Ärzte Zeitung online, 04.10.2019

Alkohol im Alter

Ein Gläschen gegen die Demenz

Wer im Alter regelmäßig geringe Mengen von Alkohol trinkt, könnte damit eine Demenz verhindern – selbst wenn er bereits erste kognitive Einschränkungen aufweist. Das ergab eine US-Studie.

Von Thomas Müller

zur Galerie klicken

Ein regelmäßiger, aber geringer Alkoholkonsum im Alter könnte einer Demenz vorbeugen

© BillionPhotos.com / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Sollten ältere Menschen mit ersten kognitiven Defiziten auf Alkohol verzichten?

Antwort: In der sechs Jahre dauernden GEM-Studie war die Demenzinzidenz bei geringem bis moderatem Alkoholkonsum am geringsten – auch bei Teilnehmern mit MCI.

Bedeutung: Ein Gläschen Wein oder eine Dose Bier am Tag scheint auch bei MCI das Demenzrisiko nicht zu steigern, viel mehr Alkohol sollte es jedoch nicht sein.

Einschränkung: Alkoholmengen beruhen auf Selbstauskünften, Studie recht klein.

BOSTON. Beim Thema Alkohol tobt mitunter ein wahrer Glaubenskrieg zur Exegese der wissenschaftlichen Literatur: Die einen sehen mit Blick auf die Risiken das Glas halb voll und raten möglichst von jeglichem Alkoholkonsum ab, die anderes sehen es halb leer und können für einen moderaten Konsum eher Vorteile, zumindest aber keine Nachteile erkennen.

Tatsächlich lassen die U- oder J-förmigen Kurven, wie sie immerhin recht konsistent in epidemiologischen Studien zu Demenz- und Herzkreislaufrisiken auftauchen, vielfältige Interpretationen zu.

Klar ist lediglich, dass viel Alkohol viel schadet, und viel meist bei zwei Bieren am Tag oder einer entsprechenden Menge Ethanol aus anderen Getränken beginnt. So überrascht es wenig, wenn jetzt in einer weiteren Studie festgestellt wurde, dass ein moderater Alkoholkonsum mit einem reduzierten Demenzrisiko einhergeht – woran auch immer das liegen mag.

Studie beleuchtete Nutzen von Ginkgo biloba

Für ihre Analyse haben Gesundheitsforscher um Dr. Manja Koch von der Chan School of Public Health in Boston Langzeitdaten der Ginkgo Evaluation of Memory Study (GEMS) ausgewertet (JAMA Netw Open 2019; 2(9):e1910319).

Die Studie diente primär dazu, einen Nutzen von Ginkgo biloba mit Placebo zu vergleichen. Teilnehmer waren 3069 Menschen im Alter von durchschnittlich 78 Jahren. Rund 16 Prozent zeigten erste kognitive Defizite (MCI), die übrigen waren kognitiv unauffällig. Im Mittel nahmen die Probanden sechs Jahre an der Studie teil. In dieser Zeit erkrankten 277 im Ginkgo- und 246 im Placeboarm an einer Demenz – Ginkgo konnte die Demenzrate also nicht senken.

Das Team um Koch nutzte nun den Datensatz, um retrospektiv die Demenzinzidenz mit dem Alkoholkonsum zu korrelieren. Der Konsum wurde über Fragebögen zu Beginn der Studie eruiert.

Da die Teilnehmer im Laufe der Studie regelmäßig sehr gründlich neuropsychiatrisch untersucht worden waren, sollten die Auswirkungen des Alkoholkonsums auf die Kognition gut sichtbar sein. Alkoholiker waren jedoch ausgeschlossen worden.

Reduzierte Demenzgefahr

Bei der anfänglichen Befragung sollten die Teilnehmer angeben, wie viel Bier, Wein und andere Alkoholika sie pro Woche konsumierten – ebenso, wie viel sie jeweils tranken, wenn sie einmal Alkohol genossen. Die Forscher rechneten die Angabe in Standarddrinks um, bezogen auf eine Dose Bier (350ml) oder ein Glas Wein (180 ml). Ein Drink entspricht dabei etwa 14 g reinem Ethanol.

Die Forscher teilten die GEMS-Probanden in fünf Gruppen ein: 42 Prozent waren Abstinenzler, 15 Prozent tranken fast nichts (weniger als einen Drink pro Woche), 23 Prozent konsumierten 1 bis 7 Drinks pro Woche, 10 Prozent gönnten sich 7 bis 14 Drinks und ebenfalls 10 Prozent mehr als 14 Drinks.

