Ärzte Zeitung online, 14.02.2014

Narkose

Fasten führt nicht zu Hypovolämie

Flüssigkeitskarenz vor geplanten Op und Narkosen setzt Patienten vermeintlich der Gefahr von Dehydratation und Hypovolämie aus. Sofern die Trockenzeit acht Stunden nicht überschreitet, ist das Risiko aber offenbar gering.

Fasten führt nicht zu Hypovolämie

Frau in Narkose: Acht Stunden Flüssigkeitkarenz vorher führen nicht per se zur Hypovolämie.

© Walter DiMauro / OKAPIA

NîMES. Den Auswirkungen des präoperativen Fastens auf die Hämodynamik haben Forscher um den Anästhesisten Laurent Muller von der Universitätsklinik in Nîmes nachgespürt. 100 Patienten im ASA-Status I-III, bei denen geplante abdominelle oder gynäkologische Eingriffe anstanden, nahmen an der Studie teil (Br J Anaesth 2014; online 3. Februar).

Am Abend vor der Operation bestimmten die Ärzte deren subaortalen Blutfluss (gemessen als Flussgeschwindigkeit-Zeit-Index [Velocity Time Index, VTI]) echokardiografisch auf zweifache Weise: Zunächst lagerte der Oberkörper der Probanden um 45 Grad erhöht, die Beine lagen flach; danach lag der Oberkörper flach und Beine waren im 45-Grad-Winkel hochgelagert.

Stieg der subaortale Fluss um einen bestimmten Prozentsatz - im Rahmen dieser Studie lag die Grenze bei einer VTI-Zunahme um 15 Prozent - galt der Test als positiv und ein Volumenmangel als gesichert. Nach dem Test folgte eine achtstündige Nüchternphase, kurz vor dem Eingriff und noch vor Einleitung der Narkose wiederholten die Ärzte den Lagerungstest.

Positiv fiel die Untersuchung am Abend vor dem Eingriff bei 16,3 Prozent der Probanden aus. Nach der Fastenzeit lag dieser Anteil nur noch bei 10,2 Prozent der Teilnehmer - keine Spur also davon, dass die Flüssigkeitskarenz eine Hypovolämie induziert hätte, im Gegenteil. Auch der arterielle Druck und die Herzfrequenz blieben unbeeinflusst.

Die gängige Praxis, zu Beginn der Anästhesie einer vermeintlichen fastenbedingten Hypovolämie mit Flüssigkeitsinfusionen gegenzusteuern, sehen Muller und Kollegen nunmehr infrage gestellt.

Sie verweisen darauf, dass der Wasserverlust durch acht- bis zwölfstündiges Fasten zwar auf 500 bis 1000 Milliliter zu veranschlagen sei. Weil er jedes Kompartiment betreffe, müsse eine Dehydratation aber nicht zwangsläufig zu einer Hypovolämie führen.

"Unsere Erkenntnisse könnten es rechtfertigen, die Flüssigkeitszufuhr bei der Narkoseeinleitung zu vermindern", schreiben die Wissenschaftler - dies, zumal jüngste Empfehlungen es den Patienten erlauben würden, noch bis zwei Stunden vor einem Eingriff zu trinken.

Bekanntlich verbessere es die postoperativen Ergebnisse, wenn exzessive Infusionen vermieden würden. Eine allfällige Hypotonie zu Narkosebeginn sei womöglich nicht durch Flüssigkeitsersatz, sondern besser mit moderat dosierter vasopressorischer Medikation zu beheben. (rb)

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