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Ärzte Zeitung, 10.11.2016

Tückische Krankheit

Screening deckt Schwangerschaftsdiabetes auf

Gestationsdiabetes zählt zu den häufigsten Komplikationen während der Schwangerschaft. Die Zahl der betroffenen Frauen steigt.

Von Dorothea Hülsmeier

Screening deckt Schwangerschaftsdiabetes auf

Pieks für die Blutzuckermessung: Jede fünfte Frau mit Gestationsdiabetes bekommt Insulin.

© Kzenon / fotolia.com

DÜSSELDORF/ESSEN. Tamara Ates hatte gleich zu Beginn ihrer zweiten Schwangerschaft ein mulmiges Gefühl. "Ich hatte unheimlich viel Durst, musste ständig auf Toilette und habe mich schlapp gefühlt", berichtet die 30-jährige. In der 24. Schwangerschaftswoche (SSW) machte sie den Glukosetoleranztest. Der Wert war leicht erhöht, der Folgetest eindeutig: Ates hatte Gestationsdiabetes.

Zur Behandlung stellte sie die Ernährung um. Brötchen, Weizenprodukte und Süßes waren von nun an tabu. Fünf Mal am Tag maß Ates ihren Blutzucker. Der neue Ernährungsstil allein reichte nicht. Sie bekam auch eine Insulintherapie. Dennoch gaben die Werte ihres Babys keinen Anlass zur Entwarnung.

Der Bauch wurde immer größer – ein typisches Zeichen für Schwangerschaftsdiabetes. Leif kam schließlich mit 58 cm und einem Gewicht von 4080 g zur Welt – ohne Komplikationen. Zwar war der Bauch einen Zentimeter zu groß, doch seine Zuckerwerte waren normal.

Gestationsdiabetes gehört zu den häufigsten Komplikationen während einer Schwangerschaft. Tendenz steigend: Waren es 2002 noch 1,47 Prozent, stieg der Anteil 2014 auf 4,4 Prozent und 2015 auf 4,95 Prozent, wie der Internist und Diabetologe Dr. Helmut Kleinwechter aus Kiel berichtet. Das waren 2015 fast 35.400 Fälle.

"Man muss davon ausgehen, dass die Zahlen jetzt auch steigen, weil gezielt und verbindlich danach gesucht werden muss", sagt der Diabetologe.

Eingeschränkte Aussagekraft

Seit 2012 gehört der Diabetestest in der 24. bis 28. SSW zur Mutterschutzvorsorge. Der Screening-Test hat nur eine eingeschränkte Aussagekraft. "Man entdeckt dabei nicht alle Kranken", so Kleinwechter. Erst der Folgetest erlaubt eine genauere Diagnose. Realistisch wäre eine Rate von Frauen mit Gestationsdiabetes von sieben bis acht Prozent, sagt er mit Bezug auf Schätzungen der WHO.

Die Gründe für die steigende Zahl: Alter und Gewicht der Mütter nehmen zu. "Frauen, die bei der Entbindung 40 bis 45 Jahre alt sind, haben ein erhöhtes Risiko", sagt Professor Karsten Müssig, Leiter des Klinischen Studienzentrums am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf. Jede zweite Frau in Deutschland sei übergewichtig oder sogar adipös.

Zu Diabetes komme es auch, weil die Schwangerschaftshormone dem Insulin entgegenwirkten, sagt Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Dadurch steigt der Blutzucker, das ungeborene Kind bekommt mehr Nährstoffe als es braucht und wird zu dick.

Sumo-Kinder wie das Sechs-Kilo-Baby von 2013 in Leipzig sind angesichts der Vorsorge inzwischen sehr selten. Heute gilt aber ein Mädchen mit mehr als 4000 g Geburtsgewicht bereits als zu schwer, und ein Junge ab 4170 g. Allerdings muss das nicht immer krankhaft sein. Es kommt auch auf die Körpergröße der Eltern an.

Gefahr von Präeklampsie und Harnwegsinfekten

Für Mütter birgt ein unerkannter Diabetes die Gefahr von Präeklampsie und Harnwegsinfekten, die Frühgeburten begünstigen. Oft wird auch wegen der Größe des Babys ein Kaiserschnitt empfohlen. Zudem steigt das Risiko der Mutter für einen Gestationsdiabetes bei einer erneuten Schwangerschaft und langfristig für einen Typ 2-Diabetes.

Auch für das Baby ist der Gestationsdiabetes eine Gefahr: Es kann zu stark an Gewicht zunehmen, zugleich aber "unreif" sein und Fehlbildungen bekommen. Oft leiden die Babys unter schwacher Lunge und Atemnot oder haben einen Herzfehler. Und: "Langfristig haben sie auch ein Risiko für Übergewicht und Typ 2-Diabetes", sagt Müssig.

80 Prozent der Frauen mit Gestationsdiabetes werden mit Lebensstil- und Ernährungsänderung behandelt, etwa 20 Prozent der Betroffenen bekommen Insulin. "Es gibt keine Warnzeichen für die Erkrankung", sagt Albring. Auch schlanke Frauen können daran erkranken, vor allem mit familiärer Vorbelastung. Daher ist der Screeningtest so wichtig.

"Was unterschätzt wird, ist die Nachsorge der Frauen", sagt Kleinwechter. Weniger als die Hälfte der Betroffenen kämen sechs bis zwölf Wochen nach der Entbindung zum empfohlenen Glukosetoleranztest. Der sei aber wichtig, denn etwa 50 Prozent der Frauen entwickelten nach zehn Jahren einen Diabetes. Bei Schwangeren, die mit Insulin behandelt wurden, sind die Prognosen noch schlechter. (dpa)

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