Ärzte Zeitung, 04.06.2004

HINTERGRUND

Bei vielen Diabetikern sind Depressionen eine große Barriere für eine gute Blutzuckereinstellung

Von Ellen Jahn

Diabetes und Depression sind eine ernst zu nehmende Komorbidität. "Das gleichzeitige Auftreten bedingt eine schlechtere Stoffwechseleinstellung, mehr mikro- und makrovaskuläre Komplikationen und verschlechtert insgesamt die Prognose", sagt Privatdozent Johannes Kruse aus Düsseldorf. Eine antidepressive Therapie verbessert dabei nicht nur die Stimmung, sondern auch die Stoffwechselwerte.

Diabetiker mit Depressionen vernachlässigen die Therapie

Im Vergleich zur Normalbevölkerung leiden Menschen mit Diabetes etwa doppelt so häufig an Depressionen. Einer Umfrage zufolge hat mindestens jeder neunte Patient mit Diabetes gleichzeitig eine Depression. "Die Komorbidität ist deshalb so bedeutsam, weil eine Depression eine deutliche Barriere für eine gute Blutzuckereinstellung darstellt", sagte der Psychologe Dr. Bernhard Kulzer von der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim auf einer Veranstaltung des Unternehmens Lilly zur Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft in Hannover. Wer depressiv ist, befolgt die therapeutischen Empfehlungen schlecht, vernachlässigt das Blutzuckermanagement sowie seine Gewichtskontrolle und ist insgesamt mit der Therapie eher unzufrieden.

So wundert es nicht, daß die Kosten der medizinischen Versorgung bei Diabetikern mit komorbider Depression deutlich höher liegen als bei Diabetikern ohne Depression. Ebenso verständlich ist, daß eine Depression ein unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung einer koronaren Herzerkrankung ist und die Mortalität nach akutem Myokardinfarkt erhöht. Sogar subklinische milde Formen der Depression beeinflußten dies bereits, wie Daten der siebenjährigen Untersuchung EPESE (Epidemiologic Study of the Elderly) bei depressiven Diabetikern belegten.

"In der ärztlichen Versorgung werden bei etwa 50 Prozent der Diabetiker die Depressionen nicht erkannt - und ein noch größerer Teil der Patienten wird nicht ausreichend behandelt", sagte Professor Stephan Herpertz aus Bochum. Das liegt zum einen daran, daß bei Diabetes die Blutzuckerkontrolle stark im Vordergrund steht. Und zum anderen können sich die unspezifischen körperlichen Beschwerden einer depressiven Störung mit den Symptomen einer diabetischen Stoffwechsellage wie Hypo- oder Hyperglykämie überlappen.

"Daher kommt dem diagnostischen Screening mittels Fragebogen und der gezielten Ansprache des Arztes eine zentrale Rolle zu", sagte Johannes Kruse weiter. In Diagnostik und Pharmakotherapie gelten die gleichen Kriterien wie bei Menschen ohne Diabetes. Als brauchbares Diagnostikinstrument hat sich nach Angaben von Privatdozent Norbert Herrmanns von der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim die Allgemeine Depressionsskala ADS (Anxiety and Depression Scale, Hogrefe Verlag, Göttingen) erwiesen. Patienten können den Bogen mit 20 Fragen während der Wartezeit selbst ausfüllen.

Die Therapie richtet sich nach der Schwere der Erkrankung. Studiendaten weisen darauf hin, daß mit der Reduktion der depressiven Symptomatik eine bessere Stoffwechseleinstellung einhergeht. Langfristig scheinen Psychotherapien der Pharmakotherapie überlegen zu sein, weil sie nicht nur die depressive Symptomatik verbessern, sondern auch das Krankheitsverhalten modifizieren können.

Wenn in der Akutphase der depressiven Störung Antidepressiva zum Einsatz kommen, sollten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) gegenüber Trizyklika bevorzugt werden. Da die Einnahme von Trizyklika oft mit einer Gewichtszunahme einhergeht, ist sie bei den vielfach übergewichtigen Menschen mit Typ-2-Diabetes nicht geeignet.

Diabetiker-Schulung wirkt schon per se antidepressiv

"Interessanterweise wirkt auch die Diabetiker-Schulung per se antidepressiv", erklärte Hermanns. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung bei 245 Diabetikern. Unmittelbar nach der Schulung hatte sich die Depressionsrate um 20 Prozent reduziert. "Das zeigt wie wichtig es ist, daß Diabetikerschulungen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch emotionale Belastungen und subjektives Krankheitserleben thematisieren", betonte Hermanns. Gut geschulte Patienten seien zuversichtlicher, ihren Krankheitsverlauf positiv beeinflussen zu können.

Weitere Infos in den Leitlinien "Psychosoziales und Diabetes" (erschienen im Kirchheim-Verlag Mainz), sowie unter www.diabetesundstoffwechsel.de

STICHWORT

Depressionsskala

In der Allgemeinen Depressionsskala (ADS) sollen Patienten depressive Affekte, körperliche Beschwerden, motorische Hemmung und negative Denkmuster selbst bei sich beurteilen. Die 20 Fragen können sie während der Wartezeit beantworten. Gefragt wird etwa nach Verunsicherung, Erschöpfung, Selbstabwertung, Niedergeschlagenheit, Einsamkeit, Traurigkeit, Rückzug und Angst. Weitere Infos: www.testzentrale.de/tests (eis)

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