Ärzte Zeitung online, 11.06.2018

Studie

LED-Straßenbeleuchtung – ein Risikofaktor für Krebs?

Nie waren die Nächte so hell wie heute. Doch das könnte eine ungeahnte Kehrseite haben: Eine Studie nährt den Verdacht, dass die Außenbeleuchtung Krebs fördert.

Von Robert Bublak

LED-Straßenbeleuchtung: Ein Risikofaktor für Krebs?

Nächtlicher Blick von der ISS auf Europa: Besonders die Ballungsräume sind an der künstlichen Beleuchtung zu erkennen.

© 1xpert / Fotolia

Am Anfang war alles finster, zumindest wenn man der Bibel glaubt. Erst der Schöpfer legte den Schalter um: "Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht."

Licht am Tag, Finsternis in der Nacht: So einfach wie zu Anbeginn ist das inzwischen weiß Gott nicht mehr. Erst kürzlich haben Wissenschaftler des Deutschen Geoforschungszentrums Daten publiziert, die zeigen, dass dunkle Nächte in Deutschland immer seltener werden (Int J Sust Light 2017; 19: 112).

In vielen Bundesländern, vor allem aber in Bayern und Baden-Württemberg, wird es nachts heller und heller. Dabei wachsen sowohl die Lichtintensität als auch die beleuchteten Flächen.

Grundlage: EU-Verodnung

Ein Grund dafür liegt in der Umrüstung der Außenbeleuchtung. Diese geht auf die Verordnung 245/2009 der Europäischen Kommission zurück, die sich auf die umweltgerechte Gestaltung sogenannter Nichthaushaltslampen bezieht. Darunter fallen auch Straßenlaternen.

Im Zuge der Verordnung werden beispielsweise im Außenbereich genutzte Natriumdampflampen gegen energetisch günstigere Licht-emittierende Dioden (LED) ausgetauscht.

Während herkömmliche Natriumdampflampen im gelb-orangen Bereich leuchten und so gut wie keine Emissionen im kurzwelligen Spektralbereich abgeben, hat das Licht von LED-Leuchten einen relativ hohen Blauanteil.

Hier könnte ein Problem liegen, wenn lichter Tag und finstere Nacht nicht mehr geschieden sind. Denn Ergebnisse einer spanischen Studie belegen, dass eine stärkere nächtliche Beleuchtung von Außenräumen mit höheren Raten von Brust- und Prostatakrebs unter den Menschen assoziiert ist, die in den betroffenen Gebieten leben (Environ Health Perspect 2018, online 23. April).

Krebs mit hoher Blaulichtstrahlung assoziiert

Das spanische Forscherteam um Ariadna Garcia-Saenz von der Universität "Pompeu Fabra" in Barcelona hat für die Untersuchung dieses Zusammenhangs medizinische und epidemiologische Daten von mehr als 4000 Frauen und Männern analysiert, die in den Jahren 2008 bis 2013 in elf Regionen Spaniens lebten.

Wie sich in diesen Gegenden die Außenlichtverhältnisse in der Nacht darstellten, entnahmen die Forscher Bildern von der Raumstation ISS.

Die Berechnungen von Garcia-Saenz und Kollegen zeigten, dass das Risikoverhältnis (Odds Ratio) für Brustkrebserkrankungen in Gegenden mit der höchsten Blaulichtstrahlung im Außenbereich um 50 Prozent erhöht war, wenn Frauen aus Gegenden mit dem geringsten Blaulichtanteil als Vergleich herangezogen wurden.

Doppelter Risiko?

Der Quotient aus Erkrankten zu Nichterkrankten fiel bei stärkerer Strahlung also um die Hälfte höher aus. Der Vergleich für Männer ergab ein verdoppeltes Risikoverhältnis für Prostatakrebs.

Wie entscheidend der Anteil kurzwelligen Lichts war, zeigte sich daran, dass Personen mit der höchsten nächtlichen Lichtintensität im sichtbaren Bereich mit höherer Wahrscheinlichkeit Kontrollen als Patienten waren, speziell mit Blick auf Prostatakrebs. Hier bestand also eine inverse Beziehung zwischen der Lichtintensität während der Nacht und dem Tumorrisiko.

Keiner der Studienteilnehmer hatte jemals in Nachtschichten gearbeitet. Der Chronotyp – Eule oder Lerche – war für die Ergebnisse bedeutungslos.

"Sowohl Prostata- wie Brustkrebs waren mit einer erhöhten Exposition gegenüber nächtlichem Außenlicht im blau angereicherten Spektrum assoziiert", fasst Garcia-Saenz die Resultate der Studie zusammen.

Sie verweist ebenfalls auf den schon erwähnten Umstand, dass in vielen Städten die Natriumlampen gegen LED getauscht werden, was die Außenhelligkeit während der Nacht und besonders den Anteil kurzwelligen Lichts im Blaubereich erhöht.

Kein Beleg für einen kausalen Zusammenhang

Aus früheren Studien ist bekannt, dass Personen, die kurz vor dem Schlafengehen blauem Licht ausgesetzt sind – etwa aus elektronischen Geräten –, nachts weniger Melatonin produzieren. Das könnte die Entwicklung hormonabhängiger Tumoren wie Brust- und Prostatakrebs beeinflussen. In diese Richtung weisen auch die Berechnungen der Wissenschaftler.

