Ärzte Zeitung online, 27.11.2017
 

Thrombophilien in der Schwangerschaft

Wann besteht ein hohes VTE-Risiko?

Schwangere mit einem Mangel an Antithrombin, Protein C oder Protein S sollten vor oder nach der Geburt oder zu beiden Zeitpunkten eine Thromboseprophylaxe erhalten.

Von Peter Leiner

Wann besteht ein hohes VTE-Risiko?

VTE in der Familienanamnese? Antithrombin-Mangel? Dann sollten Schwangere prä- und postnatal eine VTE-Prophylaxe erhalten.

© Juri Sokolov / stock.adobe.com

ROTTERDAM. Wie Frauen mit einer homozygoten Faktor-V-Leiden-Mutation sollten Schwangere mit einem Mangel an Antithrombin, Protein C oder Protein S einer neuen Studie zufolge der Gruppe mit hohem Risiko für venöse Thromboembolien (VTE) zugeordnet werden.

Um die Prävention von schwangerschaftsassoziierten VTE zu verbessern, haben niederländische Gynäkologen und Hämatologen ein Update bis zum Ende 2016 verfügbarer Studiendaten vorgenommen (BMJ 2017; 359: j4452). Berücksichtigt wurden Studien, die seit 1970 publiziert wurden. Bisher existierte noch keine systematische Untersuchung oder Metaanalyse, in der das absolute Risiko für schwangerschaftsassoziierte VTE bei Frauen mit spezifischen Thrombophilien ermittelt wurde. Für ihre aktuelle Metaanalyse konnten die Ärzte Informationen aus 36 Studien mit mehr als 41.000 Schwangerschaften auswerten, knapp 6000 bei Frauen mit einer Thrombophilie.

143 VTE-Ereignisse

Unter den berücksichtigten Studien waren zwölf Fallkontrollstudien, 15 Familienkohortenstudien und neun nicht familienbasierte Kohortenstudien. In allen Beobachtungsstudien waren Schwangerschaften bei Frauen mit Thrombophilie, die keinen Gerinnungshemmer erhalten hatten, sowie der Ausgang einer ersten VTE dokumentiert worden. Als VTE galt das Auftreten von tiefen Venenthrombosen und/oder Lungenembolien. Um das Quotenverhältnis und das absolute VTE-Risiko bei unterschiedlichen Thrombophilien abzuschätzen, bedienten sich die Ärzte einer Metaanalyse auf Basis der immer häufiger gebräuchlichen Bayes'schen Statistik, durch die genauere Ergebnisse bei seltenen Ereignissen erwartet werden. Bei 115 der insgesamt 143 VTE-Ereignissen lagen Informationen über den Zeitpunkt der Thrombose vor. 26 Prozent traten vor und 74 Prozent nach der Geburt auf.

Aus den Studiendaten errechneten die Wissenschaftler bei Vorliegen eines Antithrombinmangels ein absolutes VTE-Risiko pränatal von 7,3 Prozent und postnatal von 11,1 Prozent. Insgesamt betrachtet lag es bei 16,6 Prozent. Niedriger war das Risiko bei Protein-C-Mangel (pränatal: 3,2 Prozent; postnatal: 5,4 Prozent; insgesamt: 7,8 Prozent) und bei Protein-S-Mangel (pränatal: 0,9 Prozent; postnatal: 4,2 Prozent; insgesamt: 4,8 Prozent). Die gilt auch für das absolute VTE-Risiko bei Frauen mit homozygoter Faktor-V-Leiden-Mutation (prä- und postnatal: 2,8 Prozent; insgesamt: 6,2 Prozent). Dagegen lag das kombinierte prä- und postnatale Risiko bei Vorliegen heterozygoter Faktor-V-Leiden- oder Prothrombin-G20210A-Mutation oder beider Mutationen unter 3 Prozent.

Autoren geben Empfehlungen

Aufgrund der Ergebnisse der Metaanalyse halten die Ärzte es für sinnvoll, Antithrombin-, Protein-C- und Protein-S-Mangel sowie homozygote Faktor-V-Leiden- und Prothrombin-G20210A-Mutationen bei Schwangeren als Hochrisikofaktoren für VTE einzustufen.

Sie geben auch Empfehlungen zur Prophylaxe ab: Frauen ohne vorherige VTE, die einen Antithrombin- oder Protein-C-Mangel haben und bei denen die Familienanamnese positiv ausfällt, sollten vor und bis zu sechs Wochen nach der Geburt eine Prophylaxe erhalten. Auch bei Frauen mit einer homozygoten Faktor-V-Leiden-Mutation sollte eine Prophylaxe erfolgen, wenn die Familienanamnese positiv ist und zusätzlich VTE-Risikofaktoren vorliegen. Der Grund: Die Wahrscheinlichkeit für ein prä- bzw. postnatales VTE-Risiko betrage 47 bzw. 46 Prozent, und die geschätzten Risiken seien in Familienstudien höher als in nicht familienbasierten Studien, so die Ärzte.

Bei Frauen mit einem Protein-S-Mangel und einer positiven Familienanamnese für VTE empfehlen die Ärzte eine Prophylaxe mit niedermolekularen Heparinen bis maximal sechs Wochen nach der Geburt. Eine Routineprophylaxe sei dagegen nicht zu empfehlen bei Frauen mit heterozygoten Faktor-V-Leiden- oder Prothrombin-G20210A-Mutationen oder gleichzeitig beiden Mutationen.

17% beträgt das VTE-Risiko in der Schwangerschaft bei Frauen mit Antithrombinmangel. Bei Protein-C-Mangel liegt es bei 7,8 Prozent, bei Protein-S-Mangel bei 4,8 Prozent und bei homozygoter Faktor-V-Leiden-Mutation bei 6,2 Prozent.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gegen Husten taugen Medikamente wenig

Abwarten und Tee trinken, mehr wollen US-Experten gegen erkältungsbedingten Husten nicht empfehlen. Allenfalls etwas Honig bei Kindern halten sie noch für geeignet. mehr »

Erst krebskrank, dann Hypertoniker

Überlebende von Krebserkrankungen in der Kindheit tragen ein erhöhtes Hypertonierisiko: Im Alter von 50 Jahren sind 70 Prozent betroffen. mehr »

Macht das Stadtleben krank?

Stadtluft kann Schizophrenie begünstigen, glauben Wissenschaftler. Ein Chefarzt der Charité fordert deshalb eine Public-Mental-Health-Strategie für urbane Räume. mehr »