Ärzte Zeitung online, 16.02.2018

Luftverschmutzung

Infarktgefahr durch schnellen Anstieg von Stickoxiden

Hohe Stickoxidkonzentrationen in der Umgebungsluft können unter anderem das Herzinfarktrisiko erhöhen. Aber auch ein schneller NO-Anstieg scheint gefährlich zu sein.

Infarktgefahr durch schnellen Anstieg von Stickoxiden

Müssen die Grenzwerte für Stickoxide im der Umgebungsluft angepasst werden? Eine neue Studie legt das nahe.

© Bernd Thissen / dpa / picture-alliance

JENA. Dass erhöhte Stickoxidwerte gesundheitsschädlich – unter anderem für die Atemwege und das Herz –, sind, ist schon länger bekannt. Die europaweit geltenden Grenzwerte, 200 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft als maximaler Stundenwert und 40 Mikrogramm im Jahresmittel, werden deshalb mit einem dichten Netz von Messpunkten überwacht.

Neu ist, dass sich offenbar das kurzfristige Risiko für einen Herzinfarkt auch dann erhöht, wenn der Stickoxidgehalt in der Umgebungsluft innerhalb von 24 Stunden rasch ansteigt, wie nun Wissenschaftler des Universitätsklinikums Jena in einer pidemiologischen Studie nachgewiesen haben. Dynamische Anstiege der Luftverschmutzung seien durch europäische Grenzwerte bisher nicht erfasst worden, heißt es dazu in einer Mitteilung des Uniklinikums.

In ihrer im European Journal of Preventive Cardiology veröffentlichten Studie (doi: 10.1177/2047487318755804) haben Ärzte und Medizinstatistiker alle Patienten betrachtet, die mit einem akuten Herzinfarkt in den Jahren 2003 bis 2010 im Universitätsklinikum Jena behandelt wurden. In die Auswertung flossen nur die Daten derjenigen Patienten ein, die aus einem Umkreis von zehn Kilometer um das Klinikum stammten und für die sich der Zeitpunkt, zudem die Beschwerden begannen, genau rekonstruieren ließen, wie die Uniklinik berichtet.

Herzinfarktrisiko verdoppelt

Die Daten dieser knapp 700 Patienten seien dann mit den Aufzeichnungen der Immissionsdaten für Stickoxide (NO_X/2), Ozon (O3) und Feinstaub (PM10) der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie abgeglichen worden. Im Detail untersuchten die Wissenschaftler, ob sich die Konzentrationen der wichtigsten Luftschadstoffe kurz vor den ersten Herzinfarktsymptomen über einen Zeitraum von 24 Stunden ungewöhnlich stark verändert haben.

Das Ergebnis: "Das akute Herzinfarktrisiko in unserer Studie verdoppelte sich in etwa, wenn die Stickoxidkonzentration innerhalb eines Tages um 20 Mikrogramm pro Kubikmeter anstieg", so Prof. Matthias Schwab, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie und Koautor der Studie.

Für Feinstaub und Ozon waren die Ergebnisse weniger eindeutig. Ein Zusammenhang zwischen einem schnellen Anstieg dieser beider Luftschadstoffe und dem akuten Herzinfarktrisiko habe sich nicht bestätigen lassen. Nichtsdestotrotz seien hohe Konzentrationen von Feinstaub und Ozon besonders für Patienten mit Lungenerkrankungen schädlich.

Grenzwerte adaptieren?

Dr. Florian Rakers, Seniorautor der Studie, ergänzt in der Universitätsmitteilung: "Rasche Anstiege der Stickoxidkonzentrationen treten auch in einer vermeintlich sauberen Stadt wie Jena etwa 30-mal pro Jahr auf. Verantwortlich hierfür ist wahrscheinlich ein ungewöhnlich hohes Verkehrsaufkommen oder meteorologische Faktoren, die eine Smogentwicklung begünstigen." Die Folgerung der Wissenschaftler lautet daher: Sollte sich in größeren Untersuchungen die Ergebnisse bestätigen lassen, also dass sich Stickoxide auch in vergleichsweise ‚sauberer‘ Luft schädlich auswirken können bei einem kurzfristigen, schnellen Anstieg, müssten die EU-Grenzwerte um eine dynamische Komponente erweitert werden. (run)

