Ärzte Zeitung, 30.11.2017
 

Ernährung

Mit Süßstoffen steigt das Diabetesrisiko

LISSABON. Diabetes lässt sich nicht verhindern, indem man Zucker durch Süßstoffe ersetzt. Im Gegenteil, in einer Studie aus Australien hat sich nun herausgestellt, dass Süßstoffe die postprandiale Blutzuckerkontrolle beeinträchtigen. Dies könnte erklären, warum künstlich gesüßte Softdrinks das Diabetesrisiko begünstigen.

In ihrer Studie haben Forscher um Professor Richard Young von der University of Adelaide 20 gesunde Probanden zwei Wochen lang Pillen mit Süßstoff (Sucralose und Acesulfame-K) konsumieren lassen. Die Dosis entsprach 1,2 bis 1,5 Liter eines gesüßten Getränkes pro Tag, also eine ganz schön beträchtliche Menge. Weitere 20 Probanden bekamen stattdessen eine Placebopille, wie beim EASD-Kongress berichtet wurde.

Die Folgen des Exzesses: Im Darm von Probanden mit Süßstoff wurde 20 Prozent mehr Glukose aufgenommen, als bei Probanden ohne Süßstoff. Dadurch lagen bei ihnen die Plasma-Glukosewerte im Schnitt um 24 Prozent höher. Die GLP1-Antwort auf die Zuckerzufuhr fiel dagegen im Vergleich zur Placebogruppe um 34 Prozent geringer aus. Die mit Süßstoff verbundene verstärkte Glukoseabsorption führe womöglich dazu, dass weniger Glukose die mittleren und distalen Darmabschnitte erreiche und als Konsequenz weniger GLP1 sekretiert werde, spekuliert Young.

Greifen Menschen ständig zu "Light"-Getränken, besteht die Gefahr einer gesteigerten postprandialen glykämischen Reaktion. Dadurch wird Typ-2-Diabetes begünstigt. Unklar ist allerdings, ob auch schon geringere Mengen Süßstoff die postprandiale Glukosekontrolle beeinträchtigen. (vsc)

[06.12.2017, 08:42:28]
Anja Krumbe 
Blutzuckerkontrolle und Diabetesrisiko werden durch Süßstoffe nicht negativ beeinflußt
Die oben aufgeführten Daten entstammen einer Pressemitteilung (1) im Zusammenhang mit der Präsentation dieser Studie. Die Arbeit wurde bisher nicht in einer anerkannten Fachzeitschrift veröffentlicht - d.h. unter anderem auch, dass sie noch keiner wissenschaftlichen Begutachtung durch andere Experten unterzogen wurde – zudem ist zu Vieles unklar, um die Aussagekraft der Ergebnisse beurteilen zu können.
Entgegen der Ergebnisse einer beträchtlichen Anzahl an Studien, die von den gleichen Autoren veröffentlicht wurden (2) und durchweg keine Auswirkungen von Süßstoffen auf die Blutzuckereinstellung feststellen konnten, wollen die Autoren nun in einer kleinen Studie (27 Probanden inklusive Kontrollgruppe) das Gegenteil festgestellt haben. Die Süßstoffe (Sucralose und Acesulfam-K) wurden dabei dreimal täglich in Form von magensaftresistenten Kapseln vor den Mahlzeiten eingenommen. Hier sollte sich schon die Frage stellen, ob Ergebnisse aus einem solchen Versuchsaufbau für die Praxis eine Relevanz haben können.
Außerdem unterstützen auch die Ergebnisse einer Reihe gut konzipierter Humanstudien die Tatsache, dass Süßstoffe die Blutzuckerkontrolle weder bei gesunden Personen, noch bei Diabetespatienten beeinträchtigen (z. B. durch die direkte Beeinflussung der Gesamtinsulinausschüttung, Glukoseaufnahme und/oder Glukoseverwertung oder durch Auswirkungen auf die Inkretine). (3)
Auch die Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) (4) bestätigt durch die Vergabe eines Health Claims, dass “der Konsum von Nahrungsmitteln mit Süßstoffen statt Zucker zu einem geringeren Blutzuckeranstieg nach Nahrungseinnahme führt, als der Konsum zuckerhaltiger Lebensmittel”.
Dass die Verwendung von Süßstoffen, anstelle von Zucker eine hilfreiche Strategie für Diabetiker sein kann und für die Blutzuckerkontrolle von grundlegender Bedeutung ist, ergibt sich schon alleine aus der Tatsache, dass Süßstoffe keine Kohlenhydrate enthalten. In ihren Richtlinien für 2017 ('Standards of Medical Care in Diabetes') (5) unterstützt die American Diabetes Association die Aussage, dass "Süßstoffe das Potenzial haben, die Gesamtaufnahme von Kalorien und Kohlenhydraten zu verringern." Süßstoffe in Lebensmitteln und Getränken sowie als Süßungsmittel in Form von Tabletten, Flüssig- oder Streusüße als Teil einer gesunden Ernährung können Diabetiker ihre Nahrungsmittelauswahl versüßen und ihre Blutzuckerkontrolle unterstützen (6) .

1 Press Release, Diabetologia. “Small study suggests consuming large amounts of artificial sweeteners may increase risk of developing type 2 diabetes”: https://www.eurekalert.org/pub_releases/2017-09/d-sss091117.php
2 Wu et al. Diabetes Care, 2013; Wu et al. Am. J. Clin. Nutr. 2012; Ma et al. Br J Nutr. 2010; Ma et al. Am J Physiol Gastrointest Liver Physiol, 2009
3 Grozt et al. Regulatory Toxicology and Pharmacology 2017; Bryant and McLaughlin Physiol Behav 2016; Romo-Romo et al. PLoS ONE 2016; Bryant et al. Eur J Clin Nutr. 2014; Brown et al. Nutr Res 2011; Renwick and Molivary. Br J Nutr 2010; Grotz et al. J Am Diet Assoc, 2003
4 EFSA Scientific opinion on the substantiation of health claims related to intense sweeteners. EFSA Journal 2011; 9: 2229
5ADA® 2017 Standards of Medical Care in Diabetes. Diabetes Care 2017; 40 (S1): S33-S43

6Gardner C, et al. Nonnutritive sweeteners: current use and health perspectives: a scientific statement from the American Heart Association and the American Diabetes Association. Diabetes Care. (2012) Aug;35(8):1798-808
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