Ärzte Zeitung, 23.09.2010

Interview

Impfstoffe gegen Malaria und Krebs sind in Sicht

Wirkverstärker in Impfstoffen haben zu Unrecht einen schlechten Ruf, betont Dr. Jens Vollmar von GlaxoSmithKline. Adjuvantien optimieren Impfschutz und ermöglichen Impfstoffe gegen Malaria oder zur Krebstherapie.

Ärzte Zeitung: Warum braucht man für Impfstoffe Adjuvantien?

Dr. Jens Vollmar: Bei vielen Krankheiten kommt man mit traditionellen Konzepten für Impfstoffe nicht weiter, zum Beispiel weil die normale Immunantwort auf die möglichen Antigene nicht ausreicht oder weil Menschen mit schwachen Abwehrkräften geschützt werden müssen.

So ist zum Beispiel bei Kleinkindern das Immunsystem noch nicht reif, oder bei alten Menschen lassen durch die Immunseneszenz die Abwehrkräfte nach. Zudem können Menschen mit schwachen Abwehrkräften mit adjuvantierten Impfstoffen besser geschützt werden. Der Einsatz neuer Adjuvantien ermöglicht auch Impfstoffe gegen Krankheiten, gegen die bisher nicht geimpft werden konnte.

Ärzte Zeitung: Haben Sie Beispiele?

Vollmar: Ein Beispiel dafür ist unser Malaria-Impfstoff. Dieser Impfstoff ist nur durch die Zugabe verschiedener Adjuvantien möglich geworden. Diese ergänzen sich in ihrer Wirkung und rufen außer einer Antikörper-Antwort auch eine gute T-Zell-Antwort hervor.

Es ist weltweit der erste Impfstoff gegen die Tropenkrankheit, der nach Studiendaten deutlich die Infektionsrate und die Zahl schwerer Krankheitsverläufe vermindert. Der Impfstoff ist ausschließlich für Kinder in Endemieländern konzipiert. Momentan wird er noch in der Phase III geprüft. Wir hoffen, 2012 die Zulassung beantragen zu können.

Ärzte Zeitung: Welche Nachteile haben Adjuvantien?

Vollmar: Durch die verstärkte Wirksamkeit eines adjuvantierten Impfstoffs können sich auch die Impfreaktionen verstärken. Das hängt natürlich auch vom Immunsystem des Geimpften ab: Bei einem über 65-Jährigen ist da in der Regel weniger zu befürchten als bei einem 40-Jährigen. Unser adjuvantierter Schweinegrippe-Impfstoff war bei einem gesunden Menschen im Vergleich zu herkömmlichen Grippe-Impfstoffen etwas weniger verträglich, Häufigkeit und Schwere der Impfreaktionen entsprachen eher denen bei einem Tetanus-Impfstoff.

Bei einem Impfstoff versucht man immer, eine gute Balance zwischen Wirksamkeit und Nebenwirkungen hinzubekommen. Das wird natürlich bei einer Impfung für Säuglinge ganz anders beurteilt als bei einer therapeutischen Vakzine gegen Krebs. In Zukunft wird man deshalb auch ganz spezielle Impfstoffe für bestimmte Risikogruppen haben. Wir entwickeln zum Beispiel einen Zoster-Impfstoff für Menschen mit krankheitsbedingt oder medikamentös geschwächtem Immunsystem, etwa Organtransplantierten.

Ärzte Zeitung: Besonders bei Schwangeren gab es ja letzten Herbst Vorbehalte gegen adjuvantierte Impfstoffe ...

Vollmar: ... weil zunächst die Erfahrungen mit adjuvantierten Impfstoffen fehlten. Im Gegensatz zu Lebendimpfstoffen sind Totimpfstoffe aber bei Schwangeren sicher, das heißt, sie erhöhen die Risiken für Fehlbildungen und Aborte nicht. Das weiß man aus Impfstudien, in denen Frauen schwanger geworden sind. Die Ständige Impfkommission empfiehlt ja jetzt auch Schwangeren explizit die Grippe-Impfung.

Dass auch der adjuvantierte Impfstoff sicher ist, konnte während der Schweinegrippe-Pandemie eindrucksvoll gezeigt werden. Weltweit haben mehr als 3 Millionen Schwangere unseren adjuvantierten Impfstoff erhalten, ohne dass es Anzeichen für Probleme gegeben hat.

Ärzte Zeitung: Welche Impfstoffe werden durch Adjuvantien möglich?

Vollmar: Erforscht werden zum Beispiel Impfstoffe gegen Morbus Alzheimer oder Nikotinsucht. Mit Aduvantien-Mischungen kann man zudem die körpereigene Immunantwort gegen Tumorzellen enorm verstärken. Wir haben einen neuartigen therapeutischen Impfstoff gegen nichtkleinzelligen Lungenkrebs in Phase III der Entwicklung.

Der Impfstoff enthält das molekulare Antigen Mage-A3, das praktisch ausschließlich bei bestimmten Tumorzellen vorkommt und bei 30 bis 50 Prozent der Patienten mit diesem Krebs exprimiert wird.

Nach Studiendaten kam in Folge der Impfung bei knapp einem Drittel der Patienten die Krankheit zum Stillstand oder die Tumoren bildeten sich zurück. Wenn sich das Konzept weiter bewährt, sind eine ganze Menge Impfstoffe gegen weitere Krebsformen denkbar.

Die Fragen stellte Wolfgang Geissel

Dr. Jens Vollmar

Impfstoffe gegen Malaria und Krebs sind  in Sicht

© GSK

"Künftig gibt es Impfstoffe für ganz spezielle Risikogruppen."

Aktuelle Position: Medizinischer Leiter Impfstoffe bei GlaxoSmithKline.

Werdegang/Ausbildung: Medizinstudium an der Uni Erlangen-Nürnberg, Promotion über Herpesviren. Seit 1995 in verschiedenen Positionen bei Impfstoffherstellern tätig.

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