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[19.02.2018, 17:05:34]
Dr. Hans-Ulrich Stücker 
Andere Schädigungsursachen viel wichtigertiger
Die ganze Abgassdiskussion geht mir gegen den Strich.Gegenüber früher sind die Autos soviel sauberer geworden,wenn man bedenkt,was früher bei Dieselautos aus dem Auspuff kam.Die Situation wird sich weiter entspannen mit zunehmender Elektrifizierung, so sie denn ökologisch betrieben wird !! In meiner medizin. Tätigkeit habe ich selten Pat. mit Lungen( z.B. COPD)- und Herz-Erkrankungen gesehen,die besonders Auspuff-oder anderen Verkehrsabgasen ausgesetzt gewesen wären.—Die weit überwiegende Anzahl hatte ihre Erkrankung nachweislich durch Rauchen ( sicher mehr als 50%),Übergewichtigkeit,hohe Fettwerte,insgesamt durch eine ungesunde Lebensweise. Ein Verbot des Rauchens würde tatsächlich Entscheidendes bewirken,Milliarden Gesundheitskosten einsparen,aber das wollen natürlich die Politiker mit Rücksicht auf die Raucher nicht. Stattdessen wird die Bevölkerung durch wissenschaftlich nicht autorisierte Organisationen ,wie z.B. die deutsche Umwelthilfe geärgert und verunsichert . Abgesehen davon werden die zahlreichen häuslichen offenen Kamine und Holzöfen ,die sicher weit mehr Feinstaub und Stickoxyde produzieren, nicht kontrolliert.
Dr.Stücker,Internist,Kardiologe zum Beitrag »
[19.02.2018, 07:25:49]
Carsten Windt 
Zuallererst braucht es gesicherte Grenzwerte, keine politischen Halbwahrheiten
Es ist doch bezeichnend, dass keine Tier und auch keine Menschenversuche durchgeführt werden (Sollen/ Dürfen). Es werden irgendwelche randomisierten Studien mit gewagten Hochrechnungen präsentiert. Am Ende stehen so und soviel tausend extra Tote oder hier Herzinfarkte.

Wir wissen aber nicht ob dieses tatsächlich der Realität entspricht. Die Politik hat einen Grenzwert festgelegt der auf einer gewagten Hochrechnung basiert (Krankheitsfälle in Wohnungen, wo mit Gas gekocht wird (wobei ich nicht feststellen konnte ob flüssig oder Erdgas gemeint ist). An Arbeitsplätzen ist ein Grenzwert von 950 Mikrogramm zulässig ein Ort, wo wir in 40 Arbeitsjahren ein viertel bis ein drittel unserer Lebenszeit verbringen. Ein Wert der mir genauso absurd erscheint wie 40 Mikrogramm.

Auch die Behauptung, dass im wesentlichen der Autoverkehr verantwortlich ist, ist genauso fraglich. Für Feinstaub hat man mittlerweile festgestellt, dass die "ökologisch" so beliebten Holzöfen genauso viel feinstaub erzeugen wie der gesamte Strassenverkehr. Darum schwenkt man plötzlich auf SO2 aber wieviel Stickoxide wird etwa durch Ölheizungen erzeugt? Wir wissen es nicht, da man zwar die Herstellerangaben kennt aber kein Schornsteinfeger (anders als bei CO) diese Werte in den folgenden 20 Jahren überprüft.

Wir Menschen, insbesondere wir Städter, sind so vielen Giften und Umweltgefahren ausgesetzt, dass wir kaum die Auswirkung eines Stoffes berechnen können.

Und last but not least. verzichten wir vorzeitig auf den Diesel steigt die CO2 Belastung. Die tötet zwar nicht sofort, aber wenn wir das Klima ziel deutlich verfehlen ( und daran arbeiten wir bereits) sterben indirekt durch die globale Erwärmung nicht Millionen sondern Milliarden Menschen oder wir schaffen es uns in den nächsten hundert Jahren aus dem Genpool komplett zu entfernen.

