Ärzte Zeitung online, 28.08.2017

Luftbelastung

Wie Feinstaub dem Herzen schaden könnte

Erstmals konnten Wissenschaftler in einer aufwendigen randomisierten Studie die metabolischen Auswirkungen von Feinstaub aufzeigen. Die Exposition bewirkte bei Gesunden einen Anstieg von Stresshormonen, Stoffwechselprodukten und Blutdruck. Nach Aufstellen eines Luftreinigers gingen die Werte wieder zurück.

Von Veronika Schlimpert

Wie Feinstaub dem Herzen schaden könnte

Dicke Luft: Forscher vermuten, dass das ZNS direkt auf erhöhte Feinstaubwerte reagiert.

© picture-alliance / BARBARA GINDL

SHANGHAI. Feinstaub scheint direkte Einflüsse auf die Hirnaktivität zu haben und darüber Stress und Bluthochdruck zu fördern. Mithilfe aufwendiger Analysetechniken haben es chinesische Wissenschaftler erstmals geschafft, durch Feinstaub hervorgerufene Stoffwechselveränderungen sichtbar zu machen (Circulation 2017; 136: 618-627). Sie vermuten darin eine Ursache für die kardiovaskulären Auswirkungen einer dauerhaften Feinstaubbelastung.

Die Exposition führe zu deutlichen Veränderungen in der Hypothalamus-Hypophysen-Achse und des sympathoadrenergen Systems und beeinflusse den Glukose-, Aminosäure- sowie den Lipidstoffwechsel, berichten die Autoren um Huichu Li von der Fudan Universität in Shanghai.

Zimmer mit Luftreinigern

Für ihre Analyse haben die Forscher einen ziemlichen Aufwand betrieben. Sie platzierten in Zimmern von 55 gesunden Studenten für neun Tage entweder einen Luftreiniger oder dasselbe Gerät ohne funktionsfähige Filterfunktion (Sham-Gruppe). Nach einer 12-wöchigen Pause ohne Luftreinigung tauschten sie die Geräte in den jeweiligen Räumen aus, also die funktionsfähigen mit den nicht funktionsfähigen und andersherum. Die Studenten wurden angehalten, sich bis auf ihre Unterrichtsstunden hauptsächlich in ihren Räumen aufzuhalten. Dies taten sie immerhin zu etwa 75 Prozent ihrer Zeit.

Während dieser Zeit wurden die Feinstaub-Emissionen der Partikelgröße PM2,5 gemessen, also die Staubfraktion, die aufgrund ihrer geringen Partikelgröße (≤ 2,5 μm) als besonders gesundheitsschädlich gilt. Blut- und Urinproben der Teilnehmer wurden entnommen und die Serumbestandteile mithilfe von Analyseverfahren aus der sogenannten Metabolomik untersucht; in diesem Falle nutzen sie die Gaschromatografie mit Massenspektrometrie-Kopplung oder eine Hochleistungsflüssigkeitschromatografie (ultra high performance performance liquid chromatography).

Ohne Luftreinigung betrug der durchschnittliche Tagesmittelwert pro Person 53,1 μg/m3. Nach Installation eines funktionsfähigen Gerätes ging die Belastung um mehr als die Hälfte auf 24,3 μg/m3 zurück und befand sich damit unterhalb des von der WHO als sicher eingestuften Grenzwertes (25 μg/ m3).

In der Zeit der erhöhten Schadstoffbelastung stiegen die Kortisol/Kortison-, Noradrenalin/Adrenalin-sowie Melatonin-Konzentrationen der Studenten merklich an. Ihre Glukose-Werte waren erhöht, ebenso stiegen die Konzentrationen anderer Stoffwechselprodukte wie Aminosäuren, freier Fettsäuren und Phospholipide an. Neben diesen metabolischen Veränderungen kam es zu einem Anstieg des systolischen Blutdrucks (um durchschnittlich 2,61 Prozent), der Insulinresistenz und von Biomarkern, die auf oxidativen Stress und Entzündungsprozesse hinweisen.

Aufgrund dieser Befunde vermuten Li und Kollegen, dass das zentrale Nervensystem direkt auf eine Erhöhung der Feinstaubwerte reagiert. "Es könnte sein, dass der Hypothalamus nach Inhalation von Feinstaub vermehrt Corticotropin-releasing Hormone (CRH) ausschüttet, die wiederum in der Hypophyse die Ausschüttung des Adrenocortikotropen Hormons (ACTH) stimulieren." ACTH regt bekanntlich in der Nebennierenrinde die Produktion und Sekretion von Glucokortikoiden an. Eine vermehrte Ausschüttung des Stresshormons Kortisol führt wiederum zu einem Blutdruckanstieg, einer Zunahme des Herzzeitvolumens, einer verstärkten Gefäßkonstriktion sowie Natrium- und Flüssigkeitsretention.

Weiterhin mutmaßen die Autoren, dass Feinstaub über eine Erhöhung der Adrenalin- und Noradrenalin-Konzentrationen erhebliche Veränderungen im Stoffwechsel hervorruft, etwa eine gesteigerte Glykolyse und Lipolyse.

Vorkehrungen auch in Deutschland?

Das Aufstellen eines Luftreinigers halten die chinesischen Wissenschaftler in Gegenden mit hoher Luftbelastung für eine sinnvolle Maßnahme, um die Feinstaubbelastung in Räumen zu reduzieren.

Unklar ist allerdings, ob solche Vorkehrungen auch in Deutschland effektiv sind und die durch Feinstaub induzierten metabolischen Veränderungen hierzulande ein ähnliches Ausmaß haben. Generell ist in China ja von einer deutlich höheren Feinstaubbelastung auszugehen.

Weitere Infos zur Kardiologie auf www kardiologie.org

25 Mikrogramm pro Kubikmeter beträgt der von der WHO als sicher eingestufte Grenzwert für Feinstaub der Partikelgröße PM2,5.

[28.08.2017, 15:37:23]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Lange bekannt: Feinstaub schadet dem Herzen!
Langfristig wird das Risiko für akute koronare Ereignisse (ACS) durch erhöhte Feinstaubbelastung in der Atemluft gesteigert. In einer prospektiven europäischen Kohorten-Studie, bereits publiziert im British Medical (BMJ) 2014, waren die Risiken schon unterhalb der geltenden Grenzwerte erhöht: "Long term exposure to ambient air pollution and incidence of acute coronary events: prospective cohort study and meta-analysis in 11 European cohorts from the ESCAPE Project"
BMJ 2014; 348 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.f7412 (Published 21 January 2014) von Giulia Cesaroni et al.
http://www.bmj.com/content/348/bmj.f7412

Die hier ausgezeichnet referierte Studie bestätigt im kontrollierten, experimentellen Setting die in den letzten Jahren publizierten Arbeiten zu erhöhten Konzentrationen von Feinstaub in der Luft und Atherosklerose in den Koronararterien, Angina pectoris und/oder Herzinfarkt. Die ersten Untersuchungen kamen aus den USA, wo bis heute wesentlich strengere Grenzwerte und juristisch kontrollierte Überwachungen gelten, als im "Alten Europa"! Dort liegt das Limit für den Feinstaub (PM 2,5) bei 12 µg/m3 Luft. In Europa gelten erst PM 2,5-Werte über 25 µg/m3 als bedenklich.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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