Ärzte Zeitung online, 28.01.2019

Studien verdichten Hinweise zum Nutzen

Was bringt ASS zur Krebsprävention?

Die beste Evidenz für eine krebsvorbeugende Wirkung von ASS existiert derzeit für das kolorektale Karzinom. Zwei neue Studien liefern Hinweise auf einen Schutz vor weiteren Krebserkrankungen. Empfehlungen zu einer generellen Chemoprävention mit ASS sind aber nicht absehbar.

Von Beate Schumacher

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Tablette gegen Krebs ? Neue Erkenntnisse haben „das Potenzial, eine Veränderung der klinischen Praxis anzustoßen“.

© somenski / Fotolia

Die Hoffnung, durch ASS die Entstehung von Krebs verhindern zu können, ist nicht neu. Die ersten großen Studien dazu wurden bereits in den 1990er-Jahren veröffentlicht. Am besten untersucht ist der Einfluss auf kolorektale Karzinome. In Beobachtungsstudien, aber auch in randomisierten Studien (zur kardiovaskulären Prävention) hatten gesunde Teilnehmer, die mindestens fünf Jahre lang regelmäßig ASS (81–325 mg/d) einnahmen, ein um 20–25 Prozent reduziertes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken.

Für die US Preventive Services Task Force war die Datenlage ausreichend, um sich im Jahr 2016 erstmals explizit für eine Chemoprävention für gesunde Menschen ohne erhöhtes Krebsrisiko auszusprechen – sofern sie 50–59 Jahre alt sind und auch ein kardiovaskulärer Nutzen von ASS zu erwarten ist (10-Jahres-Risiko über 10 Prozent).

Aus den USA kommen nun auch zwei Publikationen, die eine weiterreichende krebspräventive Wirkung von ASS nahelegen: Mollie Barnard (Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston) und ihr Team haben bei Frauen unter niedrig dosierter ASS eine reduzierte Ovarialkarzinomrate festgestellt (JAMA Oncol. 2018; 4: 1675).

Tracey Simon (Massachusetts General Hospital in Boston) und Kollegen haben beobachtet, dass bei langfristiger Anwendung des Wirkstoffs seltener Leberkrebs auftritt (JAMA Oncol. 2018; 4: 1683). Die Ergebnisse beider Untersuchungen fußen auf prospektiven Kohortenstudien.

Fehlende Dosis-Wirkungs-Beziehung für ASS

Zum Ovarialkarzinom wurden Daten von mehr als 200.000 Krankenschwestern ausgewertet; 1054 von ihnen waren an Eierstockkrebs erkrankt. Frauen unter einer seit mindestens zwei Jahren bestehenden Therapie mit Low-dose-ASS (≤ 100 mg/d) wiesen dabei ein um 23 Prozent geringeres Krebsrisiko auf als Frauen ohne ASS. Die Einnahme von ASS in Standarddosierung hatte jedoch keinen Einfluss auf die Krebsrate.

Das verminderte Ovarialkarzinomrisiko unter „Herz-ASS“ war außerdem unabhängig von Dauer und kumulativer Dosis der Behandlung. Bei einer Therapie mit Nicht-ASS-NSAR war das Ovarialkarzinomrisiko überraschenderweise um 19 Prozent erhöht.

Für den Zusammenhang zwischen ASS und Leberkrebs, untersucht bei über 130.000 Beschäftigten im Gesundheitswesen mit 108 Neudiagnosen, war dagegen eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zu erkennen. Bei regelmäßigen ASS-Anwendern, Frauen wie Männern, war das Erkrankungsrisiko insgesamt um 49 Prozent niedriger als bei Teilnehmern mit unregelmäßiger ASS-Einnahme.

Ein Nutzen zeigte sich ab einer Wochendosis von mehr als 1,5 ASS-Tabletten à 325 mg. Zudem musste die Therapie seit mindestens fünf Jahren bestehen. Bei Therapiedauer von fünf bis zehn Jahren ergab sich gegenüber Nichtanwendern ein um 38 Prozent, bei längerer Anwendung ein um 45 Prozent reduziertes Leberkrebsrisiko.

Die Einnahme anderer NSAR oder von Paracetamol hatte keine Auswirkung auf die Erkrankungshäufigkeit.

Aus den Ergebnissen der neuen Studien ließen sich noch keine Empfehlungen ableiten, betonen beide Autorenteams in Pressemeldungen. Ein niedrigeres Ovarialkarzinomrisiko ist zwar zuvor auch in Fall-Kontroll-Studien bei Anwenderinnen vor allem von niedrig dosierter ASS beobachtet worden; Kohortenstudien haben aber zu uneinheitlichen Ergebnissen geführt.

In der aktuellen Studie werfen vor allem die fehlende Dosis-Wirkungs-Beziehung und der Anstieg der Krebshäufigkeit unter NSAR Fragen auf; hier ist noch mehr Forschung zum potenziellen Wirkmechanismus von Low-dose-ASS notwendig.

ASS-Datenlage für hepatozelluläres Karzinom besser

Die Existenz einer Dosis-Wirkungs-Beziehung macht einen Kausalzusammenhang wahrscheinlicher. Das Problem hier ist ein anderes: Chemoprävention bedeutet, dass gesunde Menschen regelmäßig ein Medikament einnehmen. Der in der Zukunft liegende potenzielle Nutzen muss also besonders sorgfältig gegen mögliche Nebenwirkungen der Behandlung abgewogen werden.

Im Fall einer Chemoprävention mit ASS ist das primär das Blutungsrisiko. Da Patienten mit Lebererkrankungen weniger Gerinnungsfaktoren bilden, könnte bei ihnen die Blutungsgefahr gravierender sein.

Trotz der noch unzureichenden Evidenz für eine ASS-Behandlung zum Schutz vor Leber- und Eierstockkrebs hätten die neuen Erkenntnisse „das Potenzial, eine Veränderung der klinischen Praxis anzustoßen“, heißt es in einem begleitenden Editorial der Onkologin Victoria Seewaldt (City of Hope Comprehensive Cancer Center in Duarte). Bis es so weit kommt – wenn überhaupt – dürfte aber noch einige Zeit vergehen.

Derzeit wird in Deutschland auch eine Chemoprävention von Darmkrebs nicht empfohlen. In der Leitlinie zum kolorektalen Karzinom heißt es, dass ASS – wegen des Risikos gastrointestinaler Blutungen und der fehlenden Nutzen-Risiko-Bewertung – „in der asymptomatischen Bevölkerung nicht zur Primärprävention eingenommen werden soll“. Selbst Patienten mit Lynch-Syndrom wird derzeit von einer allgemeinen Chemoprävention abgeraten.

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