Ärzte Zeitung, 22.02.2005
 

Bei Antibiotika-assoziierter Diarrhoe hilft Tee plus Zwieback nicht immer

Durchfall bei Antibiose ist in ökonomischer Hinsicht ein beträchtliches Problem

WÜRZBURG (mf). Etwa jeder fünfte der Patienten, die Antibiotika einnehmen müssen, entwickelt unter dieser Behandlung eine Diarrhoe. Bei vielen Patienten ist dies eine harmlose Begleiterscheinung. Besonders bei älteren Patienten mit eingeschränkter Gesundheit besteht bekanntlich jedoch das Risiko einer pseudomembranösen Kolitis. Sie gehören damit zu denjenigen Patienten, bei denen eine Prophylaxe mit einem Hefepilz sinnvoll sein kann.

Clostridium difficile: Dieser Keim vermehrt sich besonders häufig im Darm von älteren Frauen, die Antibiotika einnehmen müssen. Foto: CellTech/UCB-Group

Prinzipiell könne jedes Antibiotikum durch Schädigung der physiologischen Darmflora einen Durchfall hervorrufen, erinnerte Professor Bernhard Lembcke vom Sankt Barbara-Hospital in Gladbeck auf einer Fortbildungsveranstaltung des Universitätsklinikums Würzburg in Würzburg. Dabei beginne die Diarrhoe meist in den ersten Tagen der Therapie; sie könne aber auch erst in den Wochen danach auftreten. Am häufigsten sei der Durchfall osmotisch - durch osmotisch wirksame unverdaute Kohlenhydrate - bedingt. Eine Kolitis liege dabei nicht vor.

Das Antibiotikum wechseln? Hierzu gibt‘s kaum harte Daten

Seien die Symptome nicht dramatisch, und könne von einer osmotisch bedingten Diarrhoe ausgegangen werden, seien keine weiteren Maßnahmen erforderlich - eine kohlenhydratarme Diät nach dem alten Hausrezept "Tee und Zwieback" reiche meist aus. Zu der Frage, wann ein Umsteigen auf welches Antibiotikum indiziert sei, gebe es kaum harte Daten. Allerdings sei dieses Problem in der Praxis eher gering, da es meist einige Tage dauere, ehe der Patient zum Arzt gehe und die Durchfalldiagnostik erfolgt sei - Zeit, in der die Antibiotika-Therapie oft schon ihre Wirkung entfaltet habe, sodaß das Mittel dann abgesetzt werden könne.

In ökonomischer Hinsicht sei das Problem allerdings beträchtlich: So fehlten die Patienten, die wegen eines Durchfalls unter Antibiose einen Arzt aufsuchten - das ist etwa jeder dritte der betroffenen Patienten - durchschnittlich 7,2 Arbeitstage. Die übrigen Patienten, die deswegen nicht den Arzt aufsuchten, fehlten 4,1 Tage am Arbeitsplatz.

Toxin von Clostridium difficile löst eine akut-floride Kolitis aus

Bei einigen Patienten kann eine Antibiotika-Therapie jedoch auch schwere Erkrankungen hervorrufen: So kann es - vor allem bei älteren, kranken Frauen - aufgrund der Störung der Darmflora zur Vermehrung des Bakteriums Clostridium difficile kommen. Das Toxin dieses Erregers löst bekanntlich eine akut-floride Kolitis aus, die mit einem dramatischen Krankheitsbild einhergehen kann. Etwa 15 bis 25 Prozent aller Antibiotika-assoziierten Diarrhoen sollen auf Clostridium difficile zurückzuführen sein, so Lembcke.

Mittel der Wahl seien Vancomycin oral oder Metronidazol; Ersatzmedikationen Teicoplanin oder Fusidinsäure. Bei schwerem Verlauf sollte zusätzlich Metronidazol intravenös gegeben werden, in Kombination mit einem Cephalosporin und Humanalbumin. Probleme bereiteten die Rezidive, die unter einer erneuten Antibiotika-Therapie auftreten könnten. Hier habe sich zur Prophylaxe die parallele Gabe von Saccharomyces boulardii zweimal 500 Milligramm (etwa Perenterol®) täglich über vier Wochen bewährt: Dadurch werde die Rezidivrate halbiert, so Lembcke.

Auch bei Patienten, die bereits einmal unter Antibiotika einen stärkeren Durchfall entwickelt hätten oder bei kranken älteren Patienten könnte bei einer Antibiose zur Vorbeugung eine solche Prophylaxe in Erwägung gezogen werden, meinte Lembcke.

Ebenfalls selten könnten unter einer Antibiose zudem zwei weitere Durchfallerkrankungen auftreten: Zum einen die segmentale, hämorrhagische Penicillin-assoziierte Kolitis, die durch Ampicillin, Amoxicillin oder Penicilline ausgelöst werden könne. Die Prognose sei trotz oft dramatischem Bild gut.

Und zum anderen die sekretorisch bedingte Diarrhoe, die überwiegend bei parenteral ernährten Patienten auftrete, bei denen zur Störung der Kohlenhydrat-Fermentation noch ein Substratmangel hinzu komme. Ebenso wie bei der osmotischen Diarrhoe liegt hier keine Entzündung des Darmes vor. Diesen Patienten empfiehlt Lembcke eine Diät mit komplexen, schwer verdaulichen Kohlenhydraten.

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