Ärzte Zeitung online, 21.05.2018

Nicht öfter schwanger

Akupunktur wenig hilfreich bei künstlicher Befruchtung

Ob echte Akupunktur oder Scheinakupunktur: Egal wo und wie Frauen zum Zeitpunkt des Eisprungs und des Embryotransfers Nadeln setzen lassen – am Erfolg einer In-vitro-Fertilisation (IvF) ändert sich dadurch nichts.

Von Thomas Müller

Akupunktur wenig hilfreich bei künstlicher Befruchtung

Die traditionelle chinesische Medizin kennt einige Punkte, die den Blutfluss im Uterus und den Ovarien erhöhen sollen.

© Max Tactic / stock.adobe.com

SYDNEY. Es kommt offenbar nicht selten vor, dass sich Frauen vor und nach einer künstlichen Befruchtung Akupunkturnadeln in die Haut treiben lassen, in der Hoffnung, die Chancen auf eine Schwangerschaft zu steigern. Die traditionelle chinesische Medizin kennt einige Punkte, die den Blutfluss im Uterus und den Ovarien erhöhen sollen, auch eine allgemeine Stressreduktion könnte von Vorteil sein.

Ob Akupunktur tatsächlich die Chancen auf eine Empfängnis steigert, ist bislang jedoch nicht belegt. Bisherige Studien lieferten ein uneinheitliches Bild, zudem sei die Studienqualität zu diesem Thema in der Vergangenheit eher bescheiden gewesen, schreiben Gesundheitsforscher um Dr. Caroline Smith von der Western Sydney University in einer in "JAMA" (doi:10.1001/jama.2018.5336) publizierten Untersuchung.

Scheinakupunktur mit stumpfen Nadeln

Ein Team um Smith wollte der Angelegenheit mit einer recht groß angelegten randomisiert-kontrollierten Studie auf den Grund gehen. Nach deren Resultaten führt eine Akupunkturbehandlung um die künstliche Befruchtung herum nicht häufiger zu einer Schwangerschaft mit anschließender Lebendgeburt als eine Scheinakupunktur. Dies bedeutet natürlich nicht, dass die Akupunktur nichts nützt, sie könnte immer noch mit einem ausgeprägten Placeboeffekt glänzen. Ob dies der Fall ist, lässt sich jedoch nicht sagen, da die Studie keine Kontrollgruppe ohne Akupunktur führte.

Die Forscher um Smith konnten für die Untersuchung 809 Frauen mit Kinderwunsch gewinnen, die sich bislang erfolglos um eine Schwangerschaft bemüht hatten. Im Schnitt waren die Frauen 35 Jahre alt, knapp die Hälfte hatte bereits zwei oder mehr vergebliche IvF-Versuche hinter sich, drei Viertel waren bislang kinderlos.

Alle Teilnehmerinnen wollten sich entweder einer Reagenzglasbefruchtung oder einer intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) unterziehen und wurden entsprechend über eine hormonelle Ovarialstimulation vorbereitet. Alle Frauen erhielten zwischen dem sechsten und achten Tag der Stimulation eine Akupunktur, zwei weitere Nadelbehandlungen waren am Tag des Embryotransfers vorgesehen.

Die Hälfte der Frauen bekam die Nadeln von erfahrenen Akupunkteuren an Punkten gesetzt, die den Blutfluss in den Unterleib erhöhen sollten, zudem wurden Punkte zur Stressreduktion genadelt. In der Gruppe mit Scheinakupunktur setzte die Experten die Nadeln außerhalb dieser Punkte, auch verwendeten sie hier stumpfe Nadeln, die nur leicht an die Hautoberfläche, aber nicht in die Haut gedrückt wurden.

Viele Frauen ließen sich davon jedoch nicht täuschen. So glaubten nur 34 % der Teilnehmerinnen mit Scheinakupunktur, sie hätten eine richtige Akupunktur bekommen. Allerdings waren auch die Frauen mit der richtigen Akupunktur sehr skeptisch: Hier gingen nur 43 % davon aus, dass die Nadeln richtig gesetzt worden waren.

Ein Embryotransfer erfolgte jedoch nur bei 607 Frauen, die übrigen lieferten in der Regel zu wenig Oozyten für die künstliche Befruchtung. Dieser Anteil war in beiden Studiengruppen vergleichbar hoch.

Kaum Unterschiede bei erfolgreichen Schwangerschaften

Letztendlich brachten 74 von 405 Frauen mit Akupunktur und 72 von 404 Frauen mit Scheinakupunktur ein lebendes Kind zur Welt, dies entsprach jeweils 18,3 und 17,8 % der Teilnehmerinnen. Der Unterschied erwies sich als statistisch nicht signifikant. Nicht besser sah es aus, wenn die Studienautoren nur die Frauen mit Embryotransfer berücksichtigten. Wo und wie tief die Nadeln sitzen, hat folglich keinen Einfluss auf den Erfolg der künstlichen Befruchtung.

Knapp 26 % der Frauen mit Akupunktur und 22 % mit der Scheinbehandlung wurden schwanger, in der Akupunkturgruppe gab es jedoch etwas häufiger Fehlgeburten, allerdings waren die Unterschiede auch hier nicht signifikant.

Wie zu erwarten, traten unter echter Akupunktur deutlich mehr nadelbezogene Nebenwirkungen wie Unbehagen oder kleine Hautblutungen auf (10,3 versus 5,9 %).

Die Schlussfolgerungen der Studienautoren um Smith: Die Studienergebnisse sprächen nicht dafür, dass Akupunktur den Erfolg der künstlichen Befruchtung verbessere. Umgekehrt spricht jedoch auch nichts dagegen, dass Akupunktur einen Effekt hat, da diese Frage überhaupt nicht untersucht wurde. Die Akupunktur bringt nicht mehr als eine Scheinakupunktur und hat damit keinen spezifischen Effekt – so lautet ihr Ergebnis. Da sich in der Praxis aber niemand freiwillig einer Scheinakupunktur unterzieht, ist dieses Ergebnis weitgehend irrelevant.

Wichtiger wäre zu wissen, ob die Akupunktur mehr bringt als keine Akupunktur. Dazu hätte eine dritte Gruppe ohne Akupunktur mituntersucht werden müssen, wie es in Studien zur Schmerztherapie häufig der Fall war. Dort kam fast immer heraus, dass Akupunktur und Scheinakupunktur ähnlich gut wirken – aber stets besser als keine Nadeltherapie.

Der Placeboeffekt wird häufig unterschätzt, es könnte also durchaus sein, dass sich die Akupunktur prima eignet, um das komplexe Geschehen rund um die Schwangerschaft günstig zu beeinflussen. Dies müssen aber wohl andere Studien klären.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Können Akupunktursitzungen die Chancen auf eine erfolgreiche Schwangerschaft bei künstlicher Befruchtung verbessern?

Antwort: Mit Akupunktur kommen nicht mehr lebende Kinder zur Welt als mit einer Scheinbehandlung.

Bedeutung: Ob die Akupunktur hilfreich ist, lässt sich anhand dieser Studie nicht sagen, da es keine Kontrollgruppe ohne Nadeltherapie gab.

Einschränkung: Das Ausmaß des Placeboeffekts bleibt unklar, die Verblindung war in den beiden Gruppen unterschiedlich erfolgreich.

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