Ärzte Zeitung, 27.04.2016
 

Diabetologie in der Klinik

Nachwuchssorgen wie in der katholischen Kirche

Von Prof. Stephan Martin

Professor Stephan Martin

por-martin-stephan-A.jpg

© privat

Professor Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ).

Die Diabetologie und die katholische Kirche haben viel gemeinsam. Speziell bei der Behandlung des Typ-2-Diabetes predigen nämlich Diabetologen ähnlich wie Priester das Maßhalten.

Für adipöse Patienten mit Typ-2-Diabetes ist Fasten dabei auch außerhalb der kirchlich festgesetzten Zeiträume eine gute Therapieoption.

Und genauso wie der Bedarf an spiritueller Begleitung in unserer Gesellschaft wächst, nimmt auch die Zahl an Personen mit Diabetes kontinuierlich zu.

Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Institutionen ist der fehlende Nachwuchs. Während aber bei der katholischen Kirche der Priestermangel seit Jahren bekannt ist, wissen nur wenige von den personellen Problemen in der Diabetologie.

So versuchen wir seit Wochen im Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf eine Oberarztstelle für Diabetologie zu besetzen und haben bisher nicht eine einzige Bewerbung erhalten.

Auch das Angebot an Fachärzte für Innere Medizin, sich in der Position eines Oberarztes zum Diabetologen weiterzubilden, ist bisher erfolglos geblieben. Dabei ist Düsseldorf kein schlechter Standort.

Wie mag es da Kliniken in ländlichen Regionen ergehen? Auch diabetologische Schwerpunktpraxen finden in vielen Regionen keine ärztlichen Nachfolger mehr!

Diabetesabteilungen geschlossen

Die Ursache für diese dramatische Entwicklung ist in der Ökonomisierung der Medizin zu suchen, der die klinische Diabetologie in Krankenhäusern zum Opfer fällt.

Ganz aktuell werden renommierte Diabetesabteilungen in Hamburg oder München geschlossen oder es werden die Arbeitsbedingungen so verändert, dass leitende Ärzte die Verantwortung nicht mehr tragen können.

In kaum einem anderen medizinischen Bereich greift das Prinzip "ambulant vor stationär" so stark wie bei der Behandlung des Diabetes mellitus.

Diabetologische Schwerpunktpraxen haben die früheren Aufgaben von Diabeteskliniken übernommen. Dies hat aber zu Folge, dass es mit wenigen Ausnahmen in deutschen Kliniken kaum noch Diabeteserfahrung gibt.

Häufig wird die Diabetesversorgung von Diabetesberaterinnen übernommen, die dann ihren vorgesetzten Ärzten meist fachlich überlegen sind. Die Weiterbildung zum Diabetologen wird nur noch selten angeboten.

Deutliche Wissenslücken

Arbeitsverdichtung in anderen Krankenhausabteilungen führt dann dazu, dass man sich primär bei Patienten um die Hauptdiagnose kümmert und Nebendiagnosen wie Diabetes komplett ignoriert.

Der Exodus der klinischen Diabetologie aus deutschen Kliniken hat dabei gravierende Folgen: Die Behandlung von Patienten mit der Volkserkrankung verschwindet aus der ärztlichen Aus- und Weiterbildung, weil diese primär im Krankenhaus stattfindet.

In Facharztvorbereitungsseminaren wird das deutlich. Dort zeigen häufig die Fragen vieler Teilnehmer fehlendes Wissen im Fach der Diabetologie auf. Aufgrund fehlender Erfahrung zu Basismaßnahmen werden Patienten weitgehend medikamentös behandelt.

Im Gegensatz zur katholischen Kirche hat die deutsche Diabetologie keinen Zölibat, dessen Abschaffung das personelle Problem vielleicht lösen könnte. Mit dem "Import" von ausländischen Priestern und Ärzten lassen sich Löcher zudem nur vorübergehend stopfen.

Wie die Katholische Kirche braucht die klinische Diabetologie in Deutschland neue Strukturen, die sich an den Bedürfnissen der Patienten oder der Gläubigen, aber auch der Ärzte oder Priester orientiert. In der katholischen Kirche ruhen hier die Hoffnungen für Veränderungen auf Papst Franziskus.

In der klinischen Diabetologie ist es aber schlimmer: Hier gibt es aktuell niemanden, der von der Gesundheitspolitik wirklich ernst genommen wird. Gesucht wird daher ein wirklicher Diabetespapst...

[28.05.2016, 21:21:11]
Silke Kralenetz 
Abteilungsschließungen nicht das einzige Problem...
Auch in der Auftaktveranstaltung des DDG-Kongresses in Berlin wurde der Nachwuchsmangel beklagt. Die Ursachen dafür werden scheinbar schnell ausgemacht.
Möglicherweise handelt es sich nur um Einzelfälle, aber eventuell liegt das Problem auch noch an anderer Stelle. Unheimlich gerne wäre ich der erhoffte "Nachwuchs", doch man lässt mich leider nicht. Mein Antrag liegt seit einem halben Jahr bei der DDG. Auf mehrfache Nachfrage erfuhr ich, dass er wohl abgelehnt sei, aber auf einen schriftlichen Bescheid mit Begründung warte ich bisher vergeblich. Ähnliches Problem bei einer diabetologischen Fachabteilung, die derzeit absolut nicht von Schließung bedroht ist. Hier wurde vor etwa einem 3/4 Jahr die DDG-Zertifizierung beantragt. Nach mehreren Nachforderungen ist ein positiver Bescheid bislang immer noch Fehlanzeige. Somit verzögert sich natürlich auch die formale Ausbildung der dort arbeitenden Ärzte, denn die Zeit wird ihnen auf den Diabetologen DDG wohl nicht angerechnet werden.
In den geschilderten Fällen braucht es sicher keinen Papst zur Lösung des Problems, auch wenn einige Schäfchen schon fast vom Glauben abfallen sind ... zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Progesteron-Gel kann Frühgeburt vermeiden

Sinkt der Progesteronspiegel in der Schwangerschaft zu früh, verursacht das wohl eine vorzeitige Wehentätigkeit und Geburt.Einige Frauen schützt eine vaginale Hormonapplikation davor. mehr »

Statine mit antibakterieller Wirkung

Die kardiovaskuläre Prävention mit einem Statin schützt möglicherweise auch vor Staphylococcus-aureus-Bakteriämien. Das hat eine dänische Studie ergeben. mehr »

Das steht in der neuen Hausarzt-Leitlinie Multimorbidität

Die brandneue S3-Leitlinie Multimorbidität stellt den Patienten als "großes Ganzes" in den Mittelpunkt – und gibt Ärzten eine Gesprächsanleitung an die Hand. mehr »