Ärzte Zeitung online, 01.12.2017
 

HIV-Neuinfektionen in Deutschland

Aids geht immer noch jeden etwas an!

Allen Aufklärungskampagnen zum Trotz wird die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland nicht kleiner. Zudem tun sich neue Problemgruppen auf, die ihr Infektionsrisiko wohl unterschätzen. Gefragt sind sowohl Ärzte als auch Patienten.

Von Anne Bäurle

HIV-Neuinfektionen in Deutschland: Aids geht immer noch jeden etwas an!

Kondome schützen bei richtiger Anwendung vor einer HIV-Infektion.

© Yeko Photo Studio / stock.adob

Wirklich positiv sind die Zahlen, die das Robert Koch-Institut (RKI) aus Anlass des Welt-Aids-Tages vorgelegt hat, nicht: Trotz aller Safer-Sex-Kampagnen bleibt die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland mit rund 3100 im Vergleich zu 2015 konstant.

Zwar sind Neuinfektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben, in den letzten Jahren seltener geworden, ihre Zahl ist von 2500 im Jahr 2013 auf 2100 im Jahr 2016 gesunken. Allerdings gibt es auch ganz neue Problemgruppen:

  • Bei den Heterosexuellen infizieren sich immer mehr Menschen mit dem HI-Virus. Im Jahr 2016 waren es rund 750 Neu-Infektionen – im Vergleich mit 2010 ist das fast eine Verdoppelung. Das RKI vermutet als Ursache sexuelle Kontakte zu Personen, die intravenös Drogen konsumieren, Kontakte zu Männern, die Sex mit Männern haben, sowie Menschen, die sich im Ausland infiziert haben. Dass jüngere Heterosexuelle bisweilen zu sorglos mit dem Infektionsrisiko umgehen, hat beispielsweise eine Befragung österreichischer Schüler und Studenten ergeben, die bei der diesjährigen Münchner Aids- und Hepatitis-Werkstatt vorgestellt wurde: Trotz relativ guten Wissensstandes hatten die Befragten nur wenig Bewusstsein für HIV als persönlich relevantes Thema: 68 Prozent der Schüler und Studenten gaben an, schon einmal ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben – aber nur 36 Prozent hatten sich bisher auf HIV testen lassen.
  • Besonders betroffen sind zudem Menschen über 50 Jahren, wie eine Studie des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) nahelegt: In den 28 EU-Staaten sowie Liechtenstein, Norwegen und Island die Zahl der HIV-Infektionen zwischen 2004 und 2015 bei den Über-50-Jährigen signifikant gestiegen. Die Studienautoren schreiben dazu: "Menschen über 50 sind möglicherweise nicht mehr auf dem aktuellen Stand über die Risiken einer HIV-Infektion und Präventionsmethode, insbesondere wenn auf den Tod eines Partners oder eine Scheidung neue sexuelle Kontakte folgenn." Aids-Kampagnen richten sich zudem meist an Jüngere.
  • Eine weitere Problemgruppe tut sich ganz aktuell auf: Etwa 10 bis 15 Prozent der HIV-Neudiagnosen entfallen laut RKI auf Migranten aus Subsahara-Afrika – wobei bis zu einem Drittel dieser Infektionen vermutlich in Deutschland erworben wurde. Auch wird die Diagnose in dieser Patientengruppe häufig später gestellt als in den anderen Gruppen.
  • Insgesamt wissen rund 12.700 der 88.400 HIV- Infizierten in Deutschland nicht, dass sie das Virus in sich tragen, schätzt das RKI. Bei diesen besteht ein hohes Risiko, weitere Personen mit dem HI-Virus zu infizieren. Fast ein Drittel der HIV-Diagnosen in Deutschland entfällt daher auch auf Spätdiagnosen bei sogenannten "Late Presentern", also Infizierten, die bei der Diagnose bereits ein deutlich geschwächtes Immunsystem aufweisen oder eine Aids-Erkrankung entwickelt haben.

Sind Heimtests eine Lösung?

Das hat ein erhöhtes Sterberisiko zur Folge – und erhöhte Behandlungskosten.Wie lässt sich das Problem der steigenden Zahl der HIV-Infektionen in diesen Problemgruppen lösen?

Einen Beitrag können sowohl Ärzte als auch Patienten leisten: So erinnert die Deutsche Aids-Hilfe Ärzte an die Notwendigkeit einer höheren Sensibilität gerade bei älteren Patienten mit möglichen Zeichen einer Infektion. Dazu gehören: Fieber, Myalgien, Appetit- und Gewichtsverlust, Hautausschlag, Pharyngitis oder geschwollene Lymphknoten sowie im späteren Verlauf Herpes zoster, zervikale oder anale Dysplasien, Hepatitis B- oder -C-Infektionen und sexuell übertragbare Infektionskrankheiten.

Aufseiten der Patienten können Selbsttests für zu Hause ein Ansatz sein, für die sich die Deutsche Gesellschaft für Virologie und die Deutsche Aids-Hilfe aussprechen. Die Aids-Hilfe ist damit von ihrer anfänglichen Skepsis abgewichen. Hauptgrund für die Vorbehalte war eigenen Angaben zufolge die mangelnde Qualität der im Internet illegal vertriebenen Tests, die zudem schwierig durchzuführen waren. Dadurch sei es häufig zu Anwendungsfehlern und falschen Ergebnissen gekommen.

Dies habe sich mittlerweile geändert, in England und Frankreich gebe es einen Test mit hoher Zuverlässigkeit, der speziell für die Anwendung von Laien entwickelt wurde. Die Aids-Hilfe verweist zudem auf Studienergebnisse, nach denen der Heimtest den Schritt erleichtere, einen HIV-Test zu machen. Dies gelte vor allem für Menschen, die sich noch nie oder lange nicht mehr haben testen lassen.

In Deutschland dürfen Selbsttests bisher nicht an Privatpersonen abgegeben werden. Derzeit prüfe das Gesundheitsministerium allerdings, ob die Schnelltests zugelassen werden, berichtet die Aids-Hilfe. Kritisch sieht die Organisation allerdings weiterhin, dass bei einem Selbsttest die Beratung fehlt, die ein Patient in der Arztpraxis erhält.

Weitere Beiträge zur Serie:
"Welt-Aids-Tag 2017"

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