Ärzte Zeitung online, 19.10.2017

Evolutionsbiologie

Risiko für Entbindungen per Kaiserschnitt ist vererbbar

WIEN. Frauen, die wegen einem Schädel-Becken-Missverhältnis ihrer Mutter durch Kaiserschnitt auf die Welt kamen, entwickeln mehr als doppelt so häufig ein Missverhältnis bei der Geburt ihrer Kinder als jene Frauen, die auf natürlichem Wege geboren wurden. Zu diesem Schluss kommen Evolutionsbiologen um Philipp Mitteröcker von der Universität Wien (PNAS 2017; online 18. September).

Warum hat die Evolution nicht zu einem größeren Geburtskanal und damit zu sichereren Geburten geführt? Bereits in einer früheren Studie erklärte Mitteröcker vom Department für Theoretische Biologie an der Universität Wien diese scheinbar paradoxe Situation mit einem populationsgenetisch-mathematischem Modell als eine Art "Fitness-Dilemma", teilt die Universität Wien mit. "Aus evolutionärer Sicht ist ein schmales Becken von Vorteil: Einerseits für unsere Fortbewegung, aber auch, weil es bei sehr breiten Becken bei der Geburt zum Gebärmuttervorfall und anderen Beckenbodenproblemen kommen kann". Andererseits erhöhen sich die Überlebenschancen eines Babys, je größer es bei der Geburt ist. Hier kommen sich also der Selektionsdruck hin zu schmaleren Becken und jener hin zu größeren Babys sozusagen in die Quere. "Für unsere Fitnesskurve heißt das: Je schmäler das Becken und größer das Kind, umso besser – aber eben nur bis zu dem Punkt, an dem das Kind nicht mehr durchpasst: Dann wird es abrupt fatal", so Mitteröcker.

Aufgrund dieses ungewöhnlichen Selektionsprozesses kann die Rate an Geburtsproblemen durch natürliche Selektion nicht verringert werden. Des Weiteren konnten Mitteröcker und sein Team durch ihr Modell zeigen, dass die regelmäßige Anwendung von lebensrettenden Kaiserschnitten in den letzten 50 bis 60 Jahren bereits eine evolutionäre Veränderung anatomischer Dimensionen bewirkt hat. Diese wiederum hat die Häufigkeit von Geburtsproblemen durch ein Schädel-Becken-Missverhältnis um zehn bis 20 Prozent erhöht. Diese vorhergesagte Zunahme an Schädel-Becken-Missverhältnissen ist jedoch kaum empirisch belegbar, da ein solches Missverhältnis sehr schwer zu diagnostizieren ist. Die Kaiserschnittrate als indirektes Maß hat wiederum durch viele andere, auch nicht-medizinische Gründe wesentlich stärker zugenommen.(eb)

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