Ärzte Zeitung, 06.10.2011

Uralt ohne Alzheimer - das scheint möglich

Wer es bis 100 Jahre ohne Alzheimer geschafft hat, der bleibt wohl auch den Rest seines Lebens von einer Demenz verschont. Das könnte man zumindest aus den vorläufigen Ergebnissen einer australischen Studie schließen.

Uralt ohne Alzheimer - das scheint möglich

Schachmatt für die Einbußen der kognitiven Leistung im Alter - manche Menschen bleiben bis ans Lebensende geistig fit.

© Yuri Arcurs/shutterstock.com

WIESBADEN (MUC/mut). Wenn wir nur alt genug werden, so bekommen wir entweder Alzheimer oder Krebs - diesen Schluss muss man fast zwangsläufig ziehen, wenn man die steigende Inzidenz solcher Krankheiten im Alter betrachtet. Nun geben neuen Studienergebnisse Hoffnung: Etwa ein Viertel der Menschen scheint ohne kognitive Einbußen zu altern.

"Ich glaube, das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, geht ab einem Alter von 95 bis 100 Jahren sogar wieder zurück". Mit diesem Satz stellte der renommierte Demenzforscher Professor Colin Masters aus Melbourne in Australien beim Neurologenkongress in Wiesbaden das bisher geltende Dogma auf den Kopf, nach dem die Alzheimer-Inzidenz mit dem Alter quasi exponentiell zunimmt.

Haben wir also gute Chancen mit 120 Jahren noch klar zu denken, falls der Körper so lange mitmacht?

Masters kann sich dies durchaus vorstellen. Für ihn sind Hochbetagte, die noch nicht verwirrt sind, die Überlebenden, an denen der Kelch der Demenz bereits vorbei gegangen ist. Oder anders ausgedrückt: So alt wird man nicht ohne Grund, da stimmt sowohl die Genetik als auch der Lebenswandel.

Was den Körper vor dem Zerfall bewahrt, das schützt auch das Gehirn. Für Masters ist dies jedoch nicht nur eine Schlussfolgerung aus den zahlreichen epidemiologischen Studien, die nahelegen, dass viel Sport, kein Übergewicht, kein Diabetes und ein normaler Blutdruck das Risiko für eine Demenz niedrig halten.

Manche Menschen altern ohne geistigen Abbau

Er hatte eine interessante Entdeckung in einer großen und aufwändigen Kohortenstudie gemacht: Teilnehmer ohne jegliche Alzheimer-Risikofaktoren schnitten bei Kognitionstests praktisch alle gleich gut ab, egal ob sie 60, 70 oder gar 85 Jahre alt waren.

Dagegen war bei Teilnehmern mit Risikofaktoren die kognitive Leistung, wie erwartet, altersabhängig: Je älter, umso schlechter. Es scheint, so Masters, als ob zumindest ein Teil der Bevölkerung geistig gesund alt wird, was heißt, dass es bei ihnen eben zu keinem spürbaren geistigen Abbau kommt.

Ob dem tatsächlich so ist, das wird man in eine paar Jahren besser wissen, wenn man das Schicksal einzelner Teilnehmer der Studie AIBL genauer verfolgen kann. Mit der Studie will man den Alterungsprozess des Gehirns auf allen nur denkbaren Ebenen live mit verfolgen.

Dazu wurden über 1200 ältere bis alte Menschen aufgenommen, die meisten waren zu Beginn kognitiv gesund, 150 hatten bereits leichte kognitive Einschränkungen, knapp 200 eine Alzheimer-Demenz. Bei allen werden regelmäßig Laboruntersuchungen gemacht, Lebensgewohnheiten abgefragt, die geistige Leistung getestet, Risikofaktoren überprüft und das Hirn per MRT durchleuchtet.

Bei einem Teil werden sogar die BetaAmyloid-Ablagerungen im Gehirn per PET sichtbar gemacht. Damit will man die Übergänge von einem normalen zu einem demenzkranken Gehirn festhalten und auf diese Weise eine Alzheimer-Demenz früh erkennen.

Es gibt eine Gruppe von Supergesunden

Seine Entdeckung machte Masters, als er eine Kontrollgruppe unter den gesunden Teilnehmern suchte. In diese Subgruppe sollten nur Menschen, die keine Hirnatrophie im MRT zeigten, keine nennenswerte Amyloidlast im PET, keine auffälligen Laborwerte bei Homocystein oder Vitamin B12.

Auch sollten diese Supergesunden keine genetischen oder kardiovaskulären Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder KHK haben, und sie sollten in Kognitionstests über die vergangenen 18 Monate stabile Werte zeigen.

Diese Personen schnitten bei diversen Gedächtnistest, Logiktests und Tests auf komplexen geistigen Aufgaben individuell zwar sehr unterschiedlich ab, dies korrelierte aber nicht mit dem Alter.

Die Testwerte bei den 80-Jährigen kreisten in der selben Bandbreite um denselben Mittelwert wie bei den 60-Jährigen, wobei es natürlich nicht mehr so viele 80-Jährige gab, die den strikten Kriterien dieser Subgruppe genügten. Insgesamt erfüllten diese Kriterien etwas mehr als ein Viertel aller kognitiv gesunden Teilnehmer.

Anders sieht die Zukunft für geistig noch fitte Menschen aus, die schon viele Beta-Amyloid-Plaques im PET zeigen. Hier ergaben Auswertungen über drei bis fünf Jahre, dass bei einer hohen Beta-Amyloidlast zu Beginn der Studie die kognitive Leistung in den folgenden Jahren deutlich abnahm und einige rasch eine Alzheimer-Demenz entwickelten.

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