Ärzte Zeitung online, 27.03.2019

Ärzte ohne Grenzen

HIV-Arzneien kommen per Motorrad

Trotz der schweren Rebellenkämpfe in der Zentralafrikanischen Republik hat das HIV-Care-Programm von „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) überlebt. Mittlerweile zeichnen die Gesundheitsbehörden des Landes dafür verantwortlich.

Von Pete Smith

Es war acht Uhr in der Früh, als Pierre Yakanza Gouassi die ersten Schüsse hörte. Sie kamen aus dem muslimischen Viertel von Zemio und breiteten sich schnell auf die ganze Stadt aus.

Gouassi, stellvertretender Koordinator eines HIV-Projekts von Ärzte ohne Grenzen (MSF), rannte zum Krankenhaus, wo er auf seine Frau und seine vier Kinder traf, die dort wie viele andere Einwohner der zentralafrikanischen Stadt Zuflucht suchten. Am nächsten Tag setzten sich die Kämpfe fort.

Immer mehr Menschen fanden sich in der Klinik ein, darunter auch Mitarbeiter des MSF-Teams, das seine Basis der Kämpfe wegen hatte räumen müssen. „Wir blieben fast zwei Monate im Krankenhaus“, erzählt Gouassi, „bevor uns die Ereignisse zur Flucht zwangen.“

Zehntausende suchten Zuflucht

Vom Beginn der Kämpfe in Zemio am 28. Juni 2017 bis zu jenem Tag, da Pierre Yakanza Gouassi sein Heimatland verlassen musste, erlebten der MSF-Koordinator, seine Familie und seine Kollegen die Hölle auf Erden. In der Annahme, dass das Krankenhaus sicher sei, suchten Zehntausende Menschen dort Zuflucht.

Aus Zweigen bauten sie entlang der Klinikmauern Unterschlüpfe, litten Angst und Hunger. Am 11. Juli drangen erstmals bewaffnete Männer in das Krankenhaus ein und verlangten die Auslieferung einer Familie.

MSF-Mitarbeiter verbarrikadierten die Tür, doch die Angreifer brachen sie auf und erschossen ein Kind. Im August erfolgte ein zweiter Angriff. Mitten in der Nacht eröffneten bewaffnete Männer das Feuer und töteten elf Menschen.

Seit dem Sturz von Präsident François Bozizé Yangouvonda im März 2013 herrschen in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) Gewalt und Chaos. Bozizé hatte das Land, das nun in weiten Teilen von Rebellengruppen kontrolliert wird, zehn Jahre lang regiert.

Die anhaltenden Kämpfe konkurrierender Milizen haben die ZAR nun auf lange Sicht hin destabilisiert. Von den 4,6 Millionen Einwohnern gelten 430.000 als Binnenflüchtlinge, 450.000 sind in Nachbarländer geflohen, wo sie in Flüchtlingslagern leben.

Laut UN sind mehr als zwei Millionen Einwohner der ZAR von Nothilfe abhängig. 2016 galt die Zentralafrikanische Republik als das ärmste Land der Erde.

Patienten versorgen Patienten

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HIV-Infizierte und Aids-Patienten trifft der Krieg besonders hart, da ihre Versorgung mit antiretroviralen Medikamenten ständig bedroht ist.

„In der Zentralafrikanischen Republik haben wir ein besonderes Verteilsystem für mehr als 1000 Patienten in abgelegenen Regionen entwickelt, das die Verteilung der Medikamente in Kleingruppen organisiert“, erklärt Stefan Dold, Pressereferent von Ärzte ohne Grenzen in Berlin. „Jeweils ein speziell geschulter Patient übernimmt die Abholung und Verteilung der Medikamente, zum Beispiel mit dem Motorrad.“

Einer dieser Kuriere war Raymond, der aus dem Dorf Djema stammt, 130 Kilometer von Zemio entfernt. In der Region sind rund zehn Prozent aller Einwohner HIV-infiziert. Raymond fand, nachdem er im Dezember 2016 positiv auf HIV getestet wurde, Hilfe bei den MSF-Ärzten, die ihn mit antiretroviralen Medikamenten versorgten.

Bald übernahm er selbst die Abholung und Verteilung der Arzneien für die 26 Patienten seines Dorfs. Dazu musste Raymond zweimal im Jahr von Djema nach Zemio und zurück fahren.

Trotz der prekären Sicherheitslage ging das lange Zeit gut. Bis zum Sommer 2017, wo er ebenso wie Pierre Yakanza Gouassi in die Schusslinie der Rebellen geriet und in die anliegenden Wälder fliehen musste.

1200 HIV-Patienten ausfindig gemacht

Als Mitarbeiter von MSF im Oktober 2017 nach Zemio zurückkehrten, fanden sie eine Geisterstadt vor. Die meisten Einwohner lebten inzwischen in Flüchtlingslagern in der Demokratischen Republik Kongo. Daraufhin beschloss die Organisation, alle Aktivitäten in Zemio dauerhaft einzustellen.

Zugleich fahndete man nach dem Verbleib der HIV-Patienten, um sie weiterhin mit antiretroviralen Medikamenten versorgen zu können. Tatsächlich gelang es, über die jeweiligen Gruppenleiter 1200 Patienten ausfindig zu machen – unter ihnen auch Raymond, der mittlerweile im Kongo lebt.

Dorthin verschlug es zunächst auch Pierre Yakanza Gouassi, der nach Abflauen der Kämpfe an sich in seine Heimatstadt zurückkehren wollte. Das jedoch wäre allzu gefährlich, da er den neuen Machthabern als Feind gilt. Inzwischen lebt Gouassi in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik.

„Ärzte ohne Grenzen hat das HIV-care-Programm im Dezember 2017 an die Gesundheitsbehörden übergeben, die es erfolgreich weiterführen“, sagt MSF-Mitarbeiter Stefan Dold.

„Ein Projekt mit dem gleichen Muster haben unsere Teams seit 2018 auch in der Stadt Boguila im Westen des Landes umgesetzt, das weiterhin betrieben wird.“

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