Ärzte Zeitung online, 17.12.2018

Mobbing und Gewalt

Besseres Arbeitsklima könnte jeden zwölften Infarkt verhindern

Wer unter Mobbing und Gewalt am Arbeitsplatz leidet, trägt ein deutlich erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Besonders betroffen: Sozialarbeiter, Lehrer – und Menschen in Gesundheitsberufen.

Von Thomas Müller

Besseres Arbeitsklima könnte jeden zwölften Infarkt verhindern

Auch Ärzte sind öfter von einem erhöhten kardivaskulären Risiko durch schlechtes Arbeitsklima betroffen.

© s_l / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

KOPENHAGEN. Mobbing und Gewalt am Arbeitsplatz können den Arbeitnehmern gesundheitlich zu schaffen machen. In Untersuchungen war die Diabetesrate unter gemobbten Mitarbeitern erhöht, wenngleich sich daraus nicht schließen lässt, dass dies am Mobbing liegt: Möglicherweise haben Mitarbeiter mit hohem Diabetesrisiko ein unvorteilhaftes Äußeres oder ein geringeres Selbstbewusstsein und werden daher bevorzugt Opfer von Mobbing.

Umgekehrt könnte natürlich Mobbing dazu führen, dass die Betroffenen übermäßig essen, Alkohol trinken, rauchen und ihr Selbstwertgefühl verlieren. Es dürfte daher schwer zu beurteilen sein, was Ursache und was Wirkung ist.

Ähnlich vorsichtig sind daher auch Resultate einer Analyse zu bewerten, nach denen Mobbing und Gewalt am Arbeitsplatz mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einhergehen. Darüber berichten Epidemiologen um Tianwei Xu von der Universität in Kopenhagen. Sollten Mobbing und Gewalt tatsächlich Ursache für das erhöhte Risiko sein, ließe sich nach den Resultaten von Xu und Mitarbeitern allerdings rund jeder zwölfte Herzinfarkt und Schlaganfall in der Bevölkerung durch ein besseres Arbeitsklima vermeiden (European Heart Journal 2018; online 19. November).

Daten aus drei Kohortenstudien

Das Team um Xu wertete für seine Analyse drei große skandinavische Kohortenstudien aus. Die Teilnehmer waren gefragt worden, ob sie in den vergangenen zwölf Monaten unter Mobbing oder Gewalt am Arbeitsplatz gelitten hatten. Als Gewalt wurden tatsächlich erlittene und angedrohte körperliche Übergriffe gewertet.

Die Forscher konnten Angaben zu über 79.000 Beschäftigten auswerten, die zu Beginn noch keine kardiovaskulären Erkrankungen hatten. Im Schnitt wiesen die Teilnehmer bei der Befragung ein Alter von 43 Jahren auf, 53 Prozent waren Frauen. Über alle Kohorten hinweg fühlten sich 9 Prozent am Arbeitsplatz gemobbt. Täter waren zu 79 Prozent die eigenen Kollegen oder Vorgesetzten.

Als noch höher erwies sich der Anteil von Gewaltopfern: 13 Prozent berichteten über erfolgte oder angedrohte körperliche Angriffe. Die Täter kamen zu 91 Prozent von außerhalb. Opfer von Gewalt fanden sich vor allem unter Sozialarbeitern (über 46 Prozent), Beschäftigten im Sicherheitsbereich (29 Prozent), in Gesundheitsberufen (25 Prozent) sowie unter Lehrern (16 Prozent).

Unter den Teilnehmern, die Angaben zum Mobbing gemacht hatten, ereigneten sich nach einer mittleren Nachbeobachtungsdauer von 3,8 Jahren 484 kardiale und 301 zerebrovaskuläre Ereignisse. Nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Bildungsstatus und Familienstand war die Herz- und Schlaganfallrate von Gemobbten um 59 Prozent höher als unter Personen ohne Mobbing. Ein kausaler Zusammenhang vorausgesetzt, ließen sich 5 Prozent aller kardiovaskulären Ereignisse in der Bevölkerung damit erklären.

Die Schlaganfallrate war unter Gemobbten um etwa 70 Prozent erhöht, die für Hirnblutungen knapp verdreifacht, allerdings war die Zahl der hämorrhagischen Insulte mit 42 recht gering. Die Forscher um Xu fanden zudem einen Dosiseffekt: Häufig gemobbte Teilnehmer trugen ein mehr als verdoppeltes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse.

Wurden Faktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum und BMI mitberücksichtigt, schwächte sich der Zusammenhang ab, die kardiovaskuläre Risikozunahme war dann nicht mehr signifikant.

Mobbing riskanter als Gewalt

Unter den Beteiligten mit Angaben zu Gewalt am Arbeitsplatz ereigneten sich im Laufe von zwölf Jahren etwas über 3200 kardiovaskuläre Ereignisse. Unter den Gewaltopfern war die Rate von Herzinfarkten und Schlaganfällen um 25 Prozent erhöht.

Ein kausaler Zusammenhang vorausgesetzt, ließen sich rund drei Prozent solcher Ereignisse verhindern, würde sämtliche Gewalt bei der Arbeit verhindert. Nach diesen Berechnungen könnten Mobbing und Gewalt während der Arbeit zusammen acht Prozent aller Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen, wobei Mobbing schlimmere Auswirkungen als Gewalt zu haben scheint.

Die Forscher um Xu vermuten, dass Mobbing und Gewalt viel Stress verursachen und dadurch passive Coping-Strategien wie übermäßiges Essen und Alkoholtrinken begünstigen, was wiederum den Gefäßen schadet. Es könnte darüber hinaus aber auch direkte, stressbedingte Auswirkungen auf Puls und Blutdruck geben.

Das Wichtigste in Kürze

- Frage: Welchen Einfluss haben Mobbing und Gewalt am Arbeitsplatz auf das kardiovaskuläre Risiko?

- Antwort: Mobbing geht mit einem um rund 60 Prozent, Gewalt mit einem um 25 Prozent erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall einher.

- Bedeutung: Ein kausaler Zusammenhang vorausgesetzt, lassen sich etwa 8 Prozent aller kardiovaskulären Ereignisse auf Mobbing und Gewalt am Arbeitsplatz zurückführen.

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