Als Referenz wählte das Team um Koch Teilnehmer mit sehr geringem Konsum (unter 1 Drink pro Woche), aber keiner Abstinenz, da unter den Abstinenzlern häufig auch ehemalige Alkoholiker sind, was das Ergebnis verzerren könnte.

Berücksichtigten sie nun sämtliche bekannten Begleitfaktoren wie Alter, Geschlecht, Ausbildung, Komorbiditäten und Medikamentenverordnungen, so war die Demenzrate bei denjenigen Teilnehmern ohne anfängliche MCI am geringsten, die immerhin 7 bis 14 Drinks pro Woche konsumierten. Sie durften sich über eine um 37 Prozent reduzierte Demenzinzidenz freuen, verglichen mit den Teilnehmern, die sehr wenig tranken.

Ähnlicher Trend bei Teilnehmern mit MCI

Vorteile des kostenlosen LogIns

Auf unserer Webseite finden Sie tagesaktuelle Informationen aus den Themenbereichen Gesundheitspolitik, Medizin und Wirtschaft.

Über ein kostenloses LogIn erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile:

  • Mehr Analysen, Hintergründe und Infografiken
  • Exklusive Interviews
  • Praxis-Tipps zur Abrechnung und Organisation
  • Alle medizinischen Berichte lesen
  • Kommentare lesen und schreiben

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt. Weitere Infos und zum Login.

Selbst die Gruppe mit dem höchsten Alkoholkonsum glänzte noch mit einer etwas geringeren Demenzrate. Allerdings waren sämtliche Unterschiede nicht signifikant, dafür gab es in dieser Gruppe wohl zu wenige Probanden und Demenzkranke.

Ein ähnlicher Trend zeigte sich bei den Teilnehmern mit MCI zum Studienbeginn: Hier war die Demenzinzidenz in der Gruppe mit 1 bis 7 Drinks pro Woche am geringsten (minus 10 Prozent) und auch bei moderatem Konsum noch etwas erniedrigt (minus 7 Prozent), in der Gruppe mit dem höchsten Konsum aber deutlich erhöht (plus 72 Prozent) – wiederum verglichen mit Teilnehmern, die sehr wenig oder gar nichts tranken, und erneut waren sämtliche Resultate nicht signifikant.

Ein statistisch belastbares Resultat brachte die Studie doch noch ans Licht, und zwar bezogen auf die Verteilung des Alkoholkonsums: Wer täglich einen Drink und nicht mehr genießt, hat nach diesen Daten nur ein halb so hohes Risiko, an Demenz zu erkranken, wie jemand, der viel seltener Alkohol trinkt, dann aber zwei oder mehr Getränke benötigt. Regelmäßig ein Gläschen Wein geht dann wohl doch mit einem reduzierten Demenzrisiko einher.

Was lässt sich aus den Daten schließen? Das Grundproblem der Studie war die geringe Teilnehmerzahl und damit auch eine geringe Ereignisrate. Hier sind kaum signifikante Ergebnisse in kleinen Gruppen zu erwarten. Dennoch zeigte sich der bekannte Zusammenhang zwischen geringem bis moderatem Alkoholkonsum und reduzierter Demenzgefahr.

Bei MCI könnte die Schwelle für einen riskanten Alkoholkonsum allerdings etwas niedriger liegen als bei kognitiv gesunden Älteren, was einen eher zurückhaltenden Alkoholkonsum bei Personen mit beginnender Demenz nahelegt, aber selbst für solche Empfehlungen taugen die Studiendaten kaum.

Wie immer bleibt es offen, ob es am Alkohol oder anderen Faktoren liegt, wenn ältere Menschen, die gerne mal ein Glas Bier oder Wein trinken, seltener an Demenz erkranken als solche, die keinen oder fast keinen Alkohol trinken.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Antidepressiva sicherer als gedacht

Wer Antidepressiva benötigt, trägt ein höheres Suizidrisiko - schwangere Patientinnen gebären gehäuft Kinder mit Autismus. Das alles liegt aber wahrscheinlich nicht an der Medikation. mehr »

Buttersäure-Anschlag auf Arztpraxis

Ein Vermummter hat eine Hamburger Arztpraxis mit Buttersäure angegriffen. Drei Personen wurden verletzt. Der Staatsschutz ermittelt, da die Attacke einen politischen Hintergrund haben könnte. mehr »

Spahns Kassenreform im Vorstände-Check

Mit dem „Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz“ will Gesundheitsminister Spahn einen gerechteren Wettbewerb unter den Kassen anfachen. Wir haben vier Kassenvorstände befragt, was sie vom Gesetzentwurf halten. mehr »