Ärzte Zeitung, 13.09.2016
 

Haben Antibiotika Schuld?

Viele Menschen tragen resistente Enterobakterien

Bei gesunden Menschen begünstigen Fernreisen und Antibiotika die Besiedlung mit Enterobakterien. Die Träger können eine Gefahr etwa für abwehrgeschwächte Patienten in Kliniken sein.

Von Robert Bublak

Viele Menschen tragen resistente Enterobakterien

Mikroorganismen im Darm: Der Verdauungstrakt ist das Hauptreservoir für ESBL-Keime.

© fotoliaxrender / fotolia.com

PROVIDENCE. In Europa sind drei bis sechs Prozent der gesunden Bevölkerung Träger von resistenten Enterobakterien, die Extended Spectrum-Betalaktamasen (ESBL) produzieren. In anderen Regionen der Welt liegen die Anteile noch viel höher, wie jetzt eine Metaanalyse von US-Forschern ergeben hat.

ESBL-produzierende Enterobakterien sind Darmkeime, die Betalaktam-Antibiotika spalten können. Sie sind somit gegen diese Antibiotikaklasse resistent und daher vor allem in stationären Einrichtungen eine Bedrohung für Patienten. Inzwischen mehren sich zudem Berichte über ambulant erworbene Infektionen mit solchen Keimen.

Erkrankungen mit ESBL-produzierenden Enterobakterien sind dabei potenziell tödlich. Aufgrund der beschränkten Behandlungsoptionen benötigen die Patienten häufig Carbapeneme. In Ländern wie China und Indien hat sich daher der Einsatz solcher Reserve-Antibiotika in den vergangenen Jahren verdoppelt.

Hauptreservoir Verdauungstrakt

Unabhängig vom Infektionsbereich ist der Verdauungstrakt offenbar das Hauptreservoir für ESBL-Keime. Wissenschaftler um Dr. Styliani Karanika von der Warren Alpert Medical School an der Brown University in Providence haben nun untersucht, wie hoch die Prävalenz einer Kolonisation mit ESBL-produzierenden Keimen in der gesunden Bevölkerung in verschiedenen Regionen der Welt ist und welche Faktoren damit assoziiert sind (Clin Infect Dis 2016; 63: 310).

Für ihre Metaanalyse haben die Infektiologin und ihre Mitarbeiter Studien mit ESBL-Keimen der Klasse A ausgewählt, die hauptsächlich Cefotaximase, TEM und SHV produzieren. Sie verwendeten dafür die Daten von knapp 29.000 gesunden Personen aus 66 Studien.

Daraus ergab sich eine Gesamtprävalenz der Kolonisierung mit ESBL-Keimen der Klasse A von 14 Prozent. Die Berechnung der jährlichen Zuwachsrate ergab einen Wert von rund 5 Prozent.

Spitzenreiter Westpazifik-Staaten

Es zeigten sich aber große Unterschiede in der globalen Verteilung. So lag die ESBL-Kolonisationsrate im Westpazifik bei 46 Prozent, in Südostasien bei 22 Prozent und in Afrika ebenfalls bei 22 Prozent. Im östlichen Mittelmeeraum waren es 15 Prozent, in Südeuropa 6 Prozent, in Nordeuropa 4 Prozent, in Mitteleuropa 3 Prozent sowie in Nord- und Südamerika 2 Prozent.

Die häufigste nachgewiesene Betalaktamase war Cefotaximase (69 Prozent), gefolgt von TEM (21 Prozent) und SHV (10 Prozent).

Unter den Risikofaktoren für eine Kolonisierung mit ESBL-produzierenden Keimen schlug eine Antibiotikatherapie in den vorangegangenen vier sowie zwölf Monaten mit einer Risikosteigerung von 63 und 58 Prozent zu Buche.

Auch Reisen erwiesen sich als Einflussgröße. Fernreisen erhöhten die Besiedlungswahrscheinlichkeit um 400 Prozent. Bezogen auf bestimmte Reiseziele ergab sich für Reisen nach Indien eine Risikosteigerung um 240 Prozent.

Reisen nach Afrika hingegen, wiewohl der Kontinent als Hochrisikoziel gilt, waren nicht mit vermehrter ESBL-Besiedlung verbunden. Auch frühere Krankenhausaufenthalte oder Kontakt mit Tieren waren laut den Studienresultaten ohne Einfluss.

Nützt eine Dekolonisation?

"Gesunde Individuen sind ein bedeutendes Reservoir für ESBL-produzierende Keime, und die Besiedlungsrate scheint mit der Zeit zuzunehmen", schreiben die Infektiologen. Maßnahmen zur Kontrolle der Ausbreitung könnten sich auf Fernreisende sowie auf Personen konzentrieren, die antibiotisch behandelt wurden.

Ob dies seinen Zweck erfülle, müsse ebenso erforscht werden wie der Nutzen von Strategien zur Dekolonisation.

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