Ärztliche Allgemeine, 12.12.2005

Das WHO-Stufenschema erleichtert die Schmerzbehandlung

Auch bei Krebspatienten ist die Schmerztherapie noch immer nicht ausreichend. Dabei wird durch die Beschränkung auf wenige schmerzlindernde Mittel im Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation die Einstellung der oralen medikamentösen Behandlung wesentlich erleichtert.

Acht von zehn Krebspatienten haben in der letzten Phase ihres Lebens Schmerzen. Foto: PhotoDisc

Von einer "skandalösen Unterversorgung von Patienten, die mit einer Tumorerkrankung leben oder sich in ihrer letzten und schwierigsten Lebensphase befinden", spricht der Schmerztherapeut Dr. Thomas Nolte aus Wiesbaden. Tatsächlich haben Jahr für Jahr weit mehr als die Hälfte der 250 000 Tumorschmerzpatienten in Deutschland nicht ausreichend gelinderte Schmerzen.

Dies geht aus einer Untersuchung des Arbeitskreises Tumorschmerztherapie der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes von 2003 hervor. Dabei gehören Schmerzen bei Tumorpatienten zu den häufigsten Symptomen. Bei einigen Patienten sind sie sogar das erste Symptom, das sie spüren.

Epidemiologischen Studien zufolge haben 20 bis 50 Prozent der Patienten schon zu Beginn der Krankheit Schmerzen, 75 bis 90 Prozent dann bei fortgeschrittener Erkrankung. Bereits durch die richtige Anwendung der verfügbaren therapeutischen Möglichkeiten in der Schmerztherapie könne bei über 90 Prozent der Tumorschmerzpatienten eine ausreichende Schmerzlinderung erzielt werden, meint Nolte.

Es gehe dabei vor allem darum, Lebensqualität durch effektive Schmerz- und Symptomkontrolle zu erhalten oder auch wiederzugewinnen. Dieser Zeitpunkt werde häufig jedoch nicht erkannt, und es werde daher auch nicht entsprechend gehandelt.

Die Empfehlungen zur Therapie bei Tumorschmerzen ruhen auf dem 3-Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation zur Krebsschmerztherapie. In der Stufe 1 werden bei leichteren Schmerzen Nicht-Opioid-Analgetika angewendet. Ist die Schmerzlinderung unzureichend, wird in der zweiten Stufe das Nicht-Opioid-Analgetikum mit einem schwachen Retard-Opioid wie Tramadol oder Tilidin kombiniert.

Ist auch das nicht ausreichend schmerzlindernd, wird in der dritten Stufe das Nicht-Opioidanalgetikum mit einem stark wirksamen Retard-Opioid, etwa Morphin, Oxycodon oder Hydromorphon, kombiniert. Kommt es zu Durchbruchschmerzen, etwa bei Bewegung, Husten oder Defäkation, sollte auf allen Stufen des WHO-Schemas mit einem schnell anflutenden Opioid wie unretardierte Morphintabletten oder Fentanyllutscher kombiniert werden.

Der Schmerztherapeut Professor Michael Zenz aus Bochum empfiehlt, sich bei der Therapie an einige wenige Grundregeln zu halten. So sollten die Dosisintervalle an die Wirkungsdauer angepaßt werden. So weit es geht, sollten retardierte Opioide oder Präparate mit langer Wirkungsdauer verwendet werden.

Transdermale Opioide können nur bei Patienten mit stabilem Schmerzniveau genutzt werden. Verfügbar sind Buprenorphin- und Fentanyl-Matrixpflaster.

Bei Patienten mit schmerzenden Knochenmetastasen sind nach Ansicht von Nolte im Therapieplan auch Bisphosphonate - meist parenteral verabreicht - unverzichtbar. Bei Schmerzen durch Entzündungen wie auch bei Appetitmangel - meist in späteren Krankheitsstadien - sei auch niedrigdosiertes Kortison sinnvoll, das antiphlogistisch sowie antianorektisch wirkt.

Weil bei vielen Krebspatienten Opioide als Monotherapie nicht ausreichen, können auf allen Stufen die Analgetika mit Koanalgetika wie Antidepressiva, Antikonvulsiva, Bisphosphonaten und Kortikosteroiden kombiniert werden. Benzodiazepine seien für die Schmerztherapie nicht geeignet, so Zenz. (ple)

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