Ärzte Zeitung online, 10.12.2018

Gestiegene Lebenserwartung

Demenz ist Haupttodesursache bei Down-Syndrom

Patienten mit Down-Syndrom leben immer länger – und sterben heute vor allem an Alzheimer. Bei etwa 70 Prozent aller Todesfälle wird von einer Demenz als Ursache ausgegangen.

Von Thomas Müller

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Hohe Demenzrate bei Down-Syndrom: Ist eine erhöhte Beta-Amyloid-Produktion der Grund?

© Andrea Danti / Fotolia

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Woran sterben ältere Patienten mit Down-Syndrom?

Antwort: Eine britische Kohortenstudie legt nahe, dass rund 70 Prozent an einer Demenz sterben.

Bedeutung: Bei Patienten mit Trisomie-21 könnte sich Demenzprävention besonders auszahlen.

LONDON. Patienten mit Down-Syndrom haben bei der Lebenserwartung in den vergangenen Dekaden erstaunliche Fortschritte gemacht.

Starben vor 50 Jahren noch fast alle von ihnen in den ersten zehn Lebensjahren – vor allem an angeborenen Herzfehlern –, haben sie heute eine Lebenserwartung von rund 65 Jahren und liegen damit nur noch etwa 20 Jahre unter der Lebenserwartung der übrigen Bevölkerung, berichten Ärzte um Dr. Rosalyn Hithersay vom King’s College in London (JAMA Neurol 2018; online 19. November).

Die Lebenserwartung wird heute vor allem durch Demenzerkrankungen limitiert. So steht bei Patienten mit Trisomie 21 rund 20-fach häufiger Demenz als Todesursache auf dem L-Schein als in der Allgemeinbevölkerung.

Mit einem durchschnittlichen Alter von 55 Jahren tritt eine Demenz in der Regel auch deutlich früher auf, und im Alter von 65 Jahren sind fast 90 Prozent demenzkrank, berichten die Forscher um Hithersay mit Verweis auf bisherige Untersuchungen.

Erhöhte Beta-Amyloid-Produktion

Als Grund für das hohe Demenzrisiko wird primär eine erhöhte Beta-Amyloid-Produktion angenommen: Das Gen für das Amyloid-Vorläufer-Protein (APP) befindet sich auf Chromosom 21.

Im Übrigen scheinen für Trisomie-21-Patienten ähnliche Risiko- und Schutzfaktoren zu gelten: Ein ApoE4-Allel erhöht das Alzheimerrisiko, ApoE2 senkt es, und epileptische Anfälle sind prognostisch recht ungünstig. Wie sehr solche Faktoren das Demenz- und das Sterberisiko steuern, haben die Wissenschaftler um Hithersay anhand einer Beobachtungsstudie mit 211 Patienten mit Down-Syndrom im Alter von über 35 Jahren genauer untersucht.

Die Teilnehmer waren zum Studienbeginn im Schnitt 50 Jahre alt, zu 41 Prozent Frauen und zu knapp einem Drittel an Demenz erkrankt.

Demenzpatienten wiesen ein etwas höheres Alter auf, waren etwas häufiger adipös und hatten vermehrt eine spät beginnende Epilepsie entwickelt. Zudem trugen sie häufiger ein ApoE4-Allel. Das mediane Alter bei der Demenzdiagnose lag bei 52 Jahren.

Im Schnitt wurden die Patienten 28 Monate nachbeobachtet, einige bis zu 65 Monate. In dieser Zeit starben 27 Betroffene (13 Prozent). Das mediane Alter beim Tod wurde mit 57 Jahren beziffert. 19 der Verstorbenen (70 Prozent) hatten eine Demenz.

Insgesamt starben im Beobachtungszeitraum 29 Prozent der Demenzkranken, aber nur knapp 6 Prozent derer ohne Demenz. Die Sterberate unter Demenzkranken war also fünfmal höher, und dies war auch dann der Fall, wenn die Forscher ihre Rechnung anhand von Personenjahren erstellten.

Demenz als Todesursache

Unter den Demenzkranken starben vor allem solche mit ApoE4-Allel: Die Forscher berechneten hier ein siebenfach erhöhtes Sterberisiko. Rund fünffach, aber nicht signifikant erhöht war die Mortalität unter Demenzkranken mit früh beginnender Epilepsie, dagegen ging eine spät auftretende Epilepsie bei Patienten mit Down-Syndrom und ohne Demenz mit einer zehnfach höheren Sterberate einher.

Ein weiteres Ergebnis: Patienten ohne Demenz zu Beginn, aber mit ApoE4-Allel, erkrankten im Beobachtungszeitraum rund fünffach häufiger an einer Demenz als solche ohne ApoE4.

Aus den Resultaten schließen die Forscher, dass eine Demenz bei mindestens 70 Prozent der Todesfälle unter ihren Patienten mit Trisomie-21 die unmittelbare Todesursache gewesen sei – andere Ursachen konnten weitgehend ausgeschlossen werden.

Da drei von acht Verstorbenen ohne Demenz ebenfalls Zeichen eines verstärkten kognitiven Abbaus zeigten, könnte die demenzbedingte Mortalität sogar noch höher gewesen sein. Keine Unterschiede bei der Sterberate gab es zwischen Männern und Frauen.

Etwas unklar bleibt die Bedeutung von epileptischen Anfällen. Spät auftretende Epilepsien sind oft Zeichen einer voranschreitenden Neurodegeneration und deuten auf eine ungünstige Prognose. In der britischen Studie lebten aber vor allem Patienten ohne Demenz nicht mehr lange, wenn sie solche Epilepsien entwickelten.

Möglicherweise sei bei diesen Patienten eine Demenz nicht erkannt worden, so die Forscher. Letztlich sind Resultate auf Basis von 27 Verstorbenen jedoch nicht besonders aussagekräftig. Hier müssen wohl erst Ergebnisse größerer und länger dauernder Studien abgewartet werden.

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