Ärzte Zeitung, 21.11.2005

Memantine bremst Alzheimer-Demenz auch längerfristig

Daten zur Behandlung über ein Jahr ausgewertet / Klinischer Gesamteindruck bleibt in dieser Zeit stabil

WIESBADEN (sko/mal). Bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Alzheimer-Demenz kann die Krankheitsprogression auch längerfristig mit dem NMDA-Rezeptor-Antagonisten Memantine gebremst werden. Das belegt jetzt eine Placebo-kontrollierte Studie mit 175 Patienten, bei denen ein Jahr lang Daten erhoben wurden.

Im Gehirn von Patienten mit Alzheimer-Demenz kommt es zu einer Überaktivität des Neurotransmitters Glutamat. Wird diese übermäßige Aktivität durch Memantine früh unterbunden, kann das Fortschreiten der Demenz verzögert werden. Inzwischen liegen Daten zur Behandlung mit Memantine über 52 Wochen vor. Professor Hans Förstl, Direktor der Psychiatrischen Klinik der TU München, hat sie beim Neurologenkongreß in Wiesbaden präsentiert.

In der Studie erhielten 95 Patienten mit wahrscheinlicher Alzheimer-Demenz 28 Wochen lang täglich 20 mg Memantine. 80 Patienten nahmen Placebo ein. Danach wurde die Studie offen für 24 Wochen weitergeführt, wobei die Patienten im ehemaligen Placebo-Arm nun ebenfalls Memantine erhielten, so Förstl bei der vom Unternehmen Merz organisierten Veranstaltung. Die Patienten waren im Schnitt 76 Jahre alt und hatten einen durchschnittlichen Wert im MMSE (Mini Mental State Examination) von 7 Punkten. Dies entspricht einer schweren Demenz.

Bewertet mit dem CIBIS-plus-Score, der auch die Einschätzung von Angehörigen berücksichtigt, machten die Patienten, die von Anfang an Memantine erhalten hatten, von der 28. bis zur 52. Beobachtungswoche einen stabilen klinischen Gesamteindruck. CIBIS-plus steht für Clinician's Interview-Based Impression of Change Plus Caregiver Input.

Patienten, die zunächst Placebo bekommen hatten, waren nach den ersten 28 Studienwochen signifikant schlechtert beurteilt worden als Patienten mit Verum. Nach Umstellung auf Memantine besserte sich der klinische Gesamteindruck bei ihnen aber innerhalb weniger Wochen. Er war am Ende der offenen Therapiephase ähnlich gut, wie bei den Patienten, die von Anfang an Memantine erhalten hatten.

Die kognitive Leistungsfähigkeit der Patienten wurde in der Studie mit dem speziell für diesen Bereich entwickelten SIB (Severe Impairment Battery)-Score erfaßt. Anhand von 40 Elementen werden dabei Gedächtnis, Sprache, Alltag, Aufmerksamkeit und Orientierung geprüft. In dem Test sind maximal 100 Punkte zu erreichen.

Nach 28 Wochen hatten sich bei guter Verträglichkeit der Therapie die kognitiven Funktionen mit Memantine (vom Unternehmen als Axura® angeboten) um fünf SIB-Punkte verschlechtert, mit Placebo dagegen um zehn Punkte.

Nach 52 Wochen hatte sich der Verlust der kognitiven Funktionen bei den Patienten, die bisher Placebo eingenommen hatten, dem der Verum-Gruppe angeglichen und betrug etwa 13 Punkte.

Damit profitierten auch Patienten nach vorheriger Placebo-Therapie von der Umstellung auf Memantine.

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