Ärzte Zeitung, 18.01.2010

Viele Fragen zur Hormontherapie für ein Anti-Aging sind noch ungeklärt

Wie werden Menschen am besten gesund alt? Nicht wenige Endokrinologen sind überzeugt, dass so manche Alterserscheinungen die Folge von Hormonmangel sind. Die Studienlage dazu ist allerdings oft unbefriedigend.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Viele Fragen zur Hormontherapie für ein Anti-Aging sind noch ungeklärt

Männer mit Testosterondefizit können das Hormon von außen substituieren, etwa durch ein Gelpräparat, das auf die Haut aufgetragen wird. ©Jenapharm

Einen Überblick über das hormonelle Anti-Aging hat die Endokrinologin Dr. Cornelia Jaursch-Hancke beim 34. Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer gegeben. "In" seien derzeit vor allem Dihydroepiandrosteron (DHEA) und Testosteron. Und auch bei der Östrogentherapie für Frauen seien die Bücher noch nicht geschlossen.

DHEA ist in den USA ein Nahrungsergänzungsmittel

DHEA ist ein gemeinsames Ausgangsprodukt für Testosteron bei Männern und für Östradiol bei Frauen und wird deswegen auch bei Hypophysen- und Nebenniereninsuffizienz eingesetzt. Eine gewisse Besonderheit besteht darin, dass es in den USA als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen und damit in jedem Supermarkt erhältlich ist. "Das dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, dass es keine ausreichend großen Studien dazu gibt", sagte Jaursch-Hancke.

Gut belegt sei, dass der DHEA-Gehalt im Blut bei Männern über 65 Jahren, nicht aber bei Frauen, mit der Gesamtsterblichkeit korreliere: Wer niedrigere DHEA-Spiegel hat, stirbt früher. Vor allem die kardiovaskuläre Sterblichkeit ist höher, was damit zusammenhängen könnte, dass DHEA günstige Effekte auf die Endothelfunktion, das Gerinnungssystem und die Insulinsensitivität zu haben scheint. Kontrollierte Studien freilich sind Mangelware. "Die metabolischen Effekte wurden in einer kleinen kontrollierten Studie nachgewiesen", so Jaursch-Hancke. Daran nahmen aber nur 56 Personen teil, die sechs Monate lang entweder 50 mg DHEA oder Placebo eingenommen hatten. Im Vergleich zu Placebo kam es zu einer signifikanten Abnahme des im MRT quantifizierten Bauchfetts und zu einer ebenfalls signifikanten Verbesserung der oralen Glukosetoleranz und der Insulinsensitivität. Damit könnte DHEA beim metabolischen Syndrom sowohl zur Prävention als auch Therapie eignen, so Jaursch-Hancke. Unklar sei allerdings, ob DHEA eventuell die Ausbildung hormonabhängiger Tumoren fördere. Auch die genaue Dosierung sei derzeit Spekulation.

Etwas weiter ist die Endokrinologie beim Testosteron-Einsatz zum Anti-Aging. Testosteron-Mangel im Alter habe als "Late onset Hypogonadismus" (LOH) Eingang in einige Leitlinien gefunden, so die Expertin: "Mit Testosteronmangel assoziierte Symptome sind etwa eine Verringerung der Muskelmasse, Übellaunigkeit, Schlafstörungen, Hitzewallungen und Probleme mit der Libido."

Zum Testosteronspiegel sind mehrere Messungen nötig

Das alles kann eine Testosteron-Therapie günstig beeinflussen. Ähnlich wie DHEA scheint das Hormon außerdem metabolisch mitzuwirken: In einer kürzlich publizierten Studie erhielten 32 Männer mit metabolischem Syndrom und neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes ein Jahr lang eine Diät und ein Übungsprogramm. Die Hälfte erhielt zusätzlich 50 mg transdermales Testosteron einmal am Tag. Das Ergebnis: Das Stoffwechsel-Ziel - ein HbA1c-Wert kleiner 6,5 Prozent - wurde von 87,5 Prozent der Patienten mit Testosteron-Therapie erreicht. Ohne Hormon gelang das niemandem.

Zu einfach sollte der Arzt sich die Diagnose eines Testosteron-Mangels freilich nicht machen. Zum einen können die "typischen" Symptome bei vielen anderen Erkrankungen auch auftreten. "Eine genaue internistische Abklärung ist deswegen unerlässlich", so Jaursch-Hencke. Hinzu kommt, dass die ermittelten Testosteronwerte notorisch unzuverlässig sind. Nötig sind deswegen mehrere Messungen zwischen 7 und 11 Uhr morgens. Wenn die Werte in diesem Zeitfenster konstant unter 8 nmol/l (230 mg/dl) liegen, sei ein Therapieversuch gerechtfertigt.

Neue Studien zur Östrogentherapie für Frauen

Ob auch die peri- und postmenopausalen Östrogene als Anti-Aging-Präparate der Frau demnächst eine Wiedergeburt erleben, wird unter Endokrinologen mit Spannung debattiert. "Mit der KRONOS- und der ELITE-Studie laufen zwei große Studien, deren Resultate demnächst vorliegen dürften", so Jaursch-Hencke. Die These ist, dass eine zeitlich befristete Östrogen-Therapie bei Frauen in der frühen Menopause nicht nur die Menopause-Symptome lindert, sondern möglicherweise sogar einen kardiovaskulären Nutzen bringt. Den kritischen Blicken der Öffentlichkeit dürfen sich diese Studien sicher sein.

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