Der "Natur" ist es egal, was mit uns passiert. Sie findet garantiert einen Nachfolger zum Beitrag »
[17.02.2018, 20:40:04]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Die FDP dagegen möchte noch mehr Feinstaub!?
FDP-Parteivorsitzender Christian Lindner hatte noch während der schlussendlich gescheiterten Jamaika-Koalitionsverhandlungen die Einhaltung der Grenzwerte für Luftschadstoffe in den Innenstädten zeitlich hinausschieben wollen. Um seine zahlreichen Sponsoren und Unterstützer aus der Automobil-, Stahl- und Metallindustrie nicht zu verprellen?

Lindner schlug konkret vor, mit Medizinern und Ingenieuren darüber zu sprechen, ob Grenzwerte in Innenstädten nicht auch später erreicht werden könnten?

Aber derzeit drohen in zahl­reichen Städten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge, weil die von der EU vorgegebenen Grenzwerte für Stickstoffdioxid nicht annähernd eingehalten werden.

Die Positionen des FDP-Parteivorsitzenden Christian Lindner ist m.E. indiskutabel: Er will die Einhaltung der Grenzwerte für Luftschadstoffe in den Innenstädten "zeitlich hinausschieben"?

Das heißt doch wohl im "Normal-" und nicht "Politiker-Sprech", dass man sich vor der Automobilindustrie, die sich selbst in den Abgas-Skandal hineingeritten hat, in den Staub wirft, anstatt klare Forderungen, Weisungen und ggf. Strafmaßnahmen anzukündigen, wenn bestimmte CO2-, Feinstaub- und SO2-Grenzwerte nicht endlich eingehalten werden

Schon lange ist bekannt, dass Feinstaub dem Herzen schadet:
Langfristig wird das Risiko für akute koronare Ereignisse (ACS) durch erhöhte Feinstaubbelastung in der Atemluft gesteigert. In einer prospektiven europäischen Kohorten-Studie, bereits publiziert im British Medical (BMJ) 2014, waren die Risiken schon unterhalb der geltenden Grenzwerte erhöht: "Long term exposure to ambient air pollution and incidence of acute coronary events: prospective cohort study and meta-analysis in 11 European cohorts from the ESCAPE Project"
BMJ 2014; 348 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.f7412 (Published 21 January 2014) von Giulia Cesaroni et al.
http://www.bmj.com/content/348/bmj.f7412

Eine hier in der Ärzte Zeitung von Veronika Schlimpert ausgezeichnet referierte Studie bestätigte im kontrollierten, experimentellen Setting die in den letzten Jahren publizierten Arbeiten zur Gefährlichkeit erhöhter Konzentrationen von Feinstaub in der Luft und dem Atherosklerose-Risiko in den Koronararterien, Angina pectoris und/oder Herzinfarkt:
https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/bluthochdruck/?sid=941796
"Wie Feinstaub dem Herzen schaden könnte - Erstmals konnten Wissenschaftler in einer aufwendigen randomisierten Studie die metabolischen Auswirkungen von Feinstaub aufzeigen. Die Exposition bewirkte bei Gesunden einen Anstieg von Stresshormonen, Stoffwechselprodukten und Blutdruck. Nach Aufstellen eines Luftreinigers gingen die Werte wieder zurück" nimmt Bezug auf:
http://circ.ahajournals.org/content/136/7/618
"Particulate Matter Exposure and Stress Hormone Levels
A Randomized, Double-Blind, Crossover Trial of Air Purification" von Huichu Li et al.

Die ersten Untersuchungen kamen übrigens deshalb aus den USA, weil dort bis heute wesentlich strengere Grenzwerte und juristisch kontrolliertere Überwachungen gelten, als im "Alten Europa"! Dort liegt das Limit für den Feinstaub (PM 2,5) bei 12 µg/m3 Luft. In Europa gelten erst PM 2,5-Werte über 25 µg/m3 als bedenklich.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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