Ärzte Zeitung online, 24.05.2017
 

Diabetesmanagement

Schub durch Digitalisierung

Die Digitalisierung des Diabetesmanagements könnte die Diabetiker-Versorgung revolutionieren. Ideen gibt es reichlich, auch bei Patienten.

MANNHEIM. Trotz der Fortschritte, die die Diabetesversorgung mit ihrer immer breiteren Palette an effektiven Medikamenten, zuverlässigeren Mess- und Applikationsgeräten in den letzten Jahren gemacht hat, werden die in Leitlinien vorgegebenen klinischen Ziele bei der Mehrheit der Patienten nicht erreicht. So hat Lars Kalfhaus, Geschäftsführer von Roche Diabetes Care Deutschland aus Mannheim den Ist-Zustand bei der Diabetes-Versorgung beschrieben. Kalfhaus sprach beim Diabetes Mediendialog 2017 "Diabetes 4.0: Wie sieht die Zukunft aus?", den das Unternehmen veranstaltet hat.

Durch die zunehmende Ausschöpfung digitaler Möglichkeiten könne gerade bei der Diabetiker-Betreuung jetzt eine entscheidende Wende eingeleitet werden. So führten beispielsweise noch heute 78 Prozent aller ihren Blutzucker selbst messenden Diabetiker die Messprotokolle von Hand. Erfahrungsgemäß seien bis zu 60 Prozent dieser manuellen Einträge falsch. Würden die Messdaten dagegen automatisch in ein digitales Protokoll übertragen, gehe die Fehlerwahrscheinlichkeit gegen Null – bei einer Zeitersparnis von 90 Prozent.

Auch bei der Auswertung bereits digital aufgezeichneter Messprotokolle kann der noch konventionell auslesende Arzt nicht mit moderner IT konkurrieren. Bei einem durchschnittlich zehnminütigen Arbeitsaufwand für die visuelle Analyse einer Aufzeichnung würden korrekturbedürftige Muster in 20 bis 80 Prozent der Fälle übersehen oder falsch interpretiert; dagegen deckten automatische digitale Mustererkennungsalgorithmen suspekte Verläufe sekundenschnell korrekt auf.

Der dank der neuen Techniken einsparbare Analyseaufwand lasse Zeit für Wesentlicheres, nämlich für mehr aufklärende und motivierende Gespräche zwischen Arzt und Patient. So gesehen könnte die Digitalisierung auch zu einer "Rehumanisierung" der Medizin beitragen, hoffte Kalfhaus. In diesem Punkt kam allerdings Widerspruch aus dem Auditorium: Solange die Gesundheitspolitik eine faire Honorierung für sprechende Medizin schuldig bleibe, sei diese erhoffte Konsequenz fraglich, äußerten sich Teilnehmer bei der Veranstaltung.

Im Zentrum eines zukünftigen digitalisierten Diabetesmanagements sah Kalfhaus die kontinuierliche Glukosemessung (CGM). Sie ermögliche es, Blutzuckerwerte nicht mehr nur punktuell, sondern tatsächlich in ihrem Verlauf abzubilden und rasch erforderliche Korrekturen einzuleiten. Neuer Erfolgsparameter wird dann die Zeit sein, in der die Glukosekurve innerhalb eines Normkorridors verläuft. Dies spiegelt eine anhaltend gute Blutzuckerkontrolle weit zuverlässiger wider als ein scheinbar zufrieden stellender HbA1c-Wert, der ja bekanntlich auch das Ergebnis stetig wechselnder Über- und Unterzuckerungen sein kann.

In der Entwicklung innovativer Produkte setzt Roche nicht nur auf eigene Kompetenzen, sondern auch auf den Erfindergeist externer Experten. Unter anderem finanziert das Unternehmen ein Projekt, in dem sechs junge IT-affine Diabetiker gestützt auf persönliche Erfahrungen und Wünsche Technologien entwickeln, die das Leben mit der chronischen Erkrankung leichter machen.

So bannte etwa der Designer und Medienkünstler Kevin Röhl aus Berlin seine Sorge vor nächtlichen Unterzuckerungen, indem er sein System zur kontinuierlichen Glukosemessung via Funk mit einer Lichtinstallation in seinem Schlafzimmer verband. Ohne bei einem kurzen nächtlichen Erwachen noch wacher machend auf den Monitor seines Messgerätes schauen zu müssen, signalisiert ihm ein dezentes grünes Schlummerlicht Normoglykämie und lässt ihn beruhigt weiterschlafen. (wst)

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