Ärzte Zeitung, 02.05.2018

Überblick

Welche Impfungen für Kinder auf Reisen ratsam sind

Steht eine Reise mit Kindern an, sollten nicht nur die allgemein empfohlenen Impfungen komplettiert werden. Je nach Reiseziel und Infektionsrisiko kommen für Kinder Impfungen gegen Cholera, Gelbfieber, japanische Enzephalitis, Tollwut, Tuberkulose und Typhus in Frage.

Von Roland Fath

Mit Kindern auf Reisen – Welche Impfungen?

Je nach Reiseziel werden für Kinder nicht nur Routineimpfungen empfohlen.

© SerrNovik / iStock / Thinkstock

NEU-ISENBURG. Steht eine Reise an, sollte rechtzeitig vor Beginn (mindestens ein Monat) an notwendige Impfungen gedacht werden.

Erste Maßnahme ist die Komplettierung der im Impfplan allgemein empfohlenen Impfungen.

Für Kinder sollten auch die Routineimpfungen gegen Hepatitis A, Kinderlähmung, Masern und Varizellen beachtet und ergänzt werden.

Welche weiteren Impfungen relevant sein können, erläutert Professor Ingomar Mutz aus St. Marein i.M., Österreich (Monatsschr Kinderheilkd 2018, 166: 305–312).

Je nach Reiseziel und Infektionsrisiko kommen für Kinder Impfungen gegen Cholera, Gelbfieber, japanische Enzephalitis, Tollwut, Tuberkulose und Typhus in Frage.

Über die epidemiologische Situation am Reiseziel sollte sich der Arzt im Internet informieren, etwa auf der Website der WHO. Hinsichtlich der Zulassung einzelner Impfstoffe ist das Alter des Kindes zu berücksichtigen, so Mutz.

Die Impfung gegen Meningokokken empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) für alle Kinder im 2. Lebensjahr, ist aber bei Reisen in Risikogebiete (unter anderen die Sahelzone in Afrika, Tansania, Nordafrika, Naher Osten, Saudi-Arabien) bereits ab dem vollendeten 2. Lebensmonat möglich.

Meningokokkenimpfstoffe können eine medikamentöse postexpositionelle Prophylaxe jedoch nicht ersetzen, schreibt der Pädiater.

Japanische Enzephalitis

Die Impfung gegen japanische Enzephalitis kommt bei Reisen in die Endemiegebiete Asiens bereits für Kinder und Säuglinge ab dem vollendeten 2. Lebensmonat infrage. Die Impfindikation richtet sich nach bereister Region, Jahreszeit, Reiseroute und -stil und sollte stets mit Spezialisten besprochen werden.

Die Impfung mit dem Totimpfstoff beinhaltet zwei Teilimpfungen im Abstand von circa vier Wochen. Danach besteht ein Schutz für mindestens 6 bis 12 Monate. Eine Auffrischung wird nach 12 bis 24 Monaten empfohlen. Nach allen drei Impfungen könne von einem etwa zehnjährigen Impfschutz ausgegangen werden, so Mutz.

Tollwut

Im internationalen Reiseverkehr ist auch die Tollwut ein ernst zu nehmendes Risiko. Nach einer Schätzung der WHO sterben jährlich 55.000 Menschen an Tollwut, fast alle in Entwicklungsländern in Asien und Afrika. Und im Zeitraum von 1990 bis 2012 wurden 60 Todesfälle durch Tollwutinfektionen im internationalen Reiseverkehr gesammelt.

Für Reisende in Endemiegebiete, besonders für jugendliche Radtouristen, für Kinder und "pet addicts" wird eine präexpositionelle Impfung empfohlen. Das Risiko eines tollwutsuspekten Tierkontakts wird auf 0,1–1 Prozent pro Monat Aufenthalt geschätzt.

Die Tollwutimpfung (Totimpfstoff) ist zu prä- oder postexpositioneller Anwendung geeignet und soll bevorzugt i.m. verabreicht werden. In Ausnahmefällen kann nach den Empfehlungen der WHO auch intradermal (0,1ml) geimpft werden. Die Grundimmunisierung besteht aus 3 Dosen (Tage 0, 7, 21 oder 28) und kann off-label auch in einem Schnellschema (Tage 0, 3, 7) erfolgen.

Typhus

Global erkranken jährlich etwa 20 Millionen Menschen an Typhus abdominalis, aber nur rund 50 Fälle werden jährlich nach Deutschland importiert.

