Ärzte Zeitung online, 20.12.2017

Leichte kognitive Störungen

Verzögern SSRI die Demenz?

Eine SSRI-Therapie schützt möglicherweise vor einer Demenz: Der Übergang von ersten kognitiven Beeinträchtigung in einen manifesten Morbus Alzheimer ist bei Personen, die längere Zeit SSRI eingenommen haben, um mehr als zwei Jahre verzögert.

Von Thomas Müller

Verzögern SSRI die Demenz?

Erinnerung länger bewahren: SSRI sollen die Plaquebildung im Gehirn verlangsamen und könnten damit vor Demenz schützen.

© Gabriele Rohde/stock.adobe.com

GÖTTINGEN. Depressive haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Demenzerkrankungen, vor allem dann, wenn die Depressionen erstmals in der zweiten Lebenshälfte auftreten. Bei solchen Patienten ist das Demenzrisiko in etwa verdoppelt. Die Ursachen dafür sind noch weitgehend unklar, eine einfache Erklärung lautet, dass Depressive weniger auf ihre Gesundheit achten, ihre kardiovaskulären Arzneien nicht regelmäßig einnehmen und sich weniger bewegen als Nichtdepressive. Nehmen sie jedoch wenigstens die richtigen Antidepressiva, können sie ihr Demenzrisiko vielleicht senken. Darauf deutet jedenfalls eine Analyse von Mitarbeitern der Universität Göttingen.

Geringere Konversionsrate

Für ihre Untersuchung haben Forscher um Dr. Claudia Bartels Angaben der Alzheimer's Disease Neuroimaging Initiative (ADNI) ausgewertet (Am J Psych 2017; online 28. November). In der seit 2004 laufenden Studie werden ältere Menschen (über 55 Jahre) aus den USA und Kanada prospektiv untersucht. Die Forscher um Bartels beschränkten sich auf 438 Teilnehmer, bei denen zu Beginn erste kognitive Beeinträchtigungen (MCI) festgestellt und Liquorproben entnommen worden waren. Alle Teilnehmer waren zu Beginn auch nach psychischen Erkrankungen in der Vergangenheit befragt worden, rund ein Drittel nannte eine Depression in der Vorgeschichte. Die Teilnehmer waren im Schnitt 73 Jahre alt und hatten einen Wert von knapp 28 Punkten im Mini-Mental-Status-Test (MMST).

Bartels und Mitarbeiter schauten nun, ob Depressive mit MCI eher eine Alzheimerdemenz entwickelten als MCI-Patienten ohne Depression. Dies war jedoch nicht der Fall. Während einer durchschnittlichen Nachbeobachtungsdauer von fast zwei Jahren erkrankten Teilnehmer mit Depression in der Vorgeschichte ähnlich häufig an Alzheimer wie solche ohne. Bezogen auf 1000 Tage ließ sich in beiden Gruppen eine Konversionsrate von etwa 40 Prozent berechnen.

Deutliche Unterschiede gab es jedoch in Abhängigkeit von der Behandlung: MCI-Patienten mit SSRI zeigten in den ersten zwei bis drei Jahren eine geringere Konversionsrate (rund 20 Prozent in 1000 Tagen) als MCI-Patienten mit Depression, aber ohne Antidepressivatherapie (etwa 40 Prozent in 1000 Tagen). Dies war allerdings nur der Fall, wenn die SSRI-Behandlung länger als vier Jahre gedauert hatte. Solche Patienten entwickelten signifikant später eine Alzheimerdemenz als Patienten, die nur kurzfristig SSRI oder andere Antidepressiva bekommen hatten – die Verzögerung betrug im Schnitt rund zweieinhalb Jahre. Wurden nur die ersten drei Jahre nach Studienbeginn berücksichtigt, erkrankten Patienten mit Langzeit-SSRI-Therapie auch seltener als MCI-Patienten ohne Depressionen und als Depressive ohne Antidepressiva.

Ein großes Manko bei diesen Betrachtungen sind jedoch die geringen Teilnehmerzahlen in den einzelnen Subgruppen: So hatten nur 38 MCI-Patienten eine Langzeit-SSRI-Therapie bekommen und davon erkrankte in den ersten Jahren nur ein Bruchteil an Alzheimer. Für belastbare Resultate wären also größere Kollektive nötig.

Kein Einfluss auf Liquormarker

Kaum Differenzen gab es auch bei den Beta-Amyloid- und Tau-Werten im Liquor. Aufgrund tierexperimenteller Daten hatten die Forscher gehofft, bei Patienten mit SSRI ein günstigeres Liquorprofil vorzufinden als bei solchen ohne. SSRI scheinen die Aktivität der Alpha-Sekretase zu stimulieren und die der Gamma-Sekretase zu bremsen. Beides sollte dazu führen, dass weniger Beta-Amyloid im Gehirn entsteht. In einem Alzheimer-Maus-Modell konnten SSRI die Bildung von Amyloidplaques verhindern, auch PET-Daten bei Menschen deuten auf eine verlangsamte Plaquebildung unter SSRI. In den Liquorproben der ADNI-Teilnehmer war von solchen Effekten jedoch nichts zu erkennen.

Letztlich müssen randomisiert-kontrollierte Studien klären, ob SSRI tatsächlich einen Einfluss auf die Alzheimerpathologie haben. Denn vielleicht ist eine SSRI-Langzeittherapie auch nur ein Marker für eine gute Compliance und ein günstiges zerebrovaskuläres Risikoprofil.

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Kommentar auf Seite 2

20% in 1000 Tagen betrug die Konversionsrate von ersten kognitiven Beeinträchtigungen zu einer Alzheimer-Demenz bei Patienten, die in der Vergangenheit SSRI eingenommen hatten. Bei Patienten mit Depression, aber ohne Antidepressivatherapie betrug sie 40 Prozent.

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