Ärzte Zeitung online, 18.12.2017

DGG warnt

Vorsicht bei neuen Blutdruck-Grenzwerten!

Trotz zweifellosem Nutzen mahnt die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) zur Vorsicht bei der Anwendung der neuen Grenzwerte für den Bluthochdruck.

Vorsicht bei neuen Blutdruck-Grenzwerten!

Grenzwert-Debatte: DGG warnt vor zu niedrigem Blutdruck bei älteren Menschen.

© Kzenon / Fotolia

MÜNCHEN. Die unlängst veröffentlichten niedrigeren Grenzwerte für den Bluthochdruck gefährden nach Ansicht der Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) ältere Patienten – zumindest bei unkritischer Anwendung. Nach den neuen Empfehlungen amerikanischer Fachgesellschaften gilt jetzt nur noch ein Blutdruck von weniger als 120/80 mm Hg als normal. Bereits ab einem Blutdruck von 130/80 mm Hg liegt ein Bluthochdruck vor.

Die neuen amerikanischen Empfehlungen stützten sich auf aktuelle Untersuchungen, die in der Tat auch für ältere Patienten den Nutzen einer intensiveren Blutdrucksenkung belegen konnten. Die diesbezüglichen Studien seien sorgfältig durchgeführt und die jeweiligen Ergebnisse nachvollziehbar, räumt die DGG in einer Pressemitteilung ein.

Das Problem tauche bei der Übertragung der Studienergebnisse auf ältere auf. Hiers seien im Wesentlichen zwei Aspekte zu nennen, so die Fachgesellschaft.

Erstens: Die automatische, unbeobachtete Blutdruckselbstmessung, die in der wesentlichen Studie eingesetzt wurde, führt zu Blutdruckwerten, die etwa 15/8 mm Hg niedriger liegen als Messungen durch medizinisches Personal.

Zweitens: In die Studie wurden nur sehr rüstige, daheim lebende, ältere Patienten aufgenommen. So fit wie die Patienten der Studie sind aber bei weitem nicht alle Personen im höheren Lebensalter.

Die große Gefahr liegt laut DGG daher in der Übertragung dieser Studienergebnisse auf den älteren Patienten im Allgemeinen. Häufig befinden sich ältere Patienten in einem schlechteren Allgemeinzustand mit zahlreichen Begleiterkrankungen wie zum Beispiel einer kognitiven Beeinträchtigung. Unter Umständen leben sie aufgrund einer oder mehrerer Behinderungen bereits in Alten- und Pflegeeinrichtungen. Da Patienten dieser Art gar nicht in die erwähnten Studien aufgenommen wurden, kann streng genommen zu diesen älteren Patienten in schlechterem Allgemeinzustand keine Aussage gemacht werden.

Aus anderen Untersuchungen ist bekannt, dass bei vielfach erkrankten hochbetagten Patienten eine intensivere Blutdrucksenkung mit vielen Problemen einhergeht. Der niedrige Blutdruck bedeutet eine größere Sturzgefahr und damit auch eine größere Gefahr, eine Fraktur zu erleiden. Außerdem geht ein niedriger Blutdruck bei diesen Patienten mit einer erhöhten Sterblichkeit einher. So haben Altenheimbewohner, deren Blutdruck mit zwei oder mehr Blutdruck senkenden Präparaten auf <130 mm Hg gesenkt wurde, eine um 78 Prozent höhere Sterblichkeit als Bewohner, die nur ein Mittel zur Blutdrucksenkung erhielten und deren Blutdruck bei > 130 mm Hg lag (PARTAGE-Studie).

Unterm Strich erkennt die DGG den Nutzen an, den die neuen Grenzwerte des Bluthochdrucks für viele, gerade jüngere Patienten haben können. Gemeinsam mit vielen Kollegen anderer Disziplinen, die mit der Behandlung älterer Patienten befasst sind, warnt sie ausdrücklich vor der Übertragung dieser Empfehlungen auf ältere Patienten. Nur diejenigen Patienten, die in den zugrunde liegenden Studien beschrieben werden, und deren Blutdruck auf die beschriebene Weise gemessen wurde, profitieren von einer intensiveren Blutdruckbehandlung. Bei allen anderen älteren Patienten ist zu befürchten, dass der Schaden einer intensiven Blutdrucksenkung unter Umständen den erwartenden Nutzen übersteigt. Und diese Patienten bilden einen großen Anteil der älteren Bevölkerung! (eb)

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[19.12.2017, 11:20:34]
Dr. Peter M. Schweikert-Wehner 
und vieles mehr
Danke für die differenzierte Darstellung und den Mut zur individuellen Behandlung.
Neben den oben stehenden Faktoren sind noch weitere zu berücksichtigen, bevor man zum Prinzip: viele hilft viel greift
Interaktionen, Polymedikation, unerwünschte Wirkungen, andere chronische Erkrankungen, genetische Disposition, individuelle Lebenserwartung und Lebensqualität, Adhärenz und vieles mehr. zum Beitrag »

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