickelt

Die Wissenschaftler haben deshalb einen Test weiterentwickelt, welcher unter anderem alpha-Gal und bestimmte fluoreszierende Marker enthält. Letztere sind bei Allergen-Stimulation der Basophilen (Basophilen-Aktivierungstest) verstärkt nachweisbar, wie Hilger in der Mitteilung des LIH erläutert: „Dem Patienten wird eine Blutprobe entnommen, die mit den Substanzen des Test-Kits in Kontakt gebracht wird. Anschließend werden die Basophilen in einer so genannten Durchfluss-Zytometrie untersucht.

Haben sie stark auf das alpha-Gal reagiert, leuchten sie in dem Untersuchungsgerät wegen der fluoreszierenden Marker deutlich auf. Bei Probanden, die keine allergische Reaktion zeigen, finden wir hingegen kein oder ein deutlich schwächeres Fluoreszenz-Signal.“

Test an Blutprüfen überprüft

Um ihren neuen Ansatz zu überprüfen, hat das Forscherteam Blutproben von mehr als 50 Personen untersucht. Mit klarem Ergebnis, wie Professor Bernadette Eberlein, Technische Universität München, in der LIH-Mitteilung feststellt: „Am Fluoreszenz-Signal konnten wir sehr deutlich die Personen erkennen, die eine Fleisch-Allergie entwickelt und ein hohes Risiko einer allergischen Reaktion bei Fleischverzehr haben. Der Test wird dazu beitragen, dass die Zahl der Provokationstests deutlich reduziert werden kann.“

Für die Forscher ist die Arbeit damit aber noch nicht zu Ende. „Zwar wurde beobachtet, dass insbesondere Menschen die Fleischallergie entwickeln, die nach einem Zeckenstich besonders starke Entzündungsreaktionen haben. Welche Substanzen im Speichel der Zecken diese Reaktion auslösen und was im Immunsystem dabei genau geschieht, wollen wir jetzt mit unseren Forschungsarbeiten herausfinden“, wird Hilger zitiert. (eb)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[28.12.2018, 14:55:19]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Galactose-alpha-1,3-Galactose Syndrom (alpha-Gal-syndrome)
"Definition
Verzögerte Soforttypallergie [ICD-10 GM 2018 T78.2] auf das Disaccharid Galactose-alpha-1-3-Galactose (Alpha-Gal), ein terminales Glykoylierungsmotiv in Glykoproteinen und Glykolipiden von Säugetierzellen und Säuegtiergeweben. Bei höheren Primaten so auch beim Menschen wird dieses Glykosidmotiv evolutionsbedingt nicht mehr exprimiert." nach
https://www.enzyklopaedie-dermatologie.de/allergologie/alpha-galactose-syndrom-23274

"Ätiopathogenese
Alle Säugetiere, ausser Mensch und Altweltaffen, exprimieren das Disaccharid Galactose-alpha 1,3-Galactose (alpha-Gal), das mit Proteinen und versch. Lipiden glykosidisch verbunden ist. Das alpha-Gal-Epitop ist bei Vögeln, Reptilien und Fischen nicht vorhanden.
Zeckenbisse als Co-Faktor: Die Prävalenz der Sensibilisierung gegenüber alpha-Gal ist regional sehr unterschiedlich. Sie betrug z.B. in versch. US Staaten (z.B. Arkansas, Tennessee, North Carolina) bis zu 20% (hohe Zeckenbesiedlung). Hingegen liegt in Kalifornien die Rate < 1%. Somit wird ein lokaler Umweltfaktor postuliert. Einer dieser Faktoren wird in dem amerikanischen Kollektiv in Stichereignissen durch die Zecke Amblyomma americanum vermutet (enthält alpha-Glactose-haltige Speichelprodukte). Klinisch werden Antikörper gegen alpha-Galactose dann vermutet wenn eine starke und langzeitig persistierende (>14 Tage) inflammatorische Reaktion nach Zeckenstichen auftritt. Offenbar scheint der Faktor "Zeckenstich" auch in europäischen Kollektiven eine Rolle zu spielen (s. Kasuistik).
Blutgruppen O und A als Risikofaktor(?): Ein weiterer Risikofaktor scheint die Blutgruppenzugehörigkeit zu sein. So ergab eine Untersuchung (Cabezas-Crus A et al. 2017), dass Menschen mit der Blutgruppe B weniger alpha-Gal-IgE-Antikörper produzieren als Menschen anderer Blutgruppen. Sie sind offenbar immntoleranter als Menschen mit den Blutgruppen 0 und A. Als Erklärung wird angeführtr, dass das Blutgruppen-B-Antigen eine fukosylierte Galactose-alpha-1,3-Galactose Struktur enthält..."

Sehr aufschlussreich dazu auch
http://www.phadia.com/Global/Market%20Companies/Germany/Webinare/Präsentation%20Webinar%20alpha-Gal.pdf
von der Eberhard Karls Universität - Hautklinik - Allergologie - Universität Tübingen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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