Eine Impfung kommt für Reisende in Länder mit deutlich erhöhtem Typhusrisiko infrage, vor allem für Individualreisende (Rucksacktourismus). Hauptrisikogebiet ist der Ferne Osten.

Die Erkrankung, die in mehreren Phasen verläuft (lange anhaltendes Fieber, Benommenheit, Durchfall in der Spätphase), kann mit geeigneten Antibiotika gut behandelt werden. Jedoch machen Resistenzen des Erregers (Salmonella enterica Serova Typhi) zunehmend Probleme, gibt Mutz zu bedenken.

Die Sterblichkeit durch Typhusinfektion beträgt weltweit etwa 1 Prozent. 2–5 Prozent der Erkrankten werden Dauerausscheider.

Für die Typhusimpfung stehen zwei verschiedene Impfstoffe zur Verfügung. Die Vi-Polysaccharid-Vakzine muss nur einmalig verabreicht werden und ist für Kinder ab dem vollendeten 2. Lebensjahr zugelassen. Eine gute Alternative für Kinder ab dem vollendeten 6. Lebensjahr ist die Schluckimpfung (Kapsel) mit drei Impfdosen (Tage 1,3,5).

Die Schutzdauer beträgt 1-3 Jahre. Die Sicherheit der Impfstoffe wird als sehr gut eingestuft; die Wirksamkeit beträgt etwa 70 Prozent. Für Jugendliche ab dem vollendeten 15. Lebensjahr können auch Kombinationsimpfstoffe gegen Typhus (Vi-Vakzine) und Hepatitis A eine Option sein.

Cholera

Cholera ist in vielen Entwicklungsländern weltweit endemisch. Jährlich treten weltweit etwa 3–5 Millionen Erkrankungen auf. Nur ein Bruchteil verläuft unter dem Bild der klassischen dehydrierenden Cholera, schreibt Mutz.

Trotzdem sterben bis zu 120.000 Personen, vor allem kleine Kinder, jährlich an Cholera. Die Schutzimpfung gegen Cholera ist im Tourismus weitgehend entbehrlich. Das Risiko einer schweren dehydrierenden Erkrankung für touristisch reisende Personen liegt in einer Größenordnung von 1:3 Millionen.

Nur unter speziellen Bedingungen, wie etwa bei Choleraausbrüchen nach Naturkatastrophen oder in Flüchtlingslagern, sollte daran gedacht werden, vor allem dort tätige Personen zu immunisieren.

Bei der Impfung handelt es sich um eine Schluckimpfung. Der Impfstoff enthält inaktivierte Choleravibrionen von vier Stämmen und eine rekombinant hergestellte B-Untereinheit des Choleratoxins. Der Impfstoff schützt nicht gegen Serogruppe O139.

Die Impfung ist ab dem 2. Lebensjahr zugelassen und schützt für etwa 2 Jahre, wobei der Schutz mit der Zeit langsam abnimmt. Die Schutzwirkung liegt in einer Größenordnung von 70 Prozent.

Gelbfieber

Eine Gelbfieberimpfung ist ausschließlich bei Reisen in Endemiegebiete des tropischen Afrikas und Südamerikas indiziert und in einigen Ländern für die Einreise vorgeschrieben. Die einmalige Impfung mit einem Lebendimpfstoff bietet laut WHO-Beschluss vom 11.07.2016 lebenslangen Schutz.

Kinder vor dem vollendeten 1. Lebensjahr sollten nicht geimpft werden; es besteht das Risiko neurologischer Nebenwirkungen bei zu früher Impfung. Nur in Epidemiesituationen kann eine Impfung nach dem vollendeten 8. Lebensmonat erwogen werden.

Tuberkulose

Die BCG-Impfung zum Schutz vor Tuberkulose wird seit 1998 von der STIKO nicht mehr empfohlen. Allerdings wird für die Einreise in manche Hochinzidenzländer der Nachweis einer BCG-Impfung bei Kleinkindern und Kindern verlangt. Die Impfung kann vor schweren Krankheitsverläufen schützen und ist für alle Altersgruppen zugelassen.

Empfehlungen zu Reiseimpfungen

Reiseziel: Über die epidemiologische Situation am Reiseziel sollte sich der Arzt im Internet informieren, etwa auf der Website der WHO oder der STIKO am Robert Koch-Institut.

Impfstoff-Zulassung: Hinsichtlich der Zulassung einzelner Impfstoffe ist das Alter des Kindes zu berücksichtigen.

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