Ärzte Zeitung online, 05.06.2018

Brandbrief

Kaum Herzschrittmacher für Kinder mehr verfügbar

BERLIN. Es fehlt zunehmend an kindgerechten Medizinprodukten und Arzneimitteln, berichtet der Forschungsverbund Kompetenznetz Angeborene Herzfehler und richtet sich mit einem Brandbrief an die Hersteller von Herzschrittmachern, Defibrillatoren, Herzkathetern und Arzneimitteln sowie an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Das Kompetenznetz ruft Verantwortliche in Politik und Wirtschaft daher auf, die adäquate Versorgung der Kinder durch eine gezielte Forschungsförderung und die Herstellung entsprechender Medizinprodukte und Medikamente zu gewährleisten.

Kinderkardiologen und Kinderherzchirurgen würden gezwungen, Medizinprodukte für Erwachsene einzusetzen, was für die Kinder ein hohes Gesundheitsrisiko darstelle.

Das Kompetenznetz berichtet, im April 2018 sei der sechs Monate alten Nelly aus Homburg am Universitätsklinikum des Saarlandes der kleinste Schrittmacher der Welt implantiert worden – den letzten der kindgerechten Schrittmacher, den die Pädiatrische Kardiologie auf Lager hatte: Der Medizingerätehersteller habe die Produktion des Gerätes eingestellt.

"Sämtliche Kinderherzzentren betroffen"

Kein Einzelfall, so Professor Hashim Abdul-Khaliq, Sprecher des Kompetenznetzes Angeborene Herzfehler. "Von solchen Entscheidungen sind bundesweit sämtliche Kinderherzzentren betroffen." Zwar sei der Einsatz eines Schrittmachers bei Früh- und Neugeborenen selten.

Im Bedarfsfall aber rette er Leben, wird Abdul-Khaliq in der Mitteilung des Kompetenznetzes zitiert.

Einen Lösungsansatz sehen Patientenverbände in entsprechenden politischen Rahmenbedingungen: "In der Arzneimittelforschung wurden im Bereich Kindermedikamente mit einer EU-Richtlinie Anreize und Sanktionen für die forschende Industrie eingeführt", wird Kai Rüenbrink, Sprecher des Aktionsbündnisses Angeborene Herzfehler der Deutschen Herzstiftung.

Für den Bereich der künstlichen Herzklappen, Stents, Katheter und anderer medizintechnischer Geräte sei eine solche Maßnahme ebenfalls dringend notwendig.

Kindgerechte Medizinprodukte sind nötig

Jedes hundertste Kind in Deutschland komme mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt, erinnert das Kompetenznetz. Fortschritte in Diagnostik und Therapie hätten seit den 1970er-Jahren dazu geführt, dass heute über neunzig Prozent der betroffenen Patienten das Erwachsenenalter erreichen.

Doch das Leben mit der chronischen Erkrankung erfordert eine kontinuierliche medizinische Betreuung. Viele offene Fragen zu den Ursachen angeborener Herzfehler sind zu klären, um die optimale Versorgung der Patienten gewährleisten zu können. Dazu zählt auch die Erforschung und Entwicklung kindgerechter Medizinprodukte. (eb)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Spahn bringt TSVG im Kabinett auf den Weg

16.51Das Kabinett hat den Entwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) durchgewunken. Es enthält einige Änderungen – auch für Ärzte. mehr »

Viele falsche Vorstellungen, was Krebs verursacht

Stress, Handystrahlen und Trinken aus Plastikflaschen lösen Krebs aus, denken viele fälschlicherweise. Die wahren Risikofaktoren kennt nur jeder Zweite, so eine Studie. mehr »

Die übersehene Speiseröhren-Entzündung

Lange glaubte man, die eosinophile Ösophagitis komme nur selten vor. Inzwischen zeigt sich: Es gibt immer mehr Patienten mit dieser chronischen Entzündung der Speiseröhre. mehr »