Ärzte Zeitung, 24.07.2009

Jodversorgung in Deutschland ist besser, aber noch nicht optimal

Schon ein moderater Jodmangel hat Folgen: Er kann verhindern, dass Kinder das genetisch angelegte maximale Intelligenzniveau erreichen.

Von Werner Stingl

Jodmangel macht sich nicht nur in der Schilddrüse bemerkbar, sondern wirkt auch negativ auf die Reifung von Nervenzellen.

Foto: CGC

MÜNCHEN. Eine ausreichende Jodversorgung in der Entwicklungsphase verhindert nicht nur Jodmangelstrumen, sondern ist auch maßgeblich für die neuronale Ausreifung. Bereits ein moderater Jodmangel kann bei Kindern dazu führen, dass das genetisch angelegte maximale Intelligenzniveau nicht erreicht wird.

Darauf haben Experten bei einer Veranstaltung des Arbeitskreises Jodmangel in München hingewiesen. Zwar habe sich die Jodversorgung der deutschen Bevölkerung in den letzten 20 Jahren entscheidend gebessert. Dennoch sei bei einem erheblichen Teil der Kinder und Heranwachsenden von einem für die neurologische Entwicklung relevanten Defizit auszugehen, hat Professor Thomas Remer vom Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) in Dortmund erklärt.

So ergab etwa der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts in den Jahren 2003 bis 2006 durch Jodmessungen in Urinproben: 17 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben einen mäßigen und 7 Prozent sogar einen schweren Jodmangel. Gefährdet, trotz zunehmender Verwendung von jodiertem Haushaltssalz, Back- und Fleischwaren dennoch in einen Jodmangel zu geraten, sind Heranwachsende, die vorrangig Fertignahrungsmittel verzehren. Denn in diesen Produkten wird aus Kosten- und Exportgründen oft auf jodiertes Salz verzichtet.

Aber auch Säuglinge und Kleinkinder sind potenzielle Jodmangelkandidaten. Remers Institut hatte bei einer Produktanalyse zwar festgestellt, dass Säuglinge und Kleinkinder, die hauptsächlich mit jodangereicherter Baby-Fertignahrung zugefüttert werden, ausreichend mit Jod versorgt sind. Dagegen mündet eine Zufütterung von überwiegend selbst - und dabei altersgerecht salzarm zubereitetem - Obst-, Gemüse-, Fleisch- und Milchbrei leicht in einen kritischen Jodmangel. Wünschenswert wären deshalb ohne Salz, aber mit Jod angereicherte Getreideflocken, sagte Remer.

www.jodmangel.de

Jodtabletten - ja oder nein?

Bei einer Veranstaltung des Arbeitskreises Jodmangel fragte Professor Peter Scriba aus München: "Wer von den Experten würde seinen Kindern trotz der verbesserten Jodversorgung über die Ernährung auch noch Jodtabletten geben?" Alle Experten - die Professoren Thomas Gudermann, Roland Gärtner, beide aus München, Thomas Remer aus Dortmund, und auch Scriba selbst - hoben die Hand.

Sie seien der Ansicht, dass ein mäßiges Jodüberangebot keinem schadet. Dagegen könne bereits eine geringe Unterversorgung - wie noch in Deutschland beobachtet - bei Heranwachsenden die neuronale Entwicklung stören. (wst)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Alltags-Chemikalien schaden dem Sperma

In einer Studie an Spermien haben Forscher schädliche Effekte von Alltagschemikalien festgestellt. Problematisch: Die Einzelstoffe potenzieren ihre Wirkung gegenseitig. mehr »

Nervenärzte schlagen Alarm

Der Spitzenverband ZNS ist besorgt: Die Versorgung von Demenz-, Parkinson- und Schlaganfallpatienten gerate in Gefahr, warnen die Nervenärzte. mehr »

Das läuft falsch bei der Diabetes-Vorsorge

Viele Versuche, Diabetes und Adipositas vorzubeugen, sind zum Scheitern verurteilt: Gesundheitstage an Schulen und eine Zuckersteuer gehören dazu. Diabetes-Experte Prof. Stephan Martin würde die Ressourcen anders verteilen. mehr »