Ärzte Zeitung, 15.02.2011

Kommentar des Experten

Technische Hilfsmittel bereichern die Diabetestherapie enorm

Pens, Pumpen, Blutzuckermessgeräte und Auswertungssoftware werden ständig verbessert. Das ermöglicht moderne Diabetestherapien.

Technische Hilfsmittel bereichern die Diabetestherapie enorm

Von Prof. Hellmut Mehnert

Die Blutzuckerselbstkontrolle ist Voraussetzung für eine flexible Insulintherapie. Das Verfahren gehört damit zu den größten Errungenschaften der Diabetestherapie in den letzten 20 Jahren. Der Messvorgang ist seit der Einführung in allen Teilen modernisiert worden.

So sind heute für die Messung zum Beispiel nur noch extrem geringe Blutmengen und sehr kurze Zeiten nötig. Derzeit werden die Geräte zudem an moderne Informationstechniken angepasst, zum Beispiel in ein iPhone integriert oder mit speziellen Geräten bei Hypoglykämie-Gefahr verbunden.

An der unblutigen Messung von Glukose wird seit Jahren intensiv geforscht. Dabei wird zum Beispiel die Wechselwirkung von Glukosemolekülen mit der eingestrahlten Energie ausgenutzt, etwa mit elektromagnetischen Wellen wie Licht im infraroten Bereich. Hier sind in den nächsten Jahren weitere Innovationen zu erwarten.

Das kontinuierliche Glukose-Monitoring (CGM) etabliert sich zunehmend in der Praxis bei der Diabetes-Diagnostik und Therapieunterstützung. Es gibt sogenannte Nadelsensoren auf enzymatischer Basis, die im Unterhautfettgewebe die Glukose messen, also von Widrigkeiten der blutigen Messung wie Verklumpung oder Fibrinauflagerungen auf dem Messgerät unabhängig sind.

Je nach System wird über fünf bis sieben Tage alle ein bis fünf Minuten ein Messwert erfasst. Diese Geräte sind in vielen diabetologischen Praxen bereits im Einsatz und bereichern die Therapie enorm als offene Monitoring-Systeme, die der Patient selbst anwenden kann.

Bei herkömmlichen Blutzuckermessungen werden auch Hyper- und Hypoglykämien größeren Ausmaßes bisher nicht wahrgenommen; sie können nun mit Hilfe von CGM registriert werden.

Bei den kontinuierlichen Messungen ist zum Beispiel unmittelbar zu sehen, ob die Gefahr einer Hypoglykämie besteht, ob die Insulindosis richtig an eine Mahlzeit angepasst wurde oder ob durch erhöhte körperliche Aktivitäten mehr Kohlenhydrate aufgenommen werden müssen.

Zusätzlich zu dargestellten Glukosekurven wird durch Pfeile auf dem Monitor angezeigt, ob und wie sich die Glukosekonzentration verändert. Hierdurch kann ein Patient zum Beispiel rechtzeitig auf die Gefahr einer Unterzuckerung reagieren.

Auch bei Insulinpumpen gibt es viele Innovationen. Bei einem System wird zum Beispiel der mit Insulin befüllte Corpus wie ein Pflaster auf die Haut geklebt und darauf die Infusionsnadel insertiert. Bei einem anderen System werden die von einem Glukosesensor ermittelten aktuellen Blutzuckerwerte auf das Display der Pumpe übertragen. Erstmals ist so eine Therapiesteuerung durch den Sensor möglich.

So wird zum Beispiel im Fall einer Hypoglykämie - erkennbar an einem voreingestellten Schwellenwert - Alarm gegeben. Wenn der Patient zum Beispiel diesen Alarm verschläft, stellt sich die Pumpe für zwei Stunden vollständig ab. Erst nach dieser Frist schaltet sie sich wieder zu, wenn der Patient dies nicht vorher bereits manuell getan hat.

Das sogenannte künstliche Pankreas (closed-loop-system) ist ein lange gehegter Traum von Patienten und Ärzten. Dabei ist ein Glukosesensor mit einer Insulinpumpe verbunden. Entscheidendes Bindeglied ist die Software, welche die Algorhithmen zur Insulingabe auf Grundlage der gemessenen Glukosewerte steuert.

Dabei müssen die Glukosekonzentrationen nach der Insulinabgabe zuverlässig über einen Zeitraum von zwei bis drei Stunden vorhersagbar sein.

Noch sind solche Systeme nicht auf breiter Basis einsetzbar. Ziel ist es, zunächst die Insulinabgabe zu steuern, indem der Patient weitere Informationen in das System eingibt (semi-closed-loop), bevor es zur vollständigen Verbindung von Pumpe und Sensor kommt (closed-loop).

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