Ärzte Zeitung, 29.03.2017
 

Kardiovaskuläre Erkrankungen

Senkung von Blutdruck und LDL hat langfristig großen Effekt

Blutdruck und LDL-Cholesterin verstärken sich in ihrer kausalen Wirkung auf die Entwicklung kardiovaskulärer Erkrankungen. Die Kombination aus langfristig niedrigen LDL- und Blutdruckwerten gehe mit einer "dramatischen Reduktion" des Lebenszeit-Risikos für solche Erkrankungen einher, so die Autoren einer neuen Studie.

Von Peter Overbeck

Ließen sich Blutdruck- und LDL-Cholesterinwerte gleichzeitig auch nur moderat über eine sehr lange Zeit verringern, könnten Herzinfarkte und Schlaganfälle so gut wie eliminiert werden. Das legen die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung nahe, die der Kardiologe Dr. Brian Ference aus Detroit im US-Bundesstaat Michigan vor Kurzem beim europäischen Kardiologenkongress (ESC) in Rom vorgestellt hat.

"Natürliche Randomisierung"

Die Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe entstammen nicht etwa einer randomisierten Interventionsstudie zu kardiovaskulären Effekten einer kombinierten Blutdruck- und Lipidsenkung. Solche Studien dauern meistens nur wenige Jahre. Vielmehr gleicht die neue Analyse einer jahrzehntelangen Beobachtungsstudie mit einer eingebauten "natürlichen Randomisierung".

Dabei bediente man sich der immer beliebter werdenden Methode der sogenannten "Mendelschen Randomisierung" (mendelian randomization). Diese ermöglicht es, auch aus den Daten nichtrandomisierter Beobachtungsstudien auf kausale Zusammenhänge zu schließen.

Forscher nutzen dazu genetische Polymorphismen, die in Zusammenhang damit stehen, ob zum Beispiel Blutdruck- oder Cholesterinwerte einer Person lebenslang höher oder niedriger sind. Die Natur selbst sorgt für eine "randomisierte" Verteilung solcher Polymorphismen. Ein bestimmtes Allel zu erben, das spezifisch mit niedrigeren LDL-Cholesterinwerten assoziiert ist, wäre demnach quasi analog zu einer Randomisierung auf eine LDL-senkende Therapie in einer Langzeitstudie.

Die Arbeitsgruppe um den US-amerikanischen Kardiologen Ference wollte auf diese Weise klären, welchen kausalen Effekt eine langfristige Exposition gegenüber niedrigeren im Vergleich zu höheren Blutdruck- und LDL-Werten auf das Risiko für die Entstehung kardiovaskulärer Ereignisse hat.

Über 100.000 Studienteilnehmer

Dazu wurden die genetischen und kardiovaskulären Daten von insgesamt 102.000 Personen herangezogen, die an 14 Kohorten- oder Fall/Kontroll-Studien teilgenommen hatten und über einen Zeitraum von bis zu 32 Jahre nachbeobachtet worden waren. Auf der Grundlage erblicher Polymorphismen, die mit Blutdruck und LDL-Cholesterin assoziiert sind, wurde für jede Person ein genetischer Score gebildet.

Anhand dieser Scores wurde dann eine Einteilung in vier Studiengruppen vorgenommen, bestehend aus einer Referenzgruppe, einer Gruppe mit niedrigeren LDL-Spiegeln, einer Gruppe mit niedrigeren systolischen Blutdruck und einer Gruppe mit niedrigeren Werten für beide Parameter. Dann wurde das mit diesen genetischen Scores assoziierte kardiovaskuläre Risiko analysiert.

Im Verlauf von mehr als drei Jahrzehnten wurden insgesamt 14.368 schwerwiegende vaskuläre Erstereignisse erfasst, darunter koronar bedingte Todesfälle, Myokardinfarkte, Schlaganfälle und koronare Revaskularisationen.

Schon bei Personen, die im Vergleich zur Referenzgruppe niedrigere LDL- oder Blutdruckwerte hatten, war das relative Risiko für diese kardiovaskulären Ereignisse jeweils deutlich niedriger (um 54,2 Prozent respektive 44,7 Prozent).

In der Gruppe, in der sowohl die LDL- als auch die Blutdruckwerte niedriger waren, war das Ergebnis sogar noch beeindruckender: Langfristig um 1 mmol/l (39 mg/dl) niedrigere LDL-Werte und zugleich um 10 mmHg niedrigere systolische Blutdruckwerte gingen mit einem um 86,1 Prozent niedrigeren Risiko einher.

Kein Gegensatz zur HOPE-3-Studie

"LDL-Cholesterin und systolischer Blutdruck haben unabhängige, multiplikative und kumulative kausale Effekte auf das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse", schlussfolgerte Ference aus den Ergebnissen der Studie. Deshalb habe die Kombination aus langfristig niedrigeren LDL- und Blutdruckwerten das Potenzial, das Lebenszeit-Risiko für entsprechende Ereignisse dramatisch zu senken.

Dazu seien Präventionsprogramme nötig mit dem Ziel, das LDL-Cholesterin und den Blutdruck möglichst frühzeitig im Leben zu senken. Der US-amerikanische Kardiologe Ference denkt dabei allerdings nicht unbedingt gleich an medikamentöse Behandlungsstrategien.

Auf den ersten Blick scheinen die neuen Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe im Widerspruch zu den erst jüngst vorgestellten Ergebnissen der großen HOPE (Heart Outcomes Prevention Evaluation)-3-Studie zu stehen.

In dieser Studie konnte durch eine kombinierte medikamentöse Senkung von LDL-Cholesterin und Blutdruck bei nicht kardiovaskulär erkrankten Patienten die Inzidenz der kardiovaskulären Ereignisse signifikant gesenkt werden.

Blutdrucksenkung zu kurz?

Allerdings war diese Wirkung im Wesentlichen auf die Lipidsenkung zurückzuführen, während die Blutdrucksenkung daran nur einen nicht signifikanten Anteil hatte.

Ference sieht in diesem Resultat jedoch keinen Gegensatz zu den Ergebnissen seiner eigenen Untersuchung mit "Mendelscher Randomisierung". Nach seiner Ansicht war die Blutdrucksenkung bei den Teilnehmern in der HOPE-3-Studie wahrscheinlich nicht intensiv genug und außerdem wohl auch von einer zu kurzen Dauer.

86% - Um soviel verringert sich das Risiko für schwerwiegende vaskuläre Erstereignisse bei langfristig um 1 mmol/l (39 mg/dl) niedrigeren LDL-Werten und zugleich um 10 mmHg niedrigeren systolischen Blutdruckwerten.

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