Ärzte Zeitung online, 16.03.2017
 

Lymphödem

Chirurgen testen neuen Kniff

Ersatz-Lymphknoten nahe Ellenbogen und Handgelenk: Kasseler Forscher haben Pionierarbeit für eine bessere Therapie bei Lymphödem nach Brustkrebs-Op geleistet.

Chirurgen testen neuen Kniff

Schmerzfrei nach der Op: Patientin Gisela T. mit den Plastischen Chirurgen Professor Goetz Giessler (links) und Dr. Holger Engel.

© Gesundheit Nordhessen/Klinikum Kassel

Von Marco Mrusek

KASSEL. Nach einer Brustkrebs-Op und begleitender Lymphknotenentfernung in der Achselregion kommt es bekanntermaßen häufig – bei bis zu 63 Prozent der Patientinnen – zu einem Lymphödem der betroffenen Armseite. Die Folgen: Schwellungen sowie Spannungs- und Schweregefühl des betroffenen Armes.

Sind keine oder nur noch wenige intakte Lymphgefäße vorhanden, ist die Transplantation von Lymphknoten aus einem anderen Körperbereich eine Möglichkeit, die nur von wenigen Kliniken in Deutschland angeboten wird. "Werden Lymphknoten in ein chronisch ödematöses Körperteil transplantiert, so wird damit ein neuer Lymphabfluss geschaffen, was unseren Patienten mittelfristig erhebliche Erleichterung bringen kann", erläutert PD Dr. Holger Engel vom Klinikum Kassel.

Einer 64-jährigen Patientin mit Schwellung und Spannungsgefühl im Arm konnten nun Engel und seine Kollegen mit einer doppelten Lymphknotentransplantation helfen. Die Patientin Gisela T. sei seit der Operation schmerzfrei, die Schwellung und das Spannungsgefühl im Arm seien deutlich zurückgegangen, meldet das Klinikum.

Ständige Schmerzen im Arm

Bei der Patientin wurde 2008 Brustkrebs diagnostiziert, es folgten Chemotherapie, Op und Bestrahlung. Es entwickelte sich ein Lymphödem im linken Arm, weil im Zuge der Krebsbehandlung auch Lymphknoten in der linken Achselregion entfernt werden mussten. Regelmäßige Lymphdrainage und das Tragen von Kompressionsstrümpfen zeigten keine ausreichende Wirkung: "Arm und Finger waren nach wie vor stark geschwollen", wird die Patientin in der Meldung zitiert. "Ich hatte ständig Schmerzen, insbesondere abends."

Am Klinikum Kassel entnahm man zwei Lymphknotentransplantate aus dem Mesenterium. Diese Entnahmestelle, die weltweit bisher nur in einem US-amerikanischen Tumorzentrum genutzt werde, habe den Vorteil, dass gleichzeitig mehrere Lymphknotentransplantate entnommen werden könnten. "Dies kann über einen nur vier Zentimeter kleinen Schnitt oberhalb des Bauchnabels erfolgen", so Professor Goetz Giessler in der Mitteilung.

Ausreichende Pumpleistung

Weltweit die ersten sind die Kasseler Chirurgen nach Angaben des Klinikums mit der doppelten Lymphknotentransplantation an zwei unterschiedlichen Regionen des Armes. Sie setzten die Lymphknoten im Bereich des Ellenbogens und des Handgelenks ein. Engel vergleicht die Lymphknoten mit kleinen Pumpstationen. "Bei einer Transplantation in den Bereich der Achsel – ein ebenso mögliches Verfahren – hätte die Pumpleistung nicht bis zum Handgelenk gereicht."

Gleich nach der Operation waren die Schwellung deutlich verringert und die Schmerzen im linken Arm und der Hand verschwunden, berichtet die Patientin. Fünf Monate nach dem Eingriff sei der Oberarm bereits zwei Zentimeter dünner, der Unterarm einen Zentimeter. Die Schwellung könne sich noch bis ein Jahr nach der Op verringern. Aktuell trage die Patientin weiterhin ihre Kompressionsstrümpfe mit begleitenden Lymphdrainagen. Langfristig benötigen dem Klinikum zufolge ungefähr zehn Prozent der Patientinnen gar keine Kompressionswäsche und Lymphdrainage mehr. Das sei davon abhängig, wie weit das Lymphödem fortgeschritten sei. (mmr)

63%

der Patientinnen mit Brustkrebs und Lymphknotenentfernung in der Achselregion entwickeln als Folge ein Lymphödem auf der betroffenen Armseite.

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