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Diabetologie in der Klinik

Nachwuchssorgen wie in der katholischen Kirche

Von Prof. Stephan Martin Veröffentlicht:

Professor Stephan Martin

Nachwuchssorgen wie in der katholischen Kirche

© privat

Professor Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ).

Die Diabetologie und die katholische Kirche haben viel gemeinsam. Speziell bei der Behandlung des Typ-2-Diabetes predigen nämlich Diabetologen ähnlich wie Priester das Maßhalten.

Für adipöse Patienten mit Typ-2-Diabetes ist Fasten dabei auch außerhalb der kirchlich festgesetzten Zeiträume eine gute Therapieoption.

Und genauso wie der Bedarf an spiritueller Begleitung in unserer Gesellschaft wächst, nimmt auch die Zahl an Personen mit Diabetes kontinuierlich zu.

Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Institutionen ist der fehlende Nachwuchs. Während aber bei der katholischen Kirche der Priestermangel seit Jahren bekannt ist, wissen nur wenige von den personellen Problemen in der Diabetologie.

So versuchen wir seit Wochen im Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf eine Oberarztstelle für Diabetologie zu besetzen und haben bisher nicht eine einzige Bewerbung erhalten.

Auch das Angebot an Fachärzte für Innere Medizin, sich in der Position eines Oberarztes zum Diabetologen weiterzubilden, ist bisher erfolglos geblieben. Dabei ist Düsseldorf kein schlechter Standort.

Wie mag es da Kliniken in ländlichen Regionen ergehen? Auch diabetologische Schwerpunktpraxen finden in vielen Regionen keine ärztlichen Nachfolger mehr!

Diabetesabteilungen geschlossen

Die Ursache für diese dramatische Entwicklung ist in der Ökonomisierung der Medizin zu suchen, der die klinische Diabetologie in Krankenhäusern zum Opfer fällt.

Ganz aktuell werden renommierte Diabetesabteilungen in Hamburg oder München geschlossen oder es werden die Arbeitsbedingungen so verändert, dass leitende Ärzte die Verantwortung nicht mehr tragen können.

In kaum einem anderen medizinischen Bereich greift das Prinzip "ambulant vor stationär" so stark wie bei der Behandlung des Diabetes mellitus.

Diabetologische Schwerpunktpraxen haben die früheren Aufgaben von Diabeteskliniken übernommen. Dies hat aber zu Folge, dass es mit wenigen Ausnahmen in deutschen Kliniken kaum noch Diabeteserfahrung gibt.

Häufig wird die Diabetesversorgung von Diabetesberaterinnen übernommen, die dann ihren vorgesetzten Ärzten meist fachlich überlegen sind. Die Weiterbildung zum Diabetologen wird nur noch selten angeboten.

Deutliche Wissenslücken

Arbeitsverdichtung in anderen Krankenhausabteilungen führt dann dazu, dass man sich primär bei Patienten um die Hauptdiagnose kümmert und Nebendiagnosen wie Diabetes komplett ignoriert.

Der Exodus der klinischen Diabetologie aus deutschen Kliniken hat dabei gravierende Folgen: Die Behandlung von Patienten mit der Volkserkrankung verschwindet aus der ärztlichen Aus- und Weiterbildung, weil diese primär im Krankenhaus stattfindet.

In Facharztvorbereitungsseminaren wird das deutlich. Dort zeigen häufig die Fragen vieler Teilnehmer fehlendes Wissen im Fach der Diabetologie auf. Aufgrund fehlender Erfahrung zu Basismaßnahmen werden Patienten weitgehend medikamentös behandelt.

Im Gegensatz zur katholischen Kirche hat die deutsche Diabetologie keinen Zölibat, dessen Abschaffung das personelle Problem vielleicht lösen könnte. Mit dem "Import" von ausländischen Priestern und Ärzten lassen sich Löcher zudem nur vorübergehend stopfen.

Wie die Katholische Kirche braucht die klinische Diabetologie in Deutschland neue Strukturen, die sich an den Bedürfnissen der Patienten oder der Gläubigen, aber auch der Ärzte oder Priester orientiert. In der katholischen Kirche ruhen hier die Hoffnungen für Veränderungen auf Papst Franziskus.

In der klinischen Diabetologie ist es aber schlimmer: Hier gibt es aktuell niemanden, der von der Gesundheitspolitik wirklich ernst genommen wird. Gesucht wird daher ein wirklicher Diabetespapst...

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