Kausal verbinden kann die spanische Fall-Kontroll-Studie das Außenlicht während der Nacht und Karzinome der Brust oder Prostata zwar aus methodischen Gründen nicht.

Muss Blaulicht in der Nacht dennoch als wahrscheinlich krebserregend eingestuft werden, wie vor mehr als zehn Jahren bereits das Arbeiten in Nachtschicht? Weder das Bundesinstitut für Risikobewertung noch das Umweltbundesamt hatten auf Nachfrage eine abschließende Bewertung zu den Resultaten der spanischen Studie parat.

Wie eine eher traditionelle Lösung der Beleuchtungsfrage aussehen könnte, ist wiederum in der Bibel nachzulesen. Dort wird erzählt, wie der Schöpfer damals das Problem auf seine eigene Weise anging: Am vierten Tag schuf er Sonne, Mond und Sterne. Von Leuchtdioden im Blaulichtbereich keine Rede.

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[11.06.2018, 13:46:40]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Rein spekulative Studieninterpretationen!
"Evaluating the Association between Artificial Light-at-Night Exposure and Breast and Prostate Cancer Risk in Spain (MCC-Spain Study)" von Ariadna Garcia-Saenz et al.
https://ehp.niehs.nih.gov/EHP1837/
ist derartig spekulativ, dass m. E. nicht mal von einer vagen Assoziation die Rede sein kann.

Denn nicht nur in Spanien sind Regionen mit hoher künstlicher Lichtintensität die am stärksten besiedelten, industrialisierten, motorisierten und nicht zuletzt medizinisch am intensivsten versorgten Regionen. In wenig erhellten Regionen sind Patientenansprüche an Anamnese, Untersuchung, Diagnostik und Therapie schon allein aus logistischen Gründen nicht so hoch entwickelt, wie in hell erleuchteten, Verkehrs- und Noxen-reichen Metropolen.

Dass es sich bei den Studienergebnissen um reine Zufallstreffer handelt, die ins "Blaue" hinein interpretiert wurden, erkennt man an der in der Ärzte Zeitung dargestellten inversen Beziehung:
"Wie entscheidend der Anteil kurzwelligen Lichts war, zeigte sich daran, dass Personen mit der höchsten nächtlichen Lichtintensität im sichtbaren Bereich mit höherer Wahrscheinlichkeit Kontrollen als Patienten waren, speziell mit Blick auf Prostatakrebs. Hier bestand also eine inverse Beziehung zwischen der Lichtintensität während der Nacht und dem Tumorrisiko."

Im Studientext liest sich das folgendermaßen:
"We found that prostate cancer was positively associated with outdoor light at night in the blue light spectrum and with self-reported indoor light at night, but was inversely associated with outdoor light in the visible spectrum." Dies bedeutet, auch wenn der Blaulichtanteil in geschlossenen Räumen gar nicht gemessen wurde, habe es angeblich eine positive Assoziation zum Prostata-Krebs gegeben. Wohingegen das sichtbare Lichtspektrum außerhalb geschlossener Räume, das ebenfalls nicht gemessen wurde, eine inverse Assoziation zum Prostata-Krebs gezeigt habe.

"Breast cancer also was associated with outdoor light in the blue spectrum, but was not associated with outdoor light in the visible spectrum or with self-reported indoor light at night." Brustkrebs war angeblich auch mit Außenbeleuchtung im blauen Spektrum assoziiert, aber nicht mit Außenlicht im sichtbaren Spektrum und nicht mit selbst berichtetem nächtlichem Licht in geschlossenen Räumen.

Verwunderlich bleibt dann nur noch, wieso der Lichtmangel zu biblischen Aufzeichnungs- und Niederschrift-Zeiten zu geschätzten durchschnittlichen Lebenserwartungen bis etwa 35 Jahren (Frauen ca. 30 Jahre, Männer bis 35 Jahre) ohne Brust- oder Prostatakrebs-Erwartung führen konnte?
Wohingegen die derzeitige Lebenserwartung mit mittlerweile immer höherem Blaulichtanteil in den EU-weit geforderten Energiesparlampen für neugeborene Jungen gut 78 Jahre bzw. für Mädchen gut 83 Jahre beträgt:
„Die Lebenserwartung in Deutschland ist erneut angestiegen: Sie beträgt nach der auf die aktuellen Sterblichkeitsverhältnisse bezogenen Sterbetafel 2014/2016 für neugeborene Jungen 78 Jahre und 4 Monate und für neugeborene Mädchen 83 Jahre und 2 Monate. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, erhöhte sich die Lebenserwartung im Vergleich zur vorherigen Sterbetafel 2013/2015 für neugeborene Jungen und Mädchen um jeweils etwa 2 Monate.“
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Sterbefaelle/Sterbefaelle.html

Alter und gestiegene Lebenserwartung sind nun mal vor allen anderen, theoretisch möglichen Risikofaktoren die stärksten Prädiktoren für die Entwicklung von Tumorerkrankungen. Dies sollte mein Kommentar beleuchten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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