Ärzte Zeitung, 06.03.2017

Chronische Aphasie

Sprachtherapie hilft

Intensive Sprachtherapie hilft Patienten mit chronischer Aphasie nach Schlaganfall, das haben deutsche Forscher jetzt belegt. Sie hoffen, dass die neue Evidenz die Kostenübernahme der Therapie erleichtert.

Sprachtherapie hilft

Bei etwa 85 Prozent der Patienten mit chronischer Aphasie nach Schlaganfall ist das "sprachliche Netzwerk" im Gehirn geschädigt.

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MÜNSTER. Wir wirksam ist eine intensive Sprachtherapie von Patienten mit Aphasie nach einem Schlaganfall, der bereits sechs Monate oder länger zurückliegt? Dieser Frage ist ein Team unter Leitung von Sprachforschern der Universität Münster in einer Studie nachgegangen. Die Erkenntnisse belegen zwar nur, was Sprachtherapeuten und Rehabilitationsmediziner aufgrund klinischer Erfahrungen eigentlich schon wussten. Allerdings fehlten ausreichende wissenschaftliche Belege dafür, berichtet die Universität Münster in einer Mitteilung.

Bei etwa 85 Prozent der Patienten mit chronischer Aphasie nach Schlaganfall ist das "sprachliche Netzwerk" im Gehirn geschädigt. Dadurch sind die Betroffenen sowohl beim Sprechen und Verstehen von Lautsprache als auch beim Lesen und Schreiben in verschiedener Ausprägung beeinträchtigt. Und: Obwohl die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie seit über zehn Jahren eine Intensiv-Sprachtherapie als Goldstandard empfiehlt, übernehmen die Krankenkassen in Deutschland die Kosten hierfür nicht ohne Weiteres, heißt es in der Mitteilung weiter.

Der Grund ist die fehlende wissenschaftliche Evidenz: Es mangelt an Ergebnissen aus multizentrischen, randomisierten und kontrollierten klinischen Studien, die die Wirksamkeit der Therapie hinreichend belegen. Diese liefert nun das Projekt der "FCET2EC study group" unter der Leitung von Privatdozentin Dr. Caterina Breitenstein aus der Uniklinik für Allgemeine Neurologie in Münster. In deutschlandweit 19 ambulanten oder (teil-)stationären Kliniken sowie Rehabilitationszentren nahmen 156 Menschen mit Schlaganfall-bedingter chronischer Aphasie an der Studie teil – mit Erfolg (Lancet 2017; online 1. März).

"Nach einem halben Jahr sind die Symptome einer Aphasie verfestigt, und es ist ohne intensive Behandlung nicht mehr mit einer Besserung zu rechnen", erklärt Breitenstein. Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. "Für die Interventionsgruppe begann sofort eine dreiwöchige intensive Sprachtherapie, für die Kontrollgruppe, erst nach ebenso langer Wartezeit", so die Neurowissenschaftlerin und Erstautorin der Studie. Dadurch ließ sich ausschließen, dass sich eine positive Entwicklung auch ohne die Intervention eingestellt hätte.

Während der Behandlungsphase absolvierten die Teilnehmer ein individuelles Programm aus Einzel- und Gruppensitzungen über mindestens zehn Stunden pro Woche. Im linguistischen Teil hatten sie beispielsweise in Wortfindungsübungen fehlende Begriffe in Lückensätzen zu ergänzen – immer und immer wieder.

Die Sätze beschrieben stets eine Situation aus dem Alltag. Durch die häufige Wiederholung "lernt" das Gehirn nachhaltig, auch den entsprechenden Situationen im Alltag schneller die richtigen Wörter zuzuordnen, vermuten die Forscher.

In Rollenspielen lernten die Patienten zudem, ihr gesamtes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten einzusetzen. Eine typische Aufgabe: Einem Passanten – gespielt vom Therapeuten – sollte mit Worten, aber auch durch Zeigen und Zeichnen der richtige Weg auf einem Stadtplan gewiesen werden. "Mit einem solchen Rollenspiel wollen wir die Patienten ermutigen, ihre Störung auch mit nonverbalen Formen der Kommunikation auszugleichen", erläutert die Seniorautorin der Studie, Professor Annette Baumgärtner von der Hochschule Fresenius. Außerdem stand täglich mindestens eine Stunde Eigentraining auf dem Behandlungsprogramm.

Ergebnis: Der sprachliche und kommunikative Leistungsstand der Betroffenen wurde vor und nach der Therapie erhoben. In der Interventionsgruppe hatte sich die verbale Kommunikationsfähigkeit nachweislich verbessert, und zwar auch in bis dahin nicht geübten Alltagssituationen, wie dem Verschieben eines Arzttermins per Telefon. Die erzielten Effekte hielten auch ein halbes Jahr später an. Damit konnten die Wissenschaftler zeigen, dass eine mindestens dreiwöchige intensive Sprachtherapie mit zehn Zeitstunden pro Woche als Minimum ein wirksames und nachhaltiges Behandlungsverfahren für Schlaganfallpatienten mit chronischer Aphasie ist. (